Geschrieben am 11. September 2013 von für Bücher, Litmag

Clemens Meyer: Im Stein

Clemens Meyer_im SteinLiteratur, die auf’s Ganze geht

– Clemens Meyer hat den Sprung auf die Shortlist des „Deutschen Buchpreises“ geschafft, mit einem Roman, der sich wenig schert um Konventionen oder Erwartungshorizonte. Karsten Herrmann ist gepackt, fasziniert – und ein wenig genervt.

In einem Interview bezeichnete sich der 1977 in Halle an der Saale geborene Clemens Meyer selber einmal als „Kind der Straße“, das „in der Gosse rumkrebste“. Auch später, während seines Studiums am Literaturinstitut Leipzig, schlug er sich als Bauhelfer, Wachmann und Möbelpacker durch und landete sogar einmal im Jugendarrest.

Die Annahme liegt nahe, dass diese Erfahrungen und eine entsprechende „Street Credibility“ auch die Quelle für die konsequente Entfaltung des literarischen Sujets von Clemens Meyer ist – denn angefangen bei seinem hoch gelobten Debutroman „Als wir träumten“ über zwischenzeitliche Stories und Tagebücher bis hin zu seinem jetzt erschienenen zweiten Roman „Im Stein“ zeigt er sich als ein emphatischer Chronist der kleinen Leute, der Halb- und Unterwelt, der Nacht und ihrer Geschichten.

Clemens_Meyer_2010In seinem Roman „Im Stein“ durchmisst Clemens Meyer nun das Rotlichtmilieu und die Geschäfte mit dem Sex in allen erdenklichen Variationen. Detailreich und authentisch sampelt  er Szenen, Menschen und Stimmen der großstädtischen Nacht zusammen, lässt Prostituierte, Zuhälter, Freier, Bar-Betreiber, Dealer, Junkies, Jockeys, Taxifahrer und Kommissare wie in einem Kaleidoskop schillernd auf- und abtauchen.

Neben Rotlichtgrößen wie dem „Schweine-Hans“ oder dem „Bielefelder“ ist „AK 47“ dabei eine der Hauptfiguren des Romans. Er, der plötzlich angeschossen auf dem Asphalt liegt und der nach der Wende seine Karriere im Rotlicht begann, versteht sich als Manager und Geschäftsmann, machte das Abitur nach, studierte BWL und träumt von der seriösen „Aktie Rot“: „Wenn man mehr wollte als die Luden und die Halbseidenen und Großschnauzen mit den großen Uhren, die irgendwann ihre Uhren zum Pfandleiher brachten oder ihre Koksnasen zurück in die Gosse, wenn man mehr wollte, musste man mehr tun.“

Clemens Meyer ist immer ganz nah und mit viel Sympathie dran an seinen Figuren und lässt sie aus den verschiedenen Perspektiven auf das  Geschäft mit dem Sex blicken. Sie erzählen fragmentarisch in einer Art Bewusstseinsstrom, in dem sich Vergangenheit und Gegenwart, Erinnerungen, Reflexionen, Assoziationen und Versatzstücke aus Werbung und Medien vermengen.

Nur langsam ergibt sich aus den vielen kleinen Mosaiksteinchen und übergangslosen Zeit- und Ortswechseln ein Bild der Menschen und ihrer Geschichten, der (Rotlicht-) Szene und ihrer Umbrüche und Machtwechsel von der Wende bis ins neue Jahrtausend – Literatur zeigt sich hier als eine Sozialgeschichte der ganz eigenen Art.

Ebenso vielfältig wie das Personal ist auch die Erzählweise des Romans: Das Tempo variiert  von wohltemperiert bis manisch-rasend, der Ton von zärtlich über lakonisch bis brutal, der Stil vom spröden Naturalismus bis hin zu einem überschäumenden pornografischem Dadaismus.

Clemens Meyer zeigt sich mit „Im Stein“ als ein Schriftsteller, der ebenso kompromiss- wie tabulos  auf’s Ganze geht und sich nicht um Konventionen oder Erwartungshorizonte schert. Diese Art von Literatur vermag zu begeistern, zu packen und zu faszinieren, nervt aber zuweilen auch schlichtweg und macht ratlos. Auf jeden Fall aber ist „Im Stein“ ein ganz und gar außergewöhnliches Stück Literatur, das man so noch nicht gelesen hat.

Karsten Herrmann

Clemens Meyer: Im Stein. S. Fischer Verlag 2013. 560 Seiten. 22,99 Euro. Foto: Wikimedia Commons 3.0, Autor: Amrei-Marie, Quelle.

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