Charly Graf und Armin Himmelrath: Kämpfe für dein Leben: Der Boxer und die Kinder vom Waldhof


Karriere im Ring, Ausbildung im Knast

– True life & true crime, eine spannende, wahre Geschichte über das Leben und Boxen und einen etwas anderen Sohn Mannheims. Von Matthias Penzel.

Das Bild ist vertraut wie ein Klischee. Jeder kennt es, jeder versteht es: Ein Mann, vor sich zwei Hände, zu Fäusten geballt. Boxen. Einer gegen alle. Im Ring einer gegen einen, abseits davon auch noch gegen ein paar Hintermänner, vielleicht auch die eigenen. Generell sind die Regeln klar. Wer am Ende steht, hat gewonnen. Wenn am Ende keiner am Boden liegt, war es eine besonders harte Auseinandersetzung. Wie das Leben. Egal, wie der Fight ausgeht, TKO oder unentschieden, auch nach Punkten: Wer wirklich besser ist oder war, ist nicht immer so richtig klar zu ermitteln. Was simpel aussah – Mann gegen Mann, Faust auf Faust – ist oft dann doch komplizierter.

Noch eine weitere Runde?

OK. Bevor diejenigen weiterlesen, die es ohnehin tun sollten: Auch wer sich für Boxen und Kloppereien zwischen Männern nicht interessiert, sollte einen Moment lang durchhalten, eine kurze kleine Runde lang. Die Geschichte hat mehr Drive, Wendungen und Überraschungen als ein Blockbuster aus Hollywood. Wir haben einen Aufstand im Gefängnis, einen von Justiziaren ungewollt eingeleiteten, erweiterten Bildungsweg in Stammheim. Die Klassiker Faulkner, Hesse und Dostojewski bringt dem Boxer ausgerechnet der RAF-Terrorist ein, der in Erziehungsheimen wenig Bildung erlangt hatte. Wir haben einen Hero, der mit einem uralten Lorbeerkranz durch Mannheim marschiert, der trotz Strafversetzung in den Allgäu („schlimm wie Sibirien“) von den Wachthabern beim Bund für einen amerikanischen Trottel gehalten wird und von der örtlichen Polizei in Gewahrsam genommen wird.

Und die Geschichte geht tiefer, weil ehrlich und so irrsinnig, wie es nur das echte Leben sein kann. Die Geschichte von dem Boxer Charly Graf ist nicht nur die von einem gegen alle, sondern von einem, der sich selbst dem Knockout nahe gebracht hat. Mehrmals.

Mannheim-Waldhof Zentrum

Sieg durch KO

Charly Graf aus Mannheim-Waldhof ist das Kind eines GI und einer Deutschen. Den Vater hat er mal getroffen, aber nie kennengelernt. An ihn denken muss er jedes Mal, wenn er in den Spiegel guckt, denn der Vater war schwarz, die Mutter weiß. Waldhof in den 1950ern ist, wie man sich das vorstellt, es reicht gerade noch so eben zum Überleben[*]. Nicht im Getto von Stevie Wonder wächst er auf, nicht mit vielen Gleichgesinnten, sondern als abartiger Sonderfall, nach dem Krieg, in Mannheim. Dort auch abseits, nämlich in den Slums, den Benz-Baracken. Yeah, kommt aus der Vorstadt, er ist hart im Nehmen / Und mit Herz dabei[†].

Er lernt, was er wissen muss, den Hauptschulabschluss schafft er gerade so, doch da ist er schon mitten in einer anderen Karriere. Als Amateurboxer. Offiziell darf er kein Geld verdienen mit dem Sport. Auf früheren Gelderwerb mit dem Sammeln und Verscheuern von Blechbüchsen folgt also irgendwann ein Job auf dem Bauernhof, zwei Mark am Tag; beim Schrotthändler später schon zwei Mark Stundenlohn, als Einschaler im Hoch- und Tiefbau, dann das Doppelte. Karriere? Noch bevor der Boxer aus der Vorstadt volljährig ist, tritt eine ganze Delegation Experten bei seiner Mutter an, Zehn-Jahres-Vertrag mit Option auf weitere zehn Jahre. Sie unterschreibt. Dass man dergleichen nicht tun sollte, wissen heute alle Alleinerziehenden, auch dass im Boxergeschäft nicht nur barmherzige Samariter unterwegs sind. Aber. Der Aufstieg beginnt, noch Jahre später beendet Charly Graf das Gros seiner Fights mit Sieg durch KO, beendet eigentlich erschreckend oft Karrieren und Ambitionen seiner Gegner. Wie das zu deuten ist, wenn die wiederholt die Boxhandschuhe an den Nagel hängen, was überhaupt zu der Zeit und im Hinterhof Deutschland so vor sich geht, ergänzt Co-Autor Armin Himmelrath, der Charly als kaum bemerkbarer Coach beim kompletten Buch anscheinend hilfreich zur Seite gestanden hat. Denn es wird nicht öde von vorne nach hinten erzählt, sondern mit Drama und gepfeffert.

