Geschrieben am 31. Januar 2009 von für Bücher, Crimemag

Carlos Balmaceda: Der Venusmörder / Das Kochbuch des Kannibalen

Ein mörderischer Badeort

Wenn Carlos Balmaceda so weitermacht, dürfte Mar del Plata bald leergefegt sein. In dem traditionellen argentinischen Seebad am Südatlantik geschieht nicht nur gelegentlich ein schlichter Mord. In seinem vornehmsten Restaurant wurde bereits vor einer Weile eine Frau von ihrem Säugling verspeist. Und seit neuestem ist ein gnadenloser Serienkiller unterwegs. Eine Rezension zweier Balmaceda-Romane von Eva Karnofsky

Ein Leichenfund, Kommissar Lichtgestalt ermittelt und findet unter Einsatz seines Lebens den Mörder – wer es derart klassisch mag, sollte die Romane von Carlos Balmaceda meiden. Denn bei Balmeceda geht es schräg zu, er lässt mit einem Hang zur Maßlosigkeit morden und für Lichtgestalten hat er gar nichts übrig. Der Titel seines neuesten Krimis, Der Venusmörder, lässt es schon erahnen: Selbiger geht Prostituierten an den Kragen. Und das gleich stolze sieben Mal, am 30. jeden Monats.

Kommissar Bilbao, genannt der Baske, sollte eigentlich nach dem Mörder suchen, doch sonderlich genau nimmt er es damit nicht. Er kabbelt sich lieber mit der Staatsanwältin, die ihn drängt, seine Ermittlungsergebnisse so zu frisieren, dass alles auf einen Ring von Mädchenhändlern deutet oder zumindest auf die Drogenszene. Dabei vermutet der Baske eher, dass Polizisten die Hand im Spiel haben.

Auch der Gerichtsmediziner Gabrielli kocht sein eigenes Süppchen. Ihm liegt vor allem daran, im Fernsehen eine gute Figur zu machen. Und dem Rest der berüchtigten Bonaerense, der Polizei der Provinz Buenos Aires, geht es um Posten, Geschäfte und Politik. Ganz so wie in der Wirklichkeit. Systematische Spurensuche und Befragungen, eben alles, was man so aus dem Tatort kennt, finden eher am Rande statt. Doch die Öffentlichkeit will Ergebnisse sehen, und so bemüht der Baske zumindest eine Psychiaterin, die schon einmal mit einem Serienkiller zu tun hatte. Und schließlich einen Seher, der sich, weil er schon immer das Böse im Voraus träumte, selbst um sein Augenlicht brachte. Schließlich sind die berühmtesten Orakel blind. Balmaceda liebt Humor in seiner schwärzesten Ausprägung.

Seher …

Und auch ein Journalist darf nicht fehlen, denn in Argentinien ist es meist die Presse, und nicht die Polizei, die den Dingen auf die Spur kommt. Balmaceda selbst zählt im Übrigen auch zu dieser Zunft. Mar del Plata ist ein Nest, und so landet auch der rasende Reporter irgendwann bei der Psychiaterin und dem Seher, weil auch er nicht mehr weiter weiß, seine geneigten Leser ihm aber ständig Neuigkeiten abverlangen.

Der Seher erkennt schließlich, wer da völlig hemmungslos mordet, und dem Leser teilt er es mit. Auch der Journalist erfährt es, nur der Polizist bleibt ahnungslos, wie das eben so ist in einem Land, in dem gerade einmal drei Prozent der Verbrechen aufgeklärt werden und sich Kommissare wie Bilbao vor allem auf den Umgang mit der Waffe verstehen und Folter für ein legitimes Mittel der Polizeiarbeit halten.

Balmaceda lässt seine drei Protagonisten kapitelweise alternierend in der Ich-Form berichten und flicht die drei Erzählstränge wie einen Zopf zusammen. Von Petra Zickmann wunderbar übersetzt, kommt der Baske bärbeißig-vulgär daher, versponnen-verletzlich der Seher, und, obwohl oft betrunken, nüchtern-analytisch der Journalist.

