Posted On 22. Oktober 2011 By In Bücher, Crimemag With 630 Views

Bloody Chops

Bloody Chops

– heute liebevoll gehackt von Anne Kuhlmeyer (AK), Kirsten Reimers (KR) und Thomas Wörtche.

Augenroll!

(AK) Der Titel „Aussortiert“ setzt Assoziationen von möglichen realitätsharten Szenarien in meinem Hirn in Gang, nur nicht das von einem „lila Tintenkiller“, wie der Chef der Charlottenburger Dienststelle den vermuteten Serientäter (in einem Anfall hebephrener Witzelsucht? Nein, natürlich nicht. Kriminaloberrat Seidel ist völlig normal.) nennt. Auch noch spaßig, denke ich und stöhne angesichts der ersten drei leicht skurrilen, mit Klebezettelchen versehenen Morde, die von Nabel (!), dem angeblich depressiven Leiter der Mordkommission zwar ernstgenommen werden, beim Rest der Truppe aber für flapsige Bemerkungen herhalten. Nabel leidet immer mal an Weltschmerz, wirkt sonst aber weniger depressiv als abhängig, vom Alkohol nämlich, und verfügt über eine durchaus funktionsfähige Abwehr mittels Sarkasmus. Falsches Etikett an der Figur. Man soll halt vorsichtig mit Schildchen sein, egal mit welcher Tinte geschrieben.

Wird mir auf den ersten Seiten die Unwahrscheinlichkeit, dass es sich um einen irren Serienkiller handelt, nahegelegt, scheinen die Ermittler davon bis Seite 104 nichts zu bemerken. Sie ermitteln und profilen vor sich hin, Lidia Rauch mit oder trotz ihrer Liebe zum Cocain und Kai Nabel wegen oder trotz seiner Liebe zu Lidia Rauch. Ich befürchte, mir entgeht die Ironie, die ich hinter all dem erhoffe. Vielmehr kommt es mir vor wie ein Stück im Kasperletheater: Alle sehen, dass Hotzenplotz Böses im Schilde führt, nur Kasperle liefert sich ein Scheingefecht mit dem Krokodil.

Immerhin entdecken Nabel und Lidia nach dem gewaltsamen Tod eines Sensationsjournalisten ein „very big thing“ und verfolgen die Zusammenhänge, ohne das Team oder die Vorgesetzen einzuweihen, dem Verdacht nachgehend, dass hochrangige Beamte involviert sein könnten.

Helmut Krausser

Und dann endlich! Auf Seite 156 beginnt nun auch ein respektabler Kriminalroman über Drogen- und Menschenhandel mit Verstrickungen von Staatsbeamten in organisiertes Verbrechen. Manchmal sogar böse und ernsthaft komisch, wenn man mal von einigen Blödeleien absieht. Fred Ernstlich und Fred Ehrlicher in einer Soko sind schon hart. Oder etwa eine kleine Schlamperei? Die umso weniger einzusehen wäre, da das Buch bereits unter dem Pseudonym Titus Keller 2007 im Eichborn-Verlag erschienen war, wie der Autor im Nachwort erklärt. „Ich hatte schon immer mal einen Kriminalroman schreiben … wollen.“ Ja, das verstehe ich gut. Falls dieser Drang wieder einmal übermächtig werden sollte – bitte ein wenig mehr von dem anwenden, was an schriftstellerischer Fähigkeit diesem Roman unterliegt und gelegentlich durchschimmert.

Zum Augenverdrehen dann auch der Schluss, den ich wohlwollend schmunzelnd hinnehme, weil ich mich inzwischen an das Buch gewöhnt habe.

Helmut Krausser: Aussortiert. Roman. Köln: DuMont Buchverlag 2011. 256 Seiten. 9,99 Euro. Verlagsinformationen zum Buch. Homepage des Autors. Anne Kuhlmeyers Website.

