Posted On 19. Februar 2011 By In Bücher, Crimemag With 1097 Views

Bloody Chops

Bloody Chops

– heute von Henrike Heiland (HH), Joachim Feldmann (JF) und Thomas Wörtche (TW)

Porno und Elfen

(HH) Per Mörner, Sohn des Pornoproduzenten Jerry Morner, hat ein altes Sommerhäuschen auf Öland geerbt. Vendela und ihr Mann, der Schriftsteller Max, haben eine neue Sommervilla gegenüber gekauft. Der 84-jährige Gerlof zieht sich ebenfalls auf die Insel zurück, weil er keine Lust hat, im Altersheim zu sterben. Noch kennen sie sich nicht, aber bald wird klar, wie eng ihre Leben miteinander verflochten und voneinander abhängig sind. Der Brandanschlag auf Pers Vater Jerry und dessen Filmstudio, bei dem zwei Menschen ums Leben kommen und Jerry nur in letzter Sekunde von seinem Sohn gerettet werden kann, bringt diese Verbindungen langsam ans Licht. Aber auch die Parallelerzählung „Vendela und die Elfen“, die Stück für Stück über die Handlung verteilt ist und im Präsens erzählt wird, enthüllt diverse Verbrechen.

Die Haupthandlung spielt in den neunziger Jahren, Johan Theorins Quadrologie beschreibt die vier Jahreszeiten auf der Insel. Der Tonfall ist bedächtig, die träge Atmosphäre der Insel berührt beim Lesen, der Glaube an Elfen und Trolle, an Naturgeister und die Kraft des Wünschens wird mit schönen, düsteren Bildern umgesetzt. Nicht so schön ist der Kriminalfall um den Anschlag auf (und später Mord an) Jerry. Das ist so ein bisschen hausbacken und Kommissar Zufall und mit Effekten an der falschen Stelle. Und am Ende tut sich der Autor gleich zweimal keinen Gefallen: zum einen die Actionszene, man meint ja immer, so was müsste sein, aber dann sollte es auch zum Rest passen. Zum anderen wird der ganze Zauber um Elfen und Trolle komplett aufgeklärt, und das ist echt schade. Also richtig, richtig schade. Dazu zwackt der Schreibstil (Autor/Übersetzung?) noch an einigen Stellen, die Dialoge sind dröge (Autor!), viele Druckfehler fallen beim Lesen auf (Redaktion?). Besser als der Vorgänger „Nebelsturm“, aber – warten Sie aufs Taschenbuch, dann stimmen Preis und Leistung wieder.

Johan Theorin: Blutstein. (Blodläge, 2010). Kriminalroman. Deutsch von Kerstin Schöps. München: Piper 2011. 445 Seiten. 19,95 Euro.
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Ein arroganter Pinsel

(FJ) Dürfen Lehrer, die im Münsterland aufgewachsen sind, Kriminalromane von Lehrern aus dem Münsterland, in denen ein münsterländischer Lehrer den Amateurdetektiv gibt, empfehlen? Auf rhetorische Fragen dieser Art zu Beginn einer Kurzrezension gibt es natürlich nur eine Antwort: Na klar! Unser schriftstellernder Lehrer heißt Georg Veit und sein meist unfreiwillig in Kriminalfällen ermittelnder fiktiver Kollege Peter-Paul Pfühl. Inzwischen liegt der vierte Roman der Reihe vor. Er hält, was seine Vorgänger versprochen haben. Pfühl ist blasiert wie eh und je, verarbeitet seine selbst gezogenen Tomaten zu schmackhaften Gerichten, trinkt Wein und fährt mit seinem Mazda Roadster durch die Gegend, wenn er nicht gerade Schüler quält oder sich mit seiner Geliebten verlustiert. Ein kleiner Lebemann in der westfälischen Provinz also, der auf merkwürdige Weise immer wieder in Verbrechen verwickelt wird. Dieses Mal beginnt es damit, dass ein Paketbote Anschriften verwechselt und dem scharfzüngigen Feingeist einen Stoß uralter Pornoheftchen zustellt. Adressiert ist die Lieferung an einen ambitionierten Lokalpolitiker, der gerne Bürgermeister werden will. Als die Amtsinhaberin bei einem mysteriösen Treppensturz ums Leben kommt, fällt der Verdacht natürlich auf den vermeintlichen Freund antiker Erotika. Und Pfühl beginnt, angestachelt von seiner Haushälterin und einem befreundeten Polizeipensionär, zu ermitteln. Dabei ist er, wie sich schon bald herausstellt, ein bemerkenswert miserabler Schnüffler, der enthusiastisch falsche Fährten verfolgt.

