Chuck Palahniuk: Snuff


Die Queen hat meine Scheiße gefressen

Stefan Beuse über Chuck Palahniuks Snuff, die originellste Familiengeschichte seit den Buddenbrooks.

In „Fight Club“ zum Beispiel. Da gibt es diesen Filmvorführer, der Einzelbilder aus Pornos in Kinderfilme schneidet. 25 Bilder pro Sekunde. 24 Bilder zeigen Schneewittchen oder Bambi. Aber eins zeigt erigierte Geschlechtsteile.

Oder dieser Sternekoch, der seine Körperflüssigkeiten gern in Bratensaucen und Schaumspeisen mischt. Um dann sagen zu können: Die Queen hat meine Scheiße gefressen.

Ein bisschen so funktionieren alle Romane von Chuck Palahniuk. Er nimmt ein bestimmtes Milieu, eine Gesellschaftsschicht, sucht sich einen Punkt, von dem aus er angreift und stülpt die ganze Sache dann von innen nach außen, zerstört die gewohnte Oberfläche, die kompatible Maske mittels eines anfangs winzigen Störfaktors, der durch seine anarchische Kraft oft biblische Dimensionen erreicht.

In einer unvergleichlichen Mischung aus originellem Setting, überraschendem Plot, grandios skurrilen Einfällen und akribischer Recherche in den abseitigsten Winkeln der Gesellschaft pfeffert uns Palahniuk seine Geschichten in Sätzen um die Ohren, die jeder für sich schon eine rechte Gerade mitten in die verzerrte Fratze des längst schockgefrorenen Dauerlächelns des amerikanischen Traumes sind.

„Wenn es auf dem Gipfel des Mount Everest oder auf dem Mond eine allzeit bereite Gratismöse gäbe, hätten wir längst einen Hochgeschwindigkeitszug dorthin gebaut. Eine regelmäßige Raketenverbindung eingerichtet, Flüge alle zehn Minuten.“ Oder: „Ich habe mein Leben verschleudert wie eine Ladung Sperma auf den Bauch einer Pornodarstellerin.“ So gehen die Sätze in Snuff.

Wer den 1962 geborenen Amerikaner jedoch vor allem mit Schock- und Splattereffekten verbindet, unterschlägt, dass es sich bei Chuck Palahniuk um einen der größten Philosophen, Moralisten und – ja: Romantiker der amerikanischen Gegenwartsliteratur handelt. „Heute geht es nur noch darum, die Kamera hinter der Kamera hinter der Kamera zu sein“, lautet eine der zentralen Aussagen in Haunted (deutsch: Die Kolonie), einer bitterbösen Satire auf Reality-Shows – und die literarische Antwort auf Filme wie „Saw“ und „Hostel“.

Kein Zyniker, sondern ein hoffnungsloser Romantiker

Snuff präsentiert uns ein Palahniuk-typisches Setting und einen wie immer außergewöhnlichen erzählerischen Ansatz. Es geht um die alternde Porno-Legende Cassie Wright, die vor laufender Kamera einen Gang-Bang-Weltrekord aufstellen will und dafür nacheinander von 600 Männern genommen werden muss. Snuff heißt der Roman deshalb, weil Cassie diesen Weltrekordversuch kaum überleben dürfte – und offenbar auch gar nicht will.

Wer jetzt aber händereibend darauf hofft, derb-erregende Stellenliteratur geboten zu bekommen, sollte einen großen Bogen um dieses Buch machen: Der Roman spielt fast ausschließlich in der Wartehalle, in der die 600 männlichen Protagonisten des Filmes ihres Einsatzes harren, sich mit Schokoriegeln und dipdurchweichten Chips vollstopfen, mit Bräunungscreme, Babyöl und Einwegrasierern die Zeit vertreiben. Das alles ist nicht nur unangenehm. Es stinkt. Und es wird immer ekliger.

Wie Palahniuk diesem auf engstem Raum angelegten Stoff immer neue, überraschende Wendungen verleiht, wie er mit der Lesererwartung spielt und sein Thema am Ende komplett gegen den Strich bürstet, das ist wieder einmal meisterhaft gelöst.

Die originellste Familiengeschichte seit den Buddenbrooks

Aus der Perspektive einer Handvoll Darsteller (die allesamt nach den Nummern benannt sind, mit denen sie zuvor auf ihren nackten Körper beschriftet wurden) fügt sich nach und nach ein Vexierbild, das mit jedem neuen Erzählkniff umschlägt. Und am Ende hat man die originellste Familiengeschichte seit den Buddenbrooks gelesen.

Hatte man nach Haunted den Eindruck, dass Palahniuk noch einmal alle Ideen aus sämtlichen Notizbüchern geplündert und verwurstet hat und nach Rant (deutsch: Das Kainsmal) das Gefühl, dass es abgedrehter nun wirklich nicht mehr geht, wird Snuff all jene beruhigen, die befürchten, einem Chuck Palahniuk könnten irgendwann die Ideen ausgehen. Das Buch beweist im Gegenteil, dass sich Palahniuks enormes kreatives Potenzial in selbst auferlegten räumlichen Grenzen sogar maximal effektiv entfaltet. Und mit seinem grotesk überzeichneten Finale setzt Snuff diesmal einen Schlusspunkt, den man noch lange in Erinnerung behalten wird. Wie würde es ein berühmter Fußballkommentator ausdrücken: „Ein geiles Buch.“

Stefan Beuse

Chuck Palahniuk: Snuff (Snuff, 2008). Roman.

Deutsch von Werner Schmitz. München: Manhattan 2008. 205 Seiten. 14,95 Euro.