Einsame Abgründe

(KR) Zwei Tote im Abstand von 35 Jahren, beide gestorben durch einen Sturz in denselben Abgrund an derselben Stelle. Damals vor 35 Jahren waren sie ein Liebespaar. Beim ersten Tod sprach das meiste für einen Unfall. Auch beim aktuellen Todesfall spricht nichts zwingend dafür, dass noch jemand Drittes darin verwickelt ist. Ein Selbstmord? Um nach mehr als dreißig Jahren mit der Geliebten vereint zu sein? Oder steckt doch mehr dahinter? Denn es gibt ein paar Hinweise, die nicht so ganz ins Bild passen.

Inspektor Gunnar Barbarotti und seine Kollegin Eva Backman kommen bei den Ermittlungen nur langsam voran, denn die Anhaltspunkte sind spärlich und Zeugen gibt es keine. Parallel dazu werden die Ereignisse vor 35 Jahren aufgerollt. Als Leser nähert man sich so auf zwei Ebenen dem Freundeskreis, dem die beiden Toten angehörten: drei Männer und drei Frauen, über Jahre verbunden, getrennt durch Geheimnisse, einsam bei aller gemeinsam verbrachten Zeit.

Im Grunde passiert nicht viel in diesem Kriminalroman – und gerade das macht ihn sehr spannend. Nesser konzentriert sich ganz auf die Charakterisierung seiner Figuren, auf die Entwicklung der Liebesbeziehungen untereinander und die Veränderungen des Freundschaftskreises als Ganzem – und auf das, was daraus erwächst. Mit leiser Ironie und wenig Blut ist der Krimi angenehm unprätentiös gehalten – und legt doch fürchterliche Abgründe frei.

Håkan Nesser: Die Einsamen (De ensamma, 2010). Roman. Deutsch von Christel Hildebrandt. München: btb 2011. 605 Seiten. 19,99 Euro. Verlagsinformationen zum Buch mit Leseprobe. Offizielle deutsche Webseite des Autors.

Fiese Leute

(TW) Als ob sich Georges Simenon und Claude Chabrol ein eisig-böses Vexierspiel über lauter miese Leute ausgedacht hätten. Jungautor Simon Breuil schleimt sich an die literarische Legende James Whales an, der irgendwo eine durchgeknallte und ziemlich eklige Mischung aus Bret Easton Ellis und James Ellroy ist, mit Einschüssen von Hemingway und Charles Bukowski auch, und wer auf literate Frauenmörder steht, darf sich auch noch ein wenig Burroughs dazu fantasieren. Anyway, ein fettes, großmäuliges („Eine Welt, die Marcel Proust liest, verdient meinen großen Roman nicht.“) impotentes Arschloch, der vermutlich seine Freundin Rhonda umgebracht hat (oder auch nicht?) und desgleichen seinen Vater, der wiederum angeblich Whales Mutter erschossen hatte, die eine Hure war … Simon Breuil, dessen kulturbetrieblich stereotyper Umgang mit Frauen (also schlecht) ihn zu einem Westentaschen-Houellebecq adeln soll, wiederum schmarotzt an Whales tatsächlicher oder eingebildeter  Biografie. Das restliche Personal repräsentiert den degoutanten Charme der Bourgeoisie pur, moralische Morbidezza vom Feinsten.

In Szene gesetzt hat Emmanuel Moynot dieses maliziöse kleine Meisterstück in Tardis Manier, was die Stadtlandschaften und Interieurs betrifft. Das Soziale ist aufgelöst in eine geschickte, suggestive s/w-Dramaturgie, mit vielen Grauwerten und punktuell wirkungsvoll eingesetzten Farbeffekten. Eben als ob’s ein von Chabrol gefilmtes Drehbuch von Simenon wäre.

Emmanuel Moynot: Tod eines Blauwals (Pourquoi les baleines bleues viennent-elles s’échouer sur nos rivages?, 2010) Graphic Novel. Deutsch von Resel Rebiersch. München: Schreiber & Leser 2011. 76 Seiten. 18,80. Verlagsinformationen zum Buch.

  • http://MozillaFirefox Herbert Heckel

    Die Beiträge, Videos und Bilder sind vielfertig in seiner Art und hochinteressant.Mein Urteil: CULTURMAG gefällt mir. Mit freundlichem Gruß Herbert Heckel

    • Redaktion CM

      Vielen Dank, lieber Herr Heckel, freut uns sehr! Herzlich – für die ganze Redaktion :-) TW