Geschrieben am 11. Mai 2013 von für Bücher, Crimemag

Bloody Chops

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Bloody Chops – kurz, prägnant, auf den Punkt – Anna Veronica Wutschel (wut) über James Patterson/Maxine Paetro: „Das 10. Gebot“, Joachim Feldmann (JF) über Martin Beyer: „Mörderballaden“ und Øystein Wiik: „Leiche in Acryl“ sowie Alf Mayer (AM) über Raymond Chandler „Der große Schlaf“ in einer illustrierten Neuausgabe.

660_2610_133669_xxlMiese Typen

(wut) Scharfe Typen, fiese Täter, undurchschaubare Angeklagte und rätselhafte Modi Operandi machen den Mädels des ‚Clubs der Ermittlerinnen‘ das Leben wie gewohnt schwer. Verhageln können sie ihnen die Stimmung jedoch auch in „Das 10. Gebot“ definitiv nicht. Sergeant Lindsay Boxer heiratet auf ihrer Traumhochzeit ihren Traummann Joe, um sich gleich darauf mit ihrem Partner ‚Inspector Hottie‘ auf die Suche nach einem verschwundenen Baby zu begeben.

Und während die Frisch-Verheiratete lieber selbst eins produzieren würde, ärgert sie sich mit der minderjährigen Mutter herum, die der Polizei offensichtlich eine Menge Lügen auftischt. Die Staatsanwältin Yuki, die ebenfalls an ihrem Liebesglück bastelt, will derweil eine bekannte Chirurgin zum Tode verurteilen lassen, soll die gehörnte Ehefrau doch ihren stets untreuen Gatten kaltblütig erschossen haben. Die Kriminalreporterin Cindy schwebt liebestechnisch ebenfalls auf rosa Wölkchen und begibt sich wegen vermeintlicher Verbrecherflaute auf die Spuren eines ominösen Serienvergewaltigers.

Dazu gesellen sich mit Waffen handelnde Rockerbräute, ein skrupelloser Auftragskiller, viel entspannendes Gelächter und eine Menge Happy Endings. Das alles wird von Maxine Paetro unter James Pattersons Namen im sehr tough gickelnden Girlie-Talk als fein zusammengebastelte Verbrecher-Schnitzeljagd erzählt. Doch trotz oder gar wegen der Fülle an Stoff bleibt das Sinnige knapp und schießt zugleich grenzenlos weit over the top. Das aber ist sicher auch eine Kunst, die diese Serie gnadenlos beherrscht.

James Patterson mit Maxine Paetro: Das 10. Gebot. Ausgabe 2013 (10th Anniversary, 2011). Roman. Deutsch von Leo Strohm. München: Limes 2013. 378 Seiten. 19,99 Euro. Verlagsinformationen zum Buch.

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Moerderballaden_273x205.inddCrystal Meth in Bayreuth

(JF) Dreizehn Geschichten finden sich im Inhaltsverzeichnis von Martin Beyers Erzählband „Mörderballaden“. Es sind Geschichten vom gewaltsamen Tod. Die Perspektiven wechseln, zu Wort kommen Opfer, Täter, Trauernde. Seinen Stoff bezieht der Bamberger Schriftsteller aus unterschiedlichen Quellen.

Da verwandelt sich Orpheus in den glücklosen Überbringer eines Lösegeldes und scheitert ebenso an der Aufgabe, seine Geliebte aus dem Reich des Todes zurückzuholen, wie der mythische Sänger. Ein SA-Mann erzählt von seiner Beteiligung an der bis heute nicht ganz geklärten Ermordung des als Hellseher auftretenden Varietékünstlers Erik Jan Hanussen. Und Viktor Jara, dem die Soldaten der chilenischen Militärjunta im Stadion von Santiago erst die Hände brechen, um ihn dann umzubringen, wird angesichts des Todes zum bekennenden Romantiker. Selten kamen die hoffnungslos aus der Zeit gefallenen Verse Eichendorffs vom Lied, das „in allen Dingen“ schlafe, so zu ihrem Recht wie am Ende dieser Geschichte.