http://www.youtube.com/watch?v=JE2kOhNPXt0

Jeder Schlag sitzt

Vorne also die Action, witzig, schrecklich und tragisch, dazu kursiv Ausflüge in die Zeitgeschichte, den alltäglichen Rassismus, gepfeffert und gewürzt beispielsweise mit dem Black Panther und Bürgerrechtler Eldridge Cleaver: „Die den Ring umgebenden Seile sind das genau umrissene Königreich eines schwarzen Boxsportkönigs“. Überspringen wir also schnell ein paar der Kämpfe und Korruptionen, weiter mit der Karriere, weiter mit dem Geld, mit dem die vorige Runde, der Absatz, so schön begonnen hat. Von zwei Mark am Tag bis hin zu dem Doppelten als Stundenlohn, streicht der „Ali aus Waldhof“ irgendwann 10.000 im Monat ein. Im Zwielicht. Nach manchem Coup auch doppelt so viel. Im Milieu, mit Zuhälterei, Menschenhandel und was da so anfällt, wenn einer schnell zupacken soll. Hat er immer gemacht. Zugepackt. Wird auch nicht schön geredet.

Doch er strauchelt, ist Mensch, immer wieder und wieder. „Massive Zweifel“ sind es, die ihn abseits von Ruhm und Lorbeer begleiten wie ein Schatten. Sie sind sein Segen und sein Fluch. Im Rampenlicht spekulieren Medien und Boulevard über seine Motivation, sehen in ihm gern den wilden schwarzen Mann aus den Slums, eben den „Ali aus Waldhof“, doch der kann den Ruhm nicht richtig fassen, auch kaum genießen. Trost spendet Otis Reddings »Mr. Pitiful«: That’s how I got my fame / But people just don`t seem to understand … how someone can feel so blue[‡]. Später, inzwischen oft hinter Gitter, dort schon so zuhause, dass er Boxkämpfe mit Karlsruher SC organisieren hilft, dann »Willy« von Konstantin Wecker. Yeah: Mei, Willy, jetz wo i di so doliegn sich, so weit weg hinter dera Glasscheibn …[§]

http://www.youtube.com/watch?v=6wQvs_VA5SU&feature=results_video&playnext=1&list=PL36B059D846A7C5A4

Gezielte Schläge

Tja, das mit dem Rückhalt im Mannheimer Milieu, „vor allem als jemand, der mit seinen starken Fäusten ziemlich gezielte Schläge austeilen konnte“, ging nicht gut. Immer noch naiv, schreibt er, nachdem er in U-Haft einsitzt, weil er einen Gangster lebensgefährlich verletzt hat, „mehrere üble Drohbriefe“ an den Richter. Die „erste Gefängnisstrafe nutzte ich, um mir vor allem Gedanken über ein verbessertes, verfeinertes kriminelles System zu machen“. Draußen übernimmt er dann gleich ein ganzes Casino, wirft die Besitzer raus, die ihn als Aufpasser angeheuert haben, mischt aber auch bei weniger versierten Coups mit wie dem Überfall auf ein illegales Spielcasino: Charly und seine Komplizen kennen sich aus, sie haben Insiderinformationen, also rein mit Strumpfmaske, Türsteher überwältigt, stürmen sie ins Hinterzimmer, haben gerade 50.000 Mark eingesackt, da sagt einer der Anwesenden zu dem mit Strumpf maskierten Boxer: „Hallo Charly!“

Gong, letzte Runde

Etwas außer Atem, fast am Boden. Es geht Schlag auf Schlag, schnell und hart zur Sache, immer wieder mit wunderbar platzierten Pointen und Lachern, aber auch den Kadenzen von Soul und mit dem Blues der nagenden Einsamkeit und Leere. Man darf annehmen, wenn Mike Tyson so was geschrieben hätte, dann hätten ihm Experten die Bude eingerannt, für Verfilmung plus Zehn-Jahres-Option darauf. Und Charly Graf? Wieder in Waldhof, er jobbt und arbeitet mit schwer Erziehbaren. Die verstehen ihn, die respektieren ihn. Der tägliche Kampf geht weiter, jetzt aber mit einem anderen Ziel vor Augen als bloßem Lorbeer.

Matthias Penzel


[*] Udo Lindenberg & Das Panik-Orchester: Es reicht gerade noch zum Überleben (Living For The City) von dem Album »Der Detektiv – Rock Revue 2«, 1979. Text von Horst Königstein und Udo Lindenberg.

[†] Achim Reichel: Boxer Kutte von dem Album Nachtexpress, 1983. Text von Jörg Fauser.

[‡] Otis Redding: Mr. Pitiful von dem Album »The Great Otis Redding Sings Soul Ballads«, 1965. Text von Otis Redding und Steve Cropper.

[§] Konstantin Wecker: Willy von dem Album »Genug ist nicht genug«, 1977. Text von Konstantin Wecker.

Charly Graf und Armin Himmelrath: Kämpfe für dein Leben: Der Boxer und die Kinder vom Waldhof. Ostfildern: Patmos Verlag 2011. 176 Seiten. 19,80 Euro. Verlagsinformationen zum Buch.