Posted On 10. April 2013 By In Bücher, Litmag With 969 Views

Christa Wolf: Ein Tag im Jahr im neuen Jahrhundert

Christa_Wolf_Ein_Tag_im_Jahr_im_neuen_JahrhundertAn jedem 27. September

– Christa Wolf hat seit 1960 an jedem 27. September ihren Tag protokolliert und natürlich auch darüber hinaus das Jahr, das vergangene und das kommende, reflektiert. Jetzt ist bei Suhrkamp ein zweiter Band mit diesen Texten veröffentlicht worden: Die Jahre 2001, kurz nach 9/11 bis 2011 kurz vor Wolfs Tod. Carlo Schäfer hat das Buch gelesen.

„Unser Lautester“ (so Henscheid), Marcel Reich-Ranicki, hat Christa Wolf, als die Gelegenheit günstig war, jede literarische Qualität abgesprochen, andere sind ihm willig gefolgt.

Nun sind die Rezensionen wieder enthusiastisch. Dem werden Verrisse folgen, ich tippe mal auf die Plattform „Achse des Guten“, andere selbst ernannte Querköpfe werden beispringen. (Es sollte sich allmählich herumgesprochen haben, dass mitunter die politische Unkorrektheit genauso vorhersehbar und damit langweilig ist wie das politisch korrekte Dauerbetroffene der alten Linken.)

Christa Wolf liefert ihren Gegnern durchaus Material. Als neben ihrem Haus eine Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg gesprengt wird, notiert sie: „Ein paar Arbeiter gehen zu einem kleinen Krater. Ich kann ein verqueres Überlegenheitsgefühl nicht ganz unterdrücken: Da hat unsereins schließlich ganz andere Krater gesehen.“

Wir Nachgeborenen können da in der Tat nicht mithalten, nur – was soll das? Ist es einfach eine Alterserscheinung, die es den Generationen untereinander schwer macht: Früher war alles besser/schlimmer, was wisst ihr Jungen schon?

Dieser Duktus taucht in der Tat des Öfteren auf – wenn Wolf Jahr für Jahr die Weltlage analysiert, die in ihren Augen nur immer schlechter wird. „Keine Ostalgie“ betont sie an einer Stelle, ja aber was denn dann?

Die Rechtschreibreform ist töricht, die Politiker sind ehrvergessene Karrieristen, skrupellose Krieger.

Mit Distanz, aber auch Sympathie werden Markus Wolfs Lebenserinnerungen gelesen.

Kein Wort darüber, dass der Kalte Krieg nahe daran war, unsere gewiss schlechte Welt gänzlich auszulöschen, kein Wort über (und von) den Menschen, die in der DDR nicht nur eine strenge Rüge erhielten, solch eine Wolf nach ihrer Unterschrift gegen Biermanns Ausbürgerung 1976 einstecken musste.

Da gewährt sie ihren Gegnern recht viel Breitseite.

Sie werden sie nutzen.

Das sei ebenfalls erwähnt: Zwei Texte sind auch als Faksimile abgedruckt, Gerhard Wolf, ihr Mann und Herausgeber des Bandes formuliert: „In zwei Fällen, in denen uns nur die ersten, also unbearbeiteten Manuskripte vorlagen.“ Was heißt, dass es sich ansonsten (natürlich) nicht um wirklich am Tag und auf den Tag bezogene Spontanäußerungen handelt, sondern um, sozusagen der Spielregel des jeweiligen Datums folgend, ausgesprochen kalkulierte Essays über, wenn nicht Standpauken für das falsche Deutschland handelt, deren Abfassung einen längeren Zeitraum nutzte. (Insofern ist ihre Behauptung zu Beginn, diese Texte werde sie nicht veröffentlichen, vielleicht nicht ganz so ernst gemeint …)

Man gewinnt beim Lesen mitunter also leider den Eindruck, dass Christa Wolf nur wenigen um sich und sich selbst zugetraut hat, das Weltgeschehen kritisch zu verfolgen. Der Westdeutsche ist schon ein ziemlich schlichter Geldsack. Aber auch, wenn man ihr nicht folgt, sie schreibt ehrlich, sie mimt nicht den geläuterten Großpoeten, der nun halt andersrum alles besser weiß, ich denke da an einen Liedermacher, ach was -künstler, der in diesem Text schon Erwähnung fand.

Wolf stellt sich ihrer Resignation. Eine große Traurigkeit zieht sich durch den ganzen Band. Die nachlassende Gesundheit, die Schmerzen, die sie tapfer zu ertragen versucht, verdunkeln ihre Welt nur weiter. Wirklich schöne Passagen über die Liebe zu ihrem Mann hellen das Ganze nur kurz auf.

Gelacht wird selten (nie?), neuere Bücher findet sie inhaltsleer, „überschätzt“ – sympathisch: Entspannung findet sie beim Lesen und Betrachten von Krimis (!).

Liebend gern lässt sie sich von ihrem Mann bekochen, seitenlang referiert sie Speisenfolgen und manch geistiges Getränk. Sie geht zur Kosmetikerin, lässt sich massieren, bestellt idiotische Medikamente zum Abnehmen, von denen sie weiß, dass sie nichts nutzen. Ja, sie ist ein bisschen eitel, in zufälliger Gesellschaft mit übergewichtigen Frauen, sie räumt ein, selbst eine solche zu sein, betont sie, dass die anderen ungeschickt gekleidet seien.

Manchmal blitzt Arroganz auf: „Natürlich“ erfüllt sie keine Autogrammwünsche, „natürlich“ beantwortet sie die Fragen eines französischen Magazins nicht.

Kein Happy End, kein toller Epilog auf sich selbst. Mit spürbar letzter Kraft die letzten Sätze: „Frühstück. Ein Eierbrot. Nach Erhöhung der Schmerzpflaster scheint der Appetit wieder zu schwinden. Ganz wenig Erbsen gegessen.
BZ: ‚Es wird laut über dem Müggelseeʻ.“

Ach, würde nicht immer die große Emotionskeule geschwungen, wie das in den Rezensionen bereits geschieht, das Buch sei „tief berührend“, „Liebe, Geist und klare Worte“. Da wird noch einiges kommen, wenn es nicht schon da ist, bestimmt sei es auch: „Ein einmaliges Zeugnis.“

Man muss Christa Wolfs belehrende Art, ihren abgrundtiefen Pessimismus, ihren Argwohn gegen das Schreiben ohne didaktische Motivation, ihr Namedropping – mein Gott, wen die alles gekannt hat! – nicht mögen. Aber ich hatte diese alte Frau beim Lesen zunehmend gern. Und etwas weist über ihre stilsicheren Betrachtungen hinaus. Das, was man Literatur nennt, von der ich – wohl im Gegensatz zur berühmten Autorin – glaube, dass sie sich eher ereignet, als dass sie sich auf die unrechten Verhältnisse anwenden lässt.

Hoffentlich hat das Eierbrot einigermaßen geschmeckt.

Carlo Schäfer

Christa Wolf: Ein Tag im Jahr im neuen Jahrhundert: 2001-2011. Berlin: Suhrkamp 2013. 162 Seiten. 17,95 Euro. Verlagsinformationen zum Buch. Leseprobe.

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