Der Autor hat ein Faible dafür, seine Opfer nicht nur ins Jenseits zu befördern, sondern sie obendrein in ihre Einzelteile zu zerlegen, das bewies er bereits in seinem im Herbst als Taschenbuch erschienenen Roman Das Kochbuch des Kannibalen. Auch da zieht die Polizei von Mar del Plata immer die falschen Schlüsse, dafür setzt aber ein allwissender Erzähler den Leser genauestens über die meist finsteren Geschehnisse ins Bild.

… und Köche

Der Verlag hat das Buch Thriller genannt, doch das greift zu kurz. Vielmehr hat Balmaceda nicht weniger als die argentinische Geschichte des 20. Jahrhunderts erzählt, die von der Einwanderung von Millionen von Europäern geprägt war. Und damit sein Buch nicht nur Historiker zur Hand nehmen, hat er eine mysteriöse Saga erfunden – die der Familien Cagliostro und Lombroso aus Italien. Im Jahre 1892 brachen die Zwillinge Luciano und Ludovico Cagliostro nach Argentinien auf. Sie zogen nach Mar del Plata, wo sie in der Küche eines vornehmen Hotels anheuerten und den begnadeten Koch Mássimo Lombroso kennenlernten, der sie in die Haute Cuisine einweihte. 1911 eröffneten die beiden Köche ein Restaurant namens Almacén de Buenos Aires, das alsbald zum angesagten Feinschmeckertempel wurde.

Doch schon sehr bald starb Luciano an einer geheimnisvollen Krankheit und sein Bruder, untröstlich, beging Selbstmord. Zur Hinterlassenschaft der Zwillinge zählte nicht nur das Almacén de Buenos Aires, sondern auch ein Kochbuch mit den erlesensten Rezepten.

Verwandte der beiden aus Italien reisten an, um das Erbe anzutreten, doch es scheint, als liege ein Fluch auf dem Haus. Zwar gelingt es den Nachfahren der Zwillinge über 90 Jahre hinweg dank des Kochbuchs immer wieder, Gourmets aus aller Welt anzulocken, doch das Glück war nie von langer Dauer. Wer immer in der Küche des Almacén Einzug hielt, starb bald eines unnatürlichen Todes.

César Lombroso, 1978 geboren und der jüngste Spross der Sippe, kaut bereits auf der ersten Buchseite genüsslich an der Brustwarze seiner sterbenden Mutter, und gibt damit dem Erzähler Anlass, die dunkle Geschichte des Restaurants und seiner Besitzer aufzurollen, die immer auch mit der Geschichte Argentiniens verbunden war. Jede Epoche schickte ihre Gourmets in das Almacén: 1930 fanden dort sozialistische Treffen statt, bis General Uriburu das Militär an die Macht putschte. „An der überbordenden Tafel einer Diktatur ist immer nur Platz für sehr wenige Gäste“, philosophiert unser Erzähler 1976. Zu Zeiten von Carlos Menem in den 90er Jahren wandelte sich die politische Führungsriege dann zu einer „fleischfressende Kaste“. Das Almacén, zu Deutsch Lagerhaus, wird zur Allegorie für Argentinien, sozusagen. Und überlebt wie die Nation die schlimmsten Katastrophen.

Balmacedas Sprache steigert noch den Reiz des Buches. Er schreibt mal witzig, mal hintergründig-humorvoll, und vor allem versteht er es, immer gerade so viel in Richtung Kitsch zu überhöhen, dass selbst der schaurigsten Szene die Spitze genommen und sie somit auch für Zartbesaitete lesbar wird. Man spürt förmlich die Lust, mit der der Autor seine Geschichten erfindet und niederschreibt. Bleibt zu hoffen, dass sie ihm erhalten bleibt.


Eva Karnofsky

Carlos Balmaceda: Der Venusmörder (La plegaria del vidente, 2001). Roman. Deutsch von Petra Zickmann. München: Piper Original 2009. 252 Seiten. 12,00 Euro.

Carlos Balmaceda: Das Kochbuch des Kannibalen (Manual del caníbal, 2005). Roman. Deutsch von Petra Zickmann. München: Serie Piper 2008 (Erstausgabe 2007). 200 Seiten. 7,95 Euro.