Doch das trübt das Vergnügen an diesem Büchlein, das seinen hanebüchenen Plot auf muntere Weise vom Ermittler selbst präsentieren lässt, keineswegs. Bis zum explosiven Showdown am Ende hält uns der arrogante Pinsel Pfühl bei der Stange. Ein Lichtblick unter all den dilettantisch fabrizierten Schnurrpfeifereien, die gewöhnlich unter dem Etikett Regionalkrimi auf den Markt geworfen werden.

Georg Veit: Mörderwahl. Ein Krimi aus dem Münsterland. Münster: Waxmann Verlag 2010. 216 Seiten. 9,90 Euro.
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Am Erker– Zeitschrift für Literatur

Drama, black & red

(TW) Rot und Schwarz sind die dominierenden Farben bei „Die Straße nach Selma“ – ein Drama on the road, gezeichnet von Philippe Berthet, nach einem Szenario von Tome  (Philippe Vandevelde) und koloriert von Topaze & Berthet. Rot wie Blut und Schwarz nicht nur wie noir, sondern wie die Hautfarbe eines der Protagonisten. Interracial Sex, darum scheint es zu gehen, aber darum geht es nie nur. Auch hier haken sich an dieses Thema noch andere unschöne Dispositionen von homo sapiens, die in einem bestimmten gesellschaftlichen Klima (Südstaaten der USA) besonders bösartig wuchern können. Gerade weil die Geschichte um Rassismus, Sexismus und Gewalt nicht hysterisch hoch gehängt wird, funktioniert sie sehr intensiv. Am Ende dominiert Rot. Das liegt an der Story, nicht an ominösen Genre-Regeln. Das Comic-Äquivalent eines exzellenten kleinen Films mit großer Qualität. Dazu ein schönes Interview mit Szenarist und Zeichner nebst Skizzen und Entwürfen bilden das Surplus dieser Neuauflagen incl. Verkleinerung vom Album- zum S&L-noir-Reihenformat (was der gute Schreiber & Leser Verlag durchaus hätte kommunizieren können, falls ich es nicht irgendwo überlesen habe …)

Philippe Berthet/Tome: Die Straße nach Selma (Sur la route de Selma, 1988 – erste deutsche Fassung 1995 bei Carlsen). Comic. Deutsch von Resel Rebiersch. München:  S & L noir 2011. 76 Seiten. 18,80 Euro.
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Geil

(TW) Girls wanna have fun, das gilt natürlich auch für Vampirinnen, Vamps. So wie die von William Simpson gezeichneten und von Elaine Lee erfunden Geschichten um fünf „Vamps“, die nichts anderes wollen als ficken & fressen (resp. trinken, was bei Vampiren rein terminologisch ein wenig wirr ist). Gut, dass die Stories der Miniserie (die von 1994 bis 1994 lief, wie Elaine Lee im Nachwort dezent anmerkt) von einer Frau geschrieben wurden, sonst würde es jetzt wieder „Männerphantasien!!!!, schmutzige!!!“ heißen, aber egal …  Immerhin, die Miniserie, die vermutlich ob ihrer fröhlichen Geschmacklosigkeit nie everybodies darling sein konnte,  wartet mit ein paar schönen Lachern auf – das Vampir-Drive-In-Fastfood zum Beispiel. „Vamps“ ist schön bunt, grell und ganz und trashig gemacht. Kein Edel-Trash, sondern richtig guter Trash-Trash. Splatter, Sex, Bikes und coole Sprüche. Und am Ende keine gerechte Strafe, kein psychologische Tiefe (puuu, Glück gehabt) und zugebenermaßen auch keine übermäßig komplexe Story, sondern die Mädels brechen auf zu neuen Vergnügungen.  Gut so.

