Posted On 29. November 2017 By In Bücher, Litmag With 227 Views

Colson Whitehead: Underground Railroad

whitehead_undergroundErschütternd finster und eminent erhellend

– Der 1969 in New York geborene Colson Whitehead gehört zusammen mit Teju Cole zu den wichtigsten und zugleich am schwierigsten einzuordnenden afro-amerikanischen Autoren. Seine Romane bespielen ein breites Spektrum vom atmosphärisch-dichtem und psychologisch nuancenreichen Erzählen über postmodernes Collagieren bis zur Zombie-Phantastik. Nicht im entferntesten lässt er, der in der gehobenen Mittelschicht geboren wurde und auf eine New Yorker Privatschule ging, sich dabei auf das Etikett „schwarzer“ Schriftsteller reduzieren und lässt die Rassen- und Diskriminierungsfrage allenfalls sublim und untergründig mitschwingen. Doch jetzt blickt er in seinem zugleich mit dem National Book Award und dem Pulitzerpreis ausgezeichneten Roman „Underground Railway“ in die im doppelten Wortsinne schwarze Vergangenheit der USA zurück. Er  zeichnet ein ebenso erschütterndes wie erhellendes Bild vom menschenverachtenden System der Sklaverei und macht zugleich Mut durch den unbedingten Freiheitswillen seiner Protagonistin.

Colson Whitehead erzählt in „Underground Railway“ die Geschichte der jungen Cora, die Mitte des 19. Jahrhunderts auf einer der Baumwollplantagen Georgias ausgepresst und geschunden wird. Seit ihre Mutter von der Plantage floh und sie im Stich ließ, ist sie auf sich alleine gestellt und versucht sich nicht nur gegen ihren despotischen Besitzer, sondern auch in der von Intrigen und Machtkämpfen bestimmten Sklaven-Hierarchie zu behaupten: „Es  gab eine Ordnung von Elend, ein in anderem Elend steckenden Elend, und man musste den Überblick behalten.“

Nach einem Zusammenstoß mit ihrem „Herren“ beschließt Cora zusammen mit Caesar von der Plantage zu fliehen. Auf der Flucht tötet sie im verzweifelten Kampf einen weißen Jungen und nach einem Weg durch die Sümpfe kommen sie zu einer Station der „Underground Railroad“. Das, was historisch ein Netzwerk von Fluchtrouten, Unterschlüpfen und Unterstützern gewesen ist, transformiert Whitehead hier in die Realität und lässt die beiden Flüchtenden in einem unterirdischen Bahnhof in einen dampfenden Zug einsteigen. Als Bessie Carpenter steigt sie in South Carolina wieder aus, wo sie an einem Schulprogramm teilnimmt und Arbeit findet. Doch ein Sklavenjäger hat sich auf ihre Spur gesetzt und so muss sie erneut fliehen und landet in einer heißen und stickigen Dachkammer in North Carolina. Aus einem kleinen Guckloch mit Blick auf den Park, in dem als öffentliches Spektakel wöchentlich von den „Nachtreitern“ wieder eingefangene  Sklaven erniedrigt und gehängt werden, eröffnet sich ihr  das System der Sklaverei, das auf Angst, Kontrolle, Denunziation und bestialischer Gewalt fußt.  Auf verblüffende Weise führt Whitehead hier das Schicksal von Cora mit dem von Anne Frank und das System der Sklaverei mit dem Nationalsozialismus eng. „Eine Tages“, so ist sich Cora sicher, „würde das System im Blut zusammenbrechen“.

„Underground Railroad“ ist ein finsteres und blutiges Buch, ein Buch, das in das rabenschwarze Herz der Sklaverei führt und richtig weh tut. Geschickt verwebt Colson Whitehead dabei das Einzelschicksal von Cora, deren steiniger Weg in die Freiheit sie aus der Dachkammer noch weiter über Tennessee bis nach Indiana führt, mit den ebenso hasserfüllten wie nüchtern berechnenden  Strukturen und Funktionsmechanismen der Sklaverei. Diese bildet zusammen mit der Enteignung und Vertreibung der amerikanischen Ureinwohner so etwas wie die „Erbsünde“ Amerikas und einen bis heute nicht versiegenden Quell des Rassismus und des Nationalismus. Und so unterstreicht Whitehead im Interview auch: „immer, wenn man über den Rassismus der Vergangenheit schreibt, schreibt man auch über den Rassismus der Gegenwart.“ Und so ist „Underground Railroad“ auch gerade angesichts der aktuellen nationalistischen und ausgrenzenden Tendenzen in den USA und einigen Ländern Europas ein eminent wichtiges Buch.

Karsten Herrmann

Colson Whitehead: Underground Railroad. Aus dem Amerikanischen von Nikolas Stingl. Hanser 2017. 352 Seiten. 24,00 Euro.

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