Geschrieben am 11. Oktober 2008 von für Bücher, Litmag

Bushido/Lars Amend: Bushido

Kleiner Gangster mit großer Klappe

Bushido lässt sich zum 30sten seine Autobiographie dichten, Ulrich Noller hat sie gelesen und findet sie … naja … und 8tung, schlimme Wörter …

Literatur, also Sprache, ist manchmal unerbittlich. Wer zum Beispiel mit gerade mal 30 (also mit Blick nach vorne) eine Autobiographie von über 400 Seiten verbreitet, läuft Gefahr, dass ihm da oder dort doch einmal ein Satz durchrutscht, der möglicherweise das ganze Unternehmen torpediert, indem er nicht nur dem Bild widerspricht, das der Autor (mit Hilfe seiner Berater) für die Zukunft von sich verbreiten möchte, sondern auch noch unfreiwillig viel mehr über den Porträtierten sagt, als dieser vielleicht wahrhaben möchte.

Bei Bushido, Deutschlands Gangsta-Rapper Nr.1, findet sich dieser Satz auf Seite 33; nachdem er berichtet hat, wie er vor seiner Chartkarriere vom Arbeitsamt gesperrt wurde, weil er eine wegen Drogendealerei verhängte Resozialisierungsmaßnahme vorzeitig verlassen hatte: „Die Sache war nur die, dass ich in diesen drei Monaten eben auch nicht krankenversichert war, was mir schon ein mulmiges Gefühl bereitete. Es musste ja nur irgendein besoffener Vollidiot mit seinem Auto über meinen Fuß fahren. Zum Glück passierte aber nichts.“

Die Sache mit der Krankenversicherung

Schon bemerkenswert, dass jemand wie Bushido alias Anis Ferchichi, geboren 1978, der einerseits auf Spießer, Bürger, Schwule, „Opfer“ etc. so was von scheißt und damit so was von haufenweise Kohle verdient, dass dieser Gangster also andererseits die Muffen bekommt, wenn er Gefahr läuft, dass die Solidargemeinschaft der „Opfer“ etc. ihm die Arztkosten nicht bezahlen könnte, sollte ihm etwas Ungesundes widerfahren. Wie lässt sich das wohl bei Licht besehen mit all den Prügel-, Porno, Machoattitüden vereinen, mit denen der Meister seine Moneten letztlich macht? Nicht auszudenken, wenn er sich, nicht versichert beim Gangbang mit einer Minderjährigen aus der badischen Provinz ’nen Tripper eingefangen hätte…

Egal, der Satz zeigt zweierlei: dass Meister Bushido und sein Co-Autor Lars Amend nicht ganz sorgsam gearbeitet haben, als sie in Bushido einen Bushido für die Ewigkeit zu zeichnen suchten. Die Frage ist: Ferchichi oder Amend, wem ist dieser Satz eigentlich zuzuschreiben? Und/Oder: dass es auch einem Gangsta-Rapper von solchem Format letztlich nur auf eines ankommt: dabei zu sein im Kreis der Solidargemeinschaft, der großen Familie Gesellschaft. Also letztlich: „Opfer“ zu werden.

Das, und da schließt sich der Kreis, zeigt sich nirgendwo besser als bei der „Echo“-Verleihung, bei der Bushido nun schon drei Mal geehrt wurde – und sich Gangsta-mäßig und kantig, aber letztlich doch willig in den Kreis der Schlagerstars und Schlagersternchen einreihte, in einer Reihe mit Medien-Fickmichs wie Hansi Hinterseer und den Kastelruhter Spatzen.

Bushido, die Autobiographie Bushidos, ist jedenfalls direkt nach ihrem Erscheinen an die Spitze der Sachbuchbestsellerlisten geknallt, und der Kulturbetrieb hat gerade noch mal Glück gehabt, dass wenig später auch Helmut Schmidts Kanzlerpensionärschronik Außer Dienst erschien, so dass der Deutsch-Tunesier aus dem Berliner Ghetto wenigstens von einem anderen Typen mit Eiern in der Hose – einem richtigen Kerl halt – in seine Schranken gewiesen wurde, zumindest an den Ladenkassen …

Sein Leben ist ein Pornodram

Die These, dass Anis Ferchichi ein RICHTIGER KERL ist, bildet samt diverser Begründungskontexte sozusagen das Leitmotiv von Bushidos Lebensbericht: Er verabscheut „Opfer“, er verachtet Schwule, er geht keiner Keilerei aus dem Weg, er steht für seine Freunde ein, er äußert seine Meinung, er macht statt „sinnlos“ Rumzudiskutieren, er vögelt und vögelt und vögelt – und er verehrt seine Mama. Ihr ist das Buch gewidmet; sie ist immer wieder Thema diverser Lobeselogen. Ein Schelm, wer dabei an Heintje, an die Echoverleihung, an die Gemeinschaft der Opfer und an all das denkt …

