Posted On 2. April 2014 By In Bücher, Litmag With 345 Views

Christopher Mlalazi: Wegrennen mit Mutter

malazi_wegrennenLiterarische Aufarbeitung eines Massakers

– Der Autor Christopher Mlalazi aus Simbabwe ist in englischsprachigen Feuilletons schon länger bekannt. Durch verschiedenste Veröffentlichungen, beispielsweise von Kurzgeschichten aber auch Theaterstücken und Romanen, welche vor allem in seiner Heimat stark polarisierten. „Wegrennen mit Mutter“ ist nun sein erster auf Deutsch erschienener Roman und gleichzeitig Auftakt der neuen Afrika-Reihe des Horlemann Verlags. Von Sophie Sumburane.

Eines fällt direkt zu Beginn des Buches auf: Mlalazi reiht sich nicht ein in die Tradition der Vorgängergeneration aus Simbabwe um Chenjerai Hove oder Shimmer Chinodya, die sich mit politischen Büchern dem Unabhängigkeitskampf der ehemaligen britischen Kolonie Rhodesien näherten. Das unter dem Begriff Gukurahundi bekannt gewordene Massaker durch die Truppen Robert Mugabes an der kleineren Volksgruppe Simbabwes, den Ndebele, im Anschluss des Befreiungskampfes thematisiert Mlalazi auf den ersten Blick nicht vordergründig und doch ist es die Grundlage der Geschichte.

Der Leser aber muss diese Zusammenhänge nicht zwangsläufig kennen, um Christopher Mlalazis Roman berührend zu finden. Er bekommt zwischen den Zeilen, in Gesprächen und durch die Verstehenswünsche der Figuren auf dezente Art vermittelt, wie es im Simbabwe der 14-jährigen Protagonistin Rudo und ihrer Mutter zu Beginn der 1980er Jahre aussieht.

Das vorherrschende Thema ist nicht der Krieg, das Morden und Misshandeln, sondern die Angst, die Verzweiflung und gleichzeitig die Hoffnung, entwickelt an nur vier Figuren.

Schon zu Beginn des Buches sieht sich die 14-jährige Schülerin Rudo mit der Grausamkeit der Mugabe-Truppen konfrontiert, als sie mit ihren Ndebele-Freundinnen auf dem Heimweg von Soldaten angehalten wird. Als einzige entkommt sie dieser Begegnung lebend. Was folgt ist eine Flucht in die Berge, zusammen mit ihrer Mutter, der Schwägerin und dem Baby Giftie. Immer wieder stoßen sie auf Leichen, nackte Menschen, die aus der Gefangenschaft fliehen konnten, und den Helikopter, der als dunkle Bedrohung und Symbol ständig über ihnen schwebt.

Die eigentliche Handlung des Romans ließe sich wohl auch in eine Kurzgeschichte packen, nicht aber die Entwicklung des Traumas der Figuren durch die Geschehnisse. Mlalazi zeigt vor allem in den Dialogen zwischen Mutter und Tochter, dass diese vor den Taten der Soldaten ebenso hilflos stehen, wie der Leser. Der Versuch die Unmenschlichkeiten zu verstehen, einen Sinn im Töten zu entdecken und selbst nicht die Hoffnung zu verlieren, ist der eigentliche Kern der Geschichte. Das Töten selbst, die Soldaten und Robert Mugabe treten in den Hintergrund, bilden lediglich den Rahmen und gehören dennoch untrennbar zum Geschehen, ohne immer wieder benannt werden zu müssen.

Dabei ist das Buch an keiner Stelle langweilig. Mlalazi versteht es hervorragend, Spannung zu entwickeln und den Leser tief in die Geschichte mitzunehmen. Seine Sprache ist wunderbar klar und fesselnd, die Dialoge lebendig und berührend. Der Leser will zusammen mit den Figuren wissen, was all das Töten um sie herum zu bedeuten hat und verliert dabei eben so wenig die Hoffnung, wie Rodu und ihre Mutter.

Es ist erfrischend zu lesen, wie sich Mlalazi einem Thema wie dem Völkermord nähert. An keiner Stelle anklagend, durchgängig zeigend, niemals erklärend. Er öffnet die Herzen seiner Leser mit nur wenigen Worten und zeigt die ganze Grausamkeit eines Massakers wie dem Gukurahundi, ohne übermäßig brutal und blutig gegen seine Figuren vorzugehen. Die Grausamkeit liegt in „Wegrennen mit Mutter“ vor allem in den Seelen der Frauen, die sich ebenso wie der Leser, nur auf Grund der Geschehnisse um sie herum vorstellen können, was mit den Menschen die sie am meisten liebten passiert sein muss. „Ihren Glauben an Humanität und menschliche Versöhnung verlieren sie indes nie“, beschreibt der Klappentext und fasst mit diesem Satz wunderbar zusammen, was die Stärke des Buches ausmacht.

Christopher Mlalazi trägt mit seinem Buch „Wegrennen mit Mutter“ auf berührende Weise zur literarischen Aufarbeitung eines schrecklichen Verbrechens bei und hilft, die Menschen Simbabwes und ihr Handeln in den Jahren nach dem Befreiungskampf für andere Kulturkreise verstehbar zu machen. Er holt den deutschsprachigen Leser ein Stück weit heraus aus seiner Sicht auf die Jahre 1982 bis 1987, aus seinem Denken über Völkermord in afrikanischen Ländern und vermittelt auf eindringliche Weise die Sicht des Menschen aus Simbabwe. Eine Sicht, die, geht es um historische Ereignisse in dem afrikanischen Land, doch eigentlich im Vordergrund stehen sollte. Denn will man das Handeln der Menschen eines Landes verstehen, sollte man den Gedanken der Menschen dieses Landes lauschen, etwas, das Mlalazi dem Leser des Buches ermöglicht, leider auch etwas, dass vor allem wenn es um Afrika geht, häufig vergessen wird.

Sophie Sumburane

Christopher Mlalazi: Wegrennen mit Mutter (Running with Mother, 2012). Horlemann, Dezember 2013. Die Reihe wird herausgegeben von Manfred Loimeier. 208 Seiten. 19,90 Euro.

 

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