Andere Texte sind gut ausgedacht. Crystal Meth in Bayreuth und Amsterdam, ein abgehalfterter Sänger, der im Norden Deutschlands über die Dörfer tingelt, eine tödliche Familienchronik: Jede der Geschichten bringt ihre eigene Tragik mit sich. Erzählt wird knapp und rhythmusbetont. Und doch hat jeder Erzähler seine eigene Stimme, denn Martin Beyer versteht sein Handwerk.

Nicht im Inhaltsverzeichnis steht die letzte Story. In diesem selbstironischen „Bonustrack“ tritt der Schriftsteller Beyer als Hauptfigur auf und erzählt, wie ihn ein polizeilicher Einsatz daran hindert, als Krimiautor zu reüssieren. Wir finden das in Ordnung.

Martin Beyer: Mörderballaden. Stories. Hamburg: Verlag Asphalt & Anders 2013. 170 Seiten. 14,90 Euro. Verlagsinformationen zum Buch.

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leiche_in_acryl-9783423214384Begrenzt

(JF) Als Operntenor, Schauspieler und Komponist sollte Øystein Wiik eigentlich alle Hände voll zu tun haben. Dass er trotzdem die Zeit findet, Kriminalromane zu verfassen, freut die norwegische Tageszeitung Sandefjords blad ungemein. „Eine perfekte Mischung aus Spannung und Humor“, die zudem „wahnsinnig gut erzählt“ sei, will man dort gelesen haben. Und tatsächlich.

Liebhaber bizarrer Morde, skurril-diabolischer Schurken und wilder Stories aus dem internationalen Kunstbusiness kommen in Wiiks zweitem Roman um den Opernjournalisten Tom Hartmann durchaus auf ihre Kosten. Da werden Mordopfer zu Skulpturen im Stile eines Damian Hirst verarbeitet, ein Kommodowaran namens Shankar bewacht die Reichtümer eines Superverbrechers, und ein seltsamer Mönch ist der Schlüssel zum einem dunklen Geheimnis, um dessen Aufklärung sich die Kripo in Oslo verzweifelt bemüht.

Henning Mankell meets Edgar Wallace, könnte man sagen, täte man dem wackeren britischen Schundproduzenten damit nicht bitter unrecht. Denn der verstand wirklich etwas von Spannung. In „Leiche in Acryl“ dagegen lässt sich trefflich beobachten, was passiert, wenn sich ein begrenztes, aber hochmotiviertes Erzähltalent der sattsam bekannten Handlungsmuster skandinavischen Krimischaffens bemächtigt.

Von sinnfreien Perspektivwechseln über langatmige Erklärungen bis zu einer klischeebeladenen Sprache findet sich alles, was die Lektüre zu einem Erlebnis der ganz besonderen Art werden lässt. Kostprobe gefällig: „Sonnengebräunte Antilopenbeine, selbst zu dieser Jahreszeit, und mit dem sinnlichen Zauber, der nur reifen erfahrenen Frauen eigen ist. Das in der Mitte gescheitelte, lange schwarze Haar fiel wie flüssiges Ebenholz …“ Aber genug. Wer auf den Geschmack gekommen ist, soll sich das Buch kaufen. Allen anderen aber, die sich einen erheblich amüsanteren Einblick in die norwegische Kunst- und Galerieszene verschaffen wollen, sei die fünfte Episode der großartigen Serie „Lilyhammer“ empfohlen.

Øystein Wiik: Leiche in Acryl. Kriminalroman (Slakteren, 2011). Roman. Aus dem Norwegischen von Günther Frauenlob und Maike Dörries. 318 Seiten. München: dtv 2013. 9,95 Euro. Verlagsinformationen zum Buch.

