Posted On 6. Mai 2017 By In Bücher, Litmag With 580 Views

Birk Meinhardt: Brüder und Schwestern

Meinhardt_25279_MR.inddVöllige Umkehrung der Werte

– Mit dem ersten Teil der Familiensaga „Brüder und Schwestern“ zeichnete der in Ostberlin geborene Birk Meinhardt ein lebenspralles Gesellschaftspanorama der DDR. Im zweiten, durchaus eigenständigen Teil, nimmt der gebürtige Ostberliner nun die Wendejahre von 1989 bis 2001 in den Fokus und zeigt auf beeindruckende Weise, wie das Leben seiner Protagonisten auf links gezogen wird und alles Bisherige seinen Wert verliert. Von Karsten Herrmann

Am Tag der Maueröffnung befindet sich Erik Werchow gerade auf seiner ersten Dienstreise in West-Berlin und über ihn schlagen die „Farbwellen zusammen, glutrot, phosphorgrün, rapsgelb, tintenblau rauschten sie in ihn hinein, und er musste stehenbleiben und um Atem ringen“. Noch mehr verschlägt es ihm allerdings den Atem, als ihm die ersten Trabis und Ostdeutschen auf dem Kudamm entgegen strömen und er die Grenze zurück in Richtung Osten ohne den so wichtigen Einreisestempel passieren muss. Die ihn umgebende Euphorie verursacht bei ihm eine Abwehrhaltung, denn als Skeptiker und Zweifler ahnt er, was dieser Tag für ihn und seine Familie und für Millionen andere bedeuten wird.

An den ganz unterschiedlichen Lebensläufen von Erik und seinen Geschwistern Matti und Britta spiegelt Birk Meinhardt die umfassenden Umbrüche der Wende auf Makro- und Mikroebene wieder: Ihre Betriebe werden abgewickelt, verkauft oder gehen pleite und sie müssen sich völlig neu orientieren. Während Erik von der Ostfirma „Weltwerbung“ zu einer westdeutschen Pharmafirma ins Marketing wechselt und Matti zusammen mit seinem berlinernden und alltagsweisen Kollegen Peter auf seinem Frachtschiff ein In-Lokal einrichtet, kommt Britta zunächst aus der beruflichen Spur und lässt sich auf windige Finanzinvestitionen ein. Doch allen dreien und insbesondere dem Idealisten und Romantiker Matti ist der Kern ihrer Lebensentwürfe verloren gegangen. Erst jetzt offenbart sich ihnen das System der DDR in seinem ganzen Zynismus der Überwachung, der maroden Wirtschaft und der Devisengeschäfte mit dem Westen. Und in völliger „Verkehrung der Wertigkeiten“ zählen nach der Wiedervereinigung nur noch Geld und Konsum. Und so wehrt Matti sich auch gegen die pauschale Abwertung der DDR und ihre Reduzierung auf Stasi und Unrechtsregime: „es gibt keine Kenntnis dieser Geschichte, nicht ihrer Nuancen und untergründigen Wirbel.“

Birk Meinhardt hat mit dem zweiten Teil von „Brüdern und Schwestern“ sein Familienepos auf spannende und differenzierte Weise fortgesetzt. Auf der Folie der gesellschaftlichen Umbrüche zoomt er in das Leben seine Protagonisten, zeigt ihre Hoffnungen, Zweifel und Ängste, ihre Auseinandersetzungen, Verwerfungen und Verirrungen. Für zusätzliche Spannung sorgen dabei ein altes Familiengeheimnis und der Mord an Mattis Freund Peter.

Birk Meinhardts Roman kann in eine Reihe gestellt werden mit den Wenderomanen von ostdeutschen Autoren wie Ingo Schulze („Simple Storys“), Thomas Brussig („Helden wie wir“), Uwe Tellkamp („Der Turm“) oder Lutz Seiler („Kruso“). Während im letzten großen Wenderoman „UNTERLEUTEN“ Julie Zeh eher aus westdeutscher Perspektive schrieb, gibt Bik Meinhardt den Ostdeutschen und ihren existentiellen Erfahrungen eine glaubwürdige Stimme und mahnt zu einer differenzierteren Betrachtung der Geschichte, die allzu leicht aus „Sieger“-Perspektive erzählt wird.

Karsten Herrmann

Birk Meinhardt: Brüder und Schwestern. 1989 – 2001. Hanser, 672 Seiten. 24,99 Euro

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