Posted On 26. Oktober 2011 By In Bücher, Litmag With 1087 Views

Carl Weissner: Die Abenteuer von Trashman

New York 1967/68:

Die Müllabfuhr streikt. Ravi Shankar spielt Sitar im Lincoln Center. Pacino beschimpft im Theater die Zuhörer. Allen Ginsberg liest vor mehr als tausend Leuten. Roland Kirk bläst auf drei Saxophonen gleichzeitig, und Carl Weissner ist breit oder mit irgendwas vollgeknallt.

Er hat ein Fulbright-Stipendium.
Er lebt von fünf Dollar am Tag.
Er hängt in Hotels und Drugstores ab, liest, übersetzt und notiert.

Er liest so ziemlich alle greifbaren Publikationen der Underground-Literaten, die Beat- und Cut-up-Autoren. Er übersetzt Andy Warhol, Allen Ginsberg, William S. Burroughs und auch schon den in Deutschland noch völlig unbekannten Charles Bukowski. Und er notiert: Thelonious Monk umschlurft einen verschrammten Konzertflügel. Roy Lichtenstein wirkt schwul, ohne es zu sein. Pro Woche werden fünf Tonnen Pot in die USA geschmuggelt, und John Wayne dreht sein Durchhalte-Epos „The Green Berets“.

In Vietnam werfen die Amis Napalm ab, und Carl Weissner erinnert in seinem Nachtjournal „Die Abenteuer von Trashman“ daran, dass der Krieg in Vietnam auf weiten Strecken unter Teenagern ausgefochten wird.

Er selbst ist zu der Zeit 28 Jahre alt, hat in Bonn und Heidelberg Anglistik studiert und eine Zeitschrift der Avantgarde herausgegeben. Während seines Stipendiums in den USA wird in Deutschland per „Kursbuch“ die Literatur für tot erklärt. Doch da hatte er sie längst revolutioniert. Sein „Big City“-Journal belegt das eindrucksvoll. Es ist eine faszinierende Mischung aus Fakten und Fiktion, ein mitreißender „Film aus Worten“, schnell und hart geschnitten: Che ist tot. Die Politrockgroup „The Fugs“ ist zu den Essener Songtagen eingeladen. Im Chelsea gibt jemand eine Party für Enzensberger, der aber schon auf dem Weg nach Kuba ist. Vostell schreibt aus Köln, Burroughs aus London und aus Lyndon B. Johnson bricht es heraus: Die Frauen in diesem Land haben alle Angst vor Tittenkrebs!

Nach seiner Rückkehr aus New York gibt Weissner mit Jörg Fauser, Jürgen Ploog und Udo Breger die Zeitschrift „UFO“ und später „Gasolin 23“ heraus. Er wird als Sprecher bei diversen Hörspiel- und Feature-Produktionen eingesetzt und etabliert sich als Übersetzer und Literaturagent.

Zu wünschen ist, dass es nicht allein bei der Veröffentlichung dieses New Yorker Nachtjournals bleibt. Denn sicher ist, dass Carl Weissner über all die Jahre hinweg viel Erhellendes und Aufschlussreiches notiert hat, ein exzellenter Chronist der letzten fünf Jahrzehnte ist.

Frank Göhre

Carl Weissner: Die Abenteuer von Trashman. Wien: Milena Verlag 2011. 154 Seiten. 19,90 Euro. Zur Verlagshomepage.