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163446Auftritt für Philip Marlowe

(AM) Schwierig, sich vorzustellen, wie die Kriminalliteratur heute aussehen würde, hätte ein damals 35-jähriger Öl-Geschäftsmann namens Raymond Chandler nicht 1933 angefangen, Kriminalgeschichten für das auf billigem Papier gedruckte Magazin „Black Mask“ zu schreiben und dabei den von Dashiell Hammett etablierten, hartgesottenen Ermittler etwas aufpoliert, ihm Manieren, ein scharfzüngiges Mundwerk, einen gewissen Hang zu Gesellschaftskritik und gewagten sprachlichen Vergleichen zu geben. Kurzum, den „tough guy“ salonfähig zu machen.

Neben Hemingway wurde Chandler auf Jahrzehnte zum wahrscheinlich meistimitierten englischsprachigen Autor. Sein erster Roman, „Der große Schlaf“ (The Big Sleep), erschien 1939 und beruhte auf den Erzählungen „Killer in the Rain“ und „The Curtain“. Erstmals trat darin der etwas zynische Privatdetektiv Philip Marlowe auf. Einerseits ist das Buch ein komplexes Mordrätsel, andererseits eine Auseinandersetzung mit der korrumpierenden Wirkung von Macht von Geld.

Aus Anlass des 125. Geburtstags von Raymond Chandler bringt die Edition Büchergilde den Roman nun in einer Form heraus, die man versucht ist, eine Luxusausgabe zu nennen. Dem Genre angemessen, ist es sozusagen edle Gosse. Ein wenig „daneben“, ein wenig großspurig, eben ganz Philip Marlowe. Cosima Schneider, seit Dezember 2012 neue Herstellungsleiterin der Edition Büchergilde, hat als Vorsatzpapier echtes silbernes Zigarettenpapier gewählt. Gedruckt und gebunden wurde bei Ebner & Spiegel in Ulm. Die leicht lesbare Schrift heißt Griffos, sie sieht aus wie eine klassische Antiqua, hat aber kleine Unebenheiten und Fehler.

Der Roman ist durchgehend illustriert, und zwar vom Leipziger Grafikprofessor Thomas M. Müller. Die etwas grobschlächtigen Bilder – von weitem an die Cover des mutigen Ein-Mann-Verlages von Frank Nowatzki in Berlin und dessen Reihe „pulp master“ erinnernd, „führen“ in die Handlung: Man sieht einen Raum, blättert um, und befindet sich auf der anderen Seite ebenjenes Raums. Zusammen mit den Seitenzahlen, die wie Reifenspuren wirken und sich an keinen festen Platz gewöhnen wollen, ergibt das ein lebendiges Leseerlebnis. Das größte Vergnügen dabei – Hut ab, Mr. Chandler – bereitet jedoch immer noch der Text. Die Gestaltung gibt ihm Raum, der äußerst großzügige Satzspiegel lässt Luft nach allen Seiten. Und so beginnt sie, die Geschichte von General Sternwoods Töchtern:

„Es war gegen elf Uhr morgens, Mitte Oktober, ein Tag ohne Sonne und mit klarer Sicht auf die Vorberge, was klatschkalten Regen verhieß. Ich trug meinen kobaltblauen Anzug mit dunkelblauem Hemd … Ich war scharf rasiert, sauber und nüchtern – egal nun, ob’s einer merkte. Ich war haargenau das Bild vom gutgekleideten Privatdetektiv. Ich wurde von vier Millionen Dollar erwartet …“

Raymond Chandler: Der große Schlaf (The Big Sleep, erstmals 1939 bei Alfred A. Knopf in New York.). Aus dem amerikanischen Englisch von Gunar Ortlepp. Mit ca. 20 Illustrationen von Thomas M. Müller. Geprägter Einband mit Schutzumschlag. 304 Seiten. 24,95 Euro. Verlagsinformationen zum Buch.

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