Geschrieben am 15. Januar 2011 von für Bücher, Crimemag

Bloody Chops

Bloody Chops

– heute angerichtet von Kirsten Reimers (KR), Frank Rumpel (rum) und Joachim Feldmann (JF).

Geplatzte Träume, fadenscheinige Lebenslügen

(KR) In Tana Frenchs drittem Roman steht der Undercover-Ermittler Frank Mackey im Mittelpunkt, er hatte bereits in „Totengleich“ eine wichtige Rolle inne. Weil eine Frauenleiche in einem alten Abrisshaus entdeckt wird, kehrt Mackey nach zweiundzwanzig Jahren in die Straße zurück, in der er aufgewachsen ist: „Faithful Place“ (so auch der weitaus treffendere Originaltitel des Buches), eine Sackgasse in einem Dubliner Arbeiterviertel.

Die Krimihandlung ist kaum mehr als ein schmaler roter Faden, der das Geschehen zusammenhält. Im Mittelpunkt stehen stattdessen die Figuren und ihre Beziehungen zueinander. French lotet mit viel Feingefühl das komplexe Geflecht der streng katholischen Familie aus: der Vater ein Säufer und Schläger, die Mutter zutiefst verbittert, die Kinder bis ins Erwachsenenalter hinein in Hassliebe, Eifersucht, Verehrung und Verachtung miteinander verbunden. Die geplatzten Träume, fadenscheinigen Lebenslügen und tiefen Enttäuschungen können nur zu einer Gewalttat führen.

French zeichnet ihre Figuren mit großer Intensität, das ist eine ihrer ganz großen Stärken. Leider ist die Übersetzung ziemlich unbeholfen, das zerlöchert die Dichte des Romans ein wenig.

Tana French: Sterbenskalt (Faithful Place, 2010). Deutsch von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann. Frankfurt/Main: Scherz 2010. 598 Seiten. 16,95 Euro.
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Wie ein Glas Limonade

(rum). Der neue Roman von Martin Suter ist der Auftakt zu einer Serie um den Hochstapler und Lebemann Johann Friedrich von Allmen. Der ließ es sich mit einem üppigen Erbe lange gut gehen, muss sich die laufenden Ausgaben für seinen luxuriösen Lebensstil aber längst über Diebstähle finanzieren. Dabei bringen ihn ein paar wertvolle Jugendstil-Schalen (mit Libellenmotiven) ziemlich in die Bredouille. Suter erzählt gewohnt präzise, schlüssig und knapp, mit stimmig gezeichneten Figuren. Das kommt luftig und unterhaltsam daher und doch liest sich diese Geschichte mit ihren etwas absehbaren Wendungen allzu glatt und gefällig, erinnert an Limonade im Sommer, die vielleicht kurz erfrischt, aber keinen nachhaltigen Eindruck hinterlässt.

Martin Suter: Allmen und die Libellen. Roman. Zürich: Diogenes 2011. 197 Seiten. 18,90 Euro.
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Durchtrieben

(JF) Mitchell ist ein harter Brocken. Und ihm platzt leicht der Kragen. Gerade aus dem Knast entlassen, in dem er drei Jahre wegen schwerer Körperverletzung eingesessen hat, bricht er einem dieser lästigen, gewöhnlich an Ampelkreuzungen lauernden Windschutzscheibenputzer den Arm. Wem hier das erste Kapitel von Charles Willefords Klassiker „Miami Blues“ einfällt, in dem der „wohlgemute Psychopath“ Freddy J. Frenger einem Hare-Krishna-Jünger den Mittelfinger bricht, was diesen das Leben kostet, liegt nicht falsch. Wenn Mitchell nicht als Schuldeneintreiber oder Bankräuber unterwegs ist, liest er hartgesottene Kriminalromane. Und zwar nur die besten: Willeford eben, aber auch Lawrence Block, James Sallis oder Elmore Leonard.

Was passiert, wenn sich so ein Typ in das Setting von Billy Wilders zynisch-melodramatischem Hollywood-Abgesang „Sunset Boulevard“ (dt. „Boulevard der Dämmerung“, 1950) verirrt, lässt ihn der irischstämmige Autor Ken Bruen in seinem Roman „London Boulevard“ selbst erzählen. Das Ergebnis ist ein ausgesprochen unterhaltsames, manchmal auch gruseliges Spiel mit literarischen Versatzstücken an der Grenze zur Parodie, mit dem sich Bruen als abgefeimter Illusionist des Genres erweist. Lesenswert!

Ken Bruen: London Boulevard. (London Boulevard, 2001). Aus dem Englischen von Conny Lösch. Berlin: Suhrkamp 2010. 8,95 Euro.
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Zum Irland-Artikel von Ralph Christians