Elaine Lee & William Simpson: Vamps (Vamps, 1994–1994).  Comic. Deutsch von Gerlinde Althoff. Stuttgart: Panini/Vertigo 2011.  200 Seiten. 16,95 Euro.
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Torture Porn

(TW) Erschießen, erstechen, foltern, quälen, verprügeln, abfackeln und andere Dinge, die man Menschen und Körpern antun kann, machen Duane Louis (das ist der nome de plume von Duane Swierczynski für den deutschen Buchmarkt, weil ja deutsche Leser mit komplizierten Namen überfordert sein könnten, die kleinen Deppen …) sichtlich Spaß. Oder das Erzählen davon. „Schnelle Beute“ (schöner das Original: „The Wheelman“) ist eine Geschichte, die manchmal stark an Torture-Porn-Filme erinnert, weil der Held so viel Ungemach, Leid, Prügel und Verwundungen einstecken muss und wegstecken kann, dass selbst ein christlicher Schmerzensmann eigentlich ein rechtes Weichei dagegen ist.  Dabei ist der Wheelman doch nur der, der das Fluchtauto bei einem Bankraub fährt, der schon längst verpfiffen und verraten ist. Ein übler, kleiner Noir-Roman, schnell, knapp, brutal, immer in Verneigungshaltung vor den Großen (Donald Westlake alias Richard Stark) und immer leicht überspitzt, ohne deswegen ironisch oder gar parodistisch zu werden. Ken Bruen (in „London Boulevard“) ist da weitaus risikoloser, weil er den Meta-Charakter und seine ironische Pose allzu deutlich zeigt, im Grunde aber auch eine harte Gangstergeschichte schreiben will, aber auf sein pc-Mittelschichtspublikum schielt und deswegen bei jedem Nicht-pc-Scherz giggelt. Louis zielt da viel wuchtiger und prolliger auf die miesen Instinkte seiner Leserschaft, das hat einen bedeutend höheren Fun- und Unterhaltungswert.  Glauben muss man ja sowieso nichts bei dieser Sorte von fairy tales. Sehr robust, sehr lustig, am Ende sehr, sehr noirnoirnoir.

Duane Louis: Schnelle Beute (The Wheelman, 2005) Roman. Deutsch von Frank Dabrock (beigebunden:  „Rotschopf“ Redhead, 2007. Kurzgeschichte). München: Heyne 2010. 366 Seiten. 8,95 Euro.
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Theorie

(TW) Für unsere Bedenkenträger, die so viel Blut, Modder, Verstümmelung, Gekröse und bösen Sex nicht unkommentiert stehen lassen möchten, hier zwei vorbildliche Bändchen: „Terrorkino. Angst/Lust und Körperhorror“ von Marcus Stigletter und „Sex und Subversion. Pornofilme jenseits des Mainstreams“, hg. Von Oliver Demny & Martin Richling, natürlich auch mit einschlägigen Texten zu Gewalt, Rassismus, Sexismus & deren ästhetische Verarbeitung. Was im kriminalliterarischen Sekundärbereich angeblich nicht möglich ist, geht im Kino-Bereich ziemlich gut. Natürlich kann man sich über die hin und wieder arg jargonisierte Diskurs-Sprache lustig machen und sich über den Sinn und Zweck des Theoretisierens („… Weithin ist selbstredend fraglich, ob derartig rudimentäre Diskurse, die sich an einigen Terrorfilmen nachweisen lassen, überhaupt vom Rezipienten wahrgenommen werden werden“, Terrorkino, S. 46f) erhaben dünken, aber nur arg frustrierte Dödel können das Nachdenken über Populäre Kultur auf einem etwas höhen als Klippschulniveau nicht gutheißen. Sowohl die schmale, kompakte „Kultur & Kritik“ – als auch die etwas voluminöseren „Deep Focus“-Bändchen von Bertz & Fischer bieten erfreuliche Beiträge zu unseren Themen. Über Formen und Inhalte wird überall lustig debattiert, nur der Boom-Bereich „Krimi“ soll auf ein rein bespassungswilliges Publikum begrenzt bleiben … ach wo …

Marcus Stiglegger: Terrorkino. Angst/Lust und Körperhorror. (= Kultur & Kritik I) Berlin: Bertz & Fischer 2010. 105 Seiten. 9,90 Euro.
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Oliver Demny/Martin Richling, ed: Sex und Subversion. Pornofilme jenseits des Mainstreams.  (= Deep Focus 11). Berlin: Bertz & Fischer 2010. 191 Seiten. 19,90 Euro.
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