Nicht alles ist unsympathisch und gestrig an den Werten, die Anis Ferchichi ausbreitet, aber eindeutig zu viel davon. Dabei finden sich zwischen all den noch nicht einmal halbreflektierten, irgendwie sackkratzenden Männlichkeitsattitüden von anno dazumal auch, durchaus interessant, die Stationen von Bushidos Entwicklung, Statements zu seinen Ansichten, Berichte aus seiner Realität, und all das ist sehr geschickt so platziert, dass der Chef letztlich mit weißer Weste dasteht, dabei aber doch ein hübsch dreckiges Kerlchen bleibt. Ein kleiner Gangster mit großer Klappe und legalen Geschäften. Klar, so kaufen die Eltern und die Kinder das Produkt, wenn auch aus diametral entgegengesetzten Gründen. Geschickt! Erstaunlich nur, dass es in Bushido im Kern eigentlich überhaupt nicht um die Musik, um den Sinn der Musik geht, sondern fast ausschließlich um ihre Attitüde. Oder ist das eher bezeichnend?

Letztlich siegt – natürlich – das Schmutzige, auf und vor allem zwischen den Zeilen. Klar: Hardcore sells, und wo die eine mit ihrem Popöchen für die Altersvorsorge ranschafft, da lässt der andere die behaarten Hoden baumeln, bevor er, geschickt übers Werk verteilt, die von den einschlägigen Pornoseiten im Internet bekannten Sketche durchdekliniert.
So ganz klar ist bei alldem natürlich nie, inwiefern da Wahrheiten erzählt werden und inwiefern Mythen geschaffen werden. Beides, so kann man vermuten, geht in diesem Fall – nicht zuletzt des kongenialen Co-Autors – in einer perfekten Melange auf: In den Mythen steckt vermutlich mehr Realität, als man meinen sollte; und die Realität wurde sicherlich in den Mythen bis kurz vors Gehtnichtmehr multipliziert.

Was trotz alledem durchaus beeindruckend rüberkommt, ist die geballte Energie, die Bushido zu dem gemacht hat, der er ist; und er steht da stellvertretend für viele Ghettokids, die nichts haben, aus dem sie etwas machen könnten, außer dem, was sie gerne wären, und das läuft letztlich aufs simple Dabeisein, also Anerkennung hinaus. Was dazu führt, dass man, zumindest in solch einem Fall wie dem beschriebenen, dann auch mit den Attributen des Dazugehörens zufrieden ist, ohne groß nach dem Sinn seines Tuns zu fragen: Meine Jacht, mein Haus, mein Auto, meine Uhr… das reicht mindestens bis zum Lebensende …

Wirklich erschütternd ist – auch bei größtmöglichem Abzug des wohlwollendsten Ironiefaktors – dagegen die weltanschauliche Vorgestrigkeit, die Bushido (unfreiwillig) transportiert, vor allem in punkto Frauen: Frauen gehören in die Küche, Frauen als Chef lassen lukrative Plattenverträge uninteressant werden, Frauen wollen zwischen den Arschficks auch mal kuscheln, Frauen winden sich wimmernd beim Gangbang im Tourbus unter den rappenden Halbmigranten, während ihre Verlobten sich draußen von den Bushidos dieser Welt abwimmeln lassen, die sich beim bedauernden Schulterzucken derweil schon ihre Riesenschwänze reiben. Ja, überhaupt, die geilen Fotzen, die sich’s von ’nem richtigen Mann einfach mal richtig besorgen lassen müssen … etcpp.

Gangster ≠ Gangsta

Ach ja, kennt man alles, kann ja alles sein, zumindest in der Weltsicht der Herren Gangsta-Rapper. Betrachtet man den Fall genauer – und bedenkt man eben das Oszillieren zwischen Schein und Sein, zwischen Wahrheit und Mythos, zwischen Erlebtem und Erfundenem, das das Bushido-Buch kennzeichnet, so ist diese Geschichte fast noch mehr als eine ärgerliche, eine traurige, sozusagen eine Paradekonstellation für den Psychotherapeuten: Die einzige Beziehung, die jemals einen anderen aus ihm hätte machen könnten, auch so könnte man Bushido lesen, hat Anis Ferchichi in den Sand gesetzt. Seitdem betäubt er sich mit Provokation, Prügelei und Porno in verschiedenen Varianten, und die anderen, die „Opfer“, deren Teil er eigentlich doch so gerne wäre, müssen für sein Versagen bluten, indem sie für seinen Bullshit bezahlen, während er sich über sie auskotzt. Das scheint smart, ist aber einfach nur traurig, weil jemand wie Bushido, nach allem, was man jetzt über ihn weiß, niemals richtig dabei sein wird. Ob das die S-Klasse und die Designeruhr und all die Groupieficks wert war? Das Paradoxon derer zu Gangsterrap: Was ihnen den Weg in die Mitte ebnete, schließt sie aus der Mitte aus. Dabei könnte die Gesellschaft jemanden mit seiner Power, hätte er etwas mehr Stil und Geschmack, eigentlich verdammt gut gebrauchen …

Ulrich Noller

Bushido/Lars Amend: Bushido. Riva Verlag 2008. 432 Seiten. 19,90 Euro.