Geschrieben am 6. Oktober 2012 von für Bücher, Crimemag

Bloody Chops


Bloody Chops – voilà, es choppen fröhlich Joachim Feldmann (JF) „Am Anfang war der Schmerz“ von Adam Creed & „So bitter kalt“ von Johan Theorin;  Frank Rumpel (rum) „Das Gesetz der Gier“ von Wolfgang Kaes.

Unaufgeregt

(JF) Radikale Abtreibungsgegner entführen junge Frauen, die einen Schwangerschaftsabbruch in Erwägung ziehen und zwingen sie, ihr Kind zur Welt zu bringen. Dabei scheint ihnen die Gesundheit der Mütter gleichgültig. Die 23-jährige Burlesque-Tänzerin Kerry Degg überlebt die Geburt ihrer Tochter in einem  dreckigen alten U-Bahn-Schacht nicht. Detective Inspector Wagstaffe von der Londoner Polizei hat einen Verdacht, aber keine Beweise. Dann verschwindet in Birmingham wieder eine hochschwangere Frau.

„Am Anfang war der Schmerz“ ist der dritte Roman des unter dem Pseudonym Adam Creed schreibenden britischen Autors Gareth Creer um den allgemein nur „Staffe“ genannten Kriminalisten. Der ist ein gewissenhafter Ermittler mit sozialem Gewissen. Und er weiß, dass er keine Zeit zu verlieren hat. Denn Zoe Bright, das zweite Entführungsopfer, wäre schon einmal fast bei einer Geburt ums Leben gekommen. Doch die Nachforschungen gestalten sich mühselig. Nicht nur die unter dem Namen „Breath of Life“ operierenden Abtreibungsgegner, sondern auch Politiker und ein notorischerKrimineller scheinen in den Fall verwickelt zu sein.

Creed versteht es, plastisch, aber unaufgeregt, von den Mühen der Polizeiarbeit zu erzählen. Betont nüchtern wird das soziale Gefüge geschildert, in dem sich seine Figuren bewegen. Das ist nichts für ungeduldige Leser. Wer allerdings Krimis auch als realistische Gesellschaftsromane liest, findet in Adam Creed einen vielversprechenden Autor. Ihr Rezensent jedenfalls hat sich schon die ersten beiden Bände der Reihe besorgt.

Adam Creed: Am Anfang war der Schmerz. Thriller („Pain of Death. 2011). Roman. Deutsch von Andrea von Struve und Petra Post. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch 2012. 399 Seiten. 9,99 Euro. Verlagsinformationen zum Buch. Homepage des Autors.

Globalisierung ganz lokal

(rum) Eine türkische Kellerfabrik für Designerjeans, ein Kölner Modeunternehmen, das sich vom Schneiderbetrieb zum Vermarkter billigst im Ausland produzierter Ware gewandelt hat und ein globalisierungskritisches Netzwerk, in dessen Kern durchaus der Wille zur Radikalisierung vorhanden ist. Daraus hat der 54-jährige Bonner Journalist (zuletzt machte er mit der Aufklärung eines 16 Jahre zurück liegenden Mordes von sich reden) und Autor Wolgang Kaes einen klasse Kriminalroman über ein ziemlich unhandliches Thema geschrieben: Die Globalisierung.

In Istanbul sterben junge Männer an Staublunge, weil sie mit Sandstrahlern neuen Jeans das Aussehen von alten geben. Ein Istanbuler Lungenarzt, der viele von ihnen behandelt hatte und keinem helfen konnte, entdeckt sein Gewissen, folgt einer Spur und reist schließlich nach Deutschland, um von einem Modeunternehmen Geld für die Familien der Verstorbenen zu erpressen. Derweil setzt sich in diesem Modeunternehmen ein altgedienter Buchhalter vor seinem letzten Arbeitstag mit Geld und sensiblen Firmendokumenten ab und schließt sich einer globalisierungskritischen Gruppe an, die ihre Aktionen übers Internet organisiert. Die setzt das Modeunternehmen öffentlichkeitswirksam unter Druck, weil es den Standort Köln nach Rumänien verlagern will.  Schon bald läuft an allen Enden dieser Geschichte einiges aus dem Ruder.

Wolgang Kaes hat in seinem sechsten Roman die meisten Klischees umschifft, vielleicht manche Figur eine Spur zu eindeutig gezeichnet und am Ende mit einem Idealbild für verantwortliches Wirtschaften etwas zu dick aufgetragen. Unterm Strich aber ist diese fein verästelte Geschichte spannend, wendungsreich und plausibel erzählt, gut geschnitten und zudem so aktuell und kritisch, wie man es sich nur wünschen kann.

Wolfgang Kaes: Das Gesetz der Gier. Roman. München: Bertelsmann-Verlag,  2012. 319 Seiten. 19,90 Euro. Verlagsinformationen zum Buch. Homepage des Autors.

Kalkulierte Hochdramatik

(JF) Sankt Patricia, von den Anwohnern abfällig Sankt Psycho genannt, ist eine psychiatrische Klinik an der schwedischen Westküste. Hier werden Menschen behandelt, die für sich selbst und für ihre Umgebung eine Gefahr darstellen. Hinter Stacheldraht und hohen Mauern sollen sie für ihre Reintegration in die Gesellschaft vorbereitet werden. Deshalb erhalten sie die Möglichkeit, den Kontakt zu ihren Kindern aufrechtzuerhalten. Ein unterirdischer Gang verbindet die Klinik mit einem Kinderhort.

Hier arbeitet seit kurzem Jan Hauger, ein sympathischer Erzieher Ende zwanzig, der seine Kolleginnen sofort als pädagogisches Naturtalent beeindruckte. Doch wir Leser wissen es besser. Der junge Mann hat eine Vergangenheit, von der vor allem die Klinikleitung nichts erfahren soll. Zu Beginn seiner beruflichen Laufbahn ist ihm nämlich unter seltsamen Umständen ein Kind „verloren gegangen“. Auch dass er selbst vor langen Jahren Erfahrungen in der Psychiatrie gemacht hat, verheimlich er lieber. Denn das Motiv, sich ausgerechnet in Sankt Patricia zu bewerben, hängt mit dieser Zeit in seinem Leben zusammen.

Jan Hauger ist allerdings nicht der einzige Mitarbeiter, der ganz private Absichten verfolgt. Und viel schneller als gedacht, gelingt es ihm, in den gewöhnlich streng abgeschirmten Klinikbereich vorzudringen. Dies geschieht ziemlich genau in der Mitte des neuen Romans von Johan Theorin und zeigt, mit welcher Präzision der schwedische Autor diesen, trotz der vertrauten Ingredienzien außergewöhnlichen Thriller konstruiert hat. Stück für Stück enthüllt er Haugers Vergangenheit, während er gleichzeitig den Gegenwartsplot vorantreibt. Erzählt wird (bis kurz vor dem ebenso überraschenden wie tragischen Ende) aus der Perspektive des Protagonisten und in einer ausgesprochen sachlichen, beinahe reduzierten Sprache. Theorin verlässt sich ganz auf den Wirkung seiner Geschichte, und er kann es sich leisten. „So bitter kalt“ ist ein perfektes Beispiel kalkulierter Hochdramatik. Das ist für ein Genre, in dem immer häufiger auf billige Grusel- und Ekeleffekte gesetzt wird, eine beachtliche Leistung.

Johan Theorin: So bitter kalt (Sankta Psyko. 2011). Kriminalroman. Deutsch von Susanne Dahmann. München: Piper 2012. 472 Seiten. 19,99 Euro. Verlagsinformationen zum Buch.

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