Posted On 6. März 2017 By In Bücher, Litmag With 377 Views

Bildbände von Mario Testino und Ren Hang

ren_hang_fo_int_3d_05318_1612221208_id_1083525testino_sir_trade_fo_int_3d_05796_1612201155_id_1069444Unschuld der jeweils ganz anderen Art

Der chinesische Fotograf Ren Hang und das Männerbuch SIR von Mario Testino

Beide suchen sie nach einer Unmittelbarkeit des Ausdrucks, nach einer Wahrheit hinter den Bildern. Zufällig (?) zur gleichen Zeit im gleichen Verlag erschienen, sind die Bildbände von Ren Hang und Mario Testino so etwas wie zwei Pole einer visuellen Reise. Alf Mayer hat sich in die Bücher vertieft.

Jetzt wird seine gerade eben erschienene erste Monographie zu einem Vermächtnis. Es hat ihm leider nicht geholfen, nach vielen Anfeindungen im eigenen Land in einem renommierten transnationalen Verlag einen weltweit öffentlichen Auftritt zu bekommen. Einen Monat vor seinem 30. Geburtstag hat der chinesische Fotokünstler Ren Hang seinem Leben am 27. Feburar 2017 ein Ende gesetzt. Die chronische Depression, an der er viele Jahre litt, war letztlich stärker als alles Licht und alle Kraft der Subversion, die aus seinen Bildern spricht. Er litt an wiederkehrenden Depressionen, gab darüber auf seinem Blog oft Auskunft. Der Eintrag vom 16. Juli 2014 etwa lautete:
„Das Leben ist in der Tat ein
kostbares Geschenk
Aber ich habe oft das Gefühl
Der falsche Empfänger zu sein.“

Dian Hanson, die mit ihm oft Kontakt hatte und den Bildband editierte, schrieb zu seinem Freitod, dass Ren Hang im vergangenen Oktober in eine tiefe Schwermut gefallen sei, „die globale politische Instabilität intensivierte das“. Ich füge (als meine persönliche Meinung) hinzu, dass Donald Trump mit seiner Schwulen- und China-Phobie und die sich abzeichnende Verschlechterung der Beziehungen zwischen China und den USA vermutlich wohl überaus hässliche Schatten warfen. Ren Hang war kein politischer Aktivist, Internationalität aber bedeutete ihm Atemraum.

In seiner kurzen sechsjährigen Karriere wurden seine Fotografien in über 20 Einzel- und 70 Gruppenausstellungen rund um den Globus ausgestellt, in Tokio, Bangkok, Hong Kong, Athen, Paris, New York, Kopenhagen, Frankfurt, Wien und, ja, sogar Peking. Im Eigenverlag veröffentlichte er in Kleinstauflagen ein einige Monografien. Über die Social Media erwarb er sich internationale Popularität, seine Website und seine Accounts bei Facebook, Instagram und flickr hatten und haben viele Besucher. Der jetzt bei Taschen erschienene Bildband ist sein erster großer Print-Aufritt.

206a_ren_hang_fo_05318_1610131249_id_1083849

 

152a_ren_hang_fo_05318_1610131251_id_1083867

Er war ein untypischer Rebell, zurückhaltend, scheu, dabei witzig und radikal – er war schwul und auf eine begeisternde Weise unverklemmt. Seine (Vorsicht: oftmals expliziten) Fotos nackter junger Menschen transportieren eine Unschuld, wie sie uns nach der Geburt schnell verloren geht. Und wie sie uns von den Medienbildern von Männlich- und Fraulichkeit allzu leicht und oft verstellt wird. Dagegen arbeitete er unverdrossen an, suchte und dokumentierte eine uns abhanden gekommene Natürlichkeit. (Auf andere Weise und vom anderen Pol her – deshalb in dieser Rezension ihm gegenüber gestellt – sucht auch der Glamourfotograf Mario Testino in seinem Bildband „Sir“ nach Wahrhaftigkeit und Essenz hinter den Bildern.)

„Chinesen sind keine Roboter ohne Schwänze …“

Ein Vorsatzblatt liegt hinter dem ausgestanzten großen Stern des Buchumschlags, verdeckt den nackten jungen Mann, der sich lasziv die Achselhöhle leckt. Auf dem Blatt steht: „Die Menschen kommen nackt auf diese Welt, und ich betrachte nackte Körper als ihren natürlichen, authentischen Anblick. Durch ihre nackten Körper spüre ich ihre reale Existenz.“ Seine Modelle fotografierte Ren Hang meist nackt und in oft surreal anmutenden Arrangements – oft waren es Freunde, in seinen letzten Lebensjahren auch zunehmend Fans. Es sind junge Körper, oft androgyn, aber erkennbar „queer“. Männer lutschen Männern die Schwänze, Frauen berühren sich intim – und interessant ist, wie das so gar nicht pornografisch wirkt, sondern eben frei. Auf eigene Weise schön. Pornografie ist in der Volksrepublik China seit 1949 verboten, ebenso Nacktheit im Freien. Ren Hang fotografiert seine Modelle häufig im Freien, auf den Dächern von Peking, in Wald und Wiese und Wasser oder hoch in Baumkronen und Astgabeln.

135a_ren_hang_fo_05318_1610131251_id_1083876Die Körper-, Paar- und Gruppenarrangements sind manchmal schwindelerregend akrobatisch, oft einfach verquer, gestapelt wie Bauklötze. Strumpfhosen werden ebenso zweckentfremdet wie Haare, Hühner, Schlangen, Katzen, Tomaten, Leguane, Melonen, Weinflaschen, Schmetterlinge, Zigaretten, Füße oder Zungen. Aus Körperöffnungen sprießen Telefonleitungen und Blumen, in dutzenden Bildern wird „Das große Fressen“ variiert. Manche der Fotos sind ausgesprochen albern, andere tief melancholisch oder verträumt, andere befremdlich. Besonders mag ich das Foto von dem Mann unter Wasser in einer Badewanne, um dessen Gesicht ein langgezogener Schwarm kleiner roter Fische schwimmt.

Ren Hang ist ein sanfter Provokateur. Immer wieder sieht man lustvolle Erektionen. „Ein Penis ist hässlich, wenn er schlaff ist. Nur wenn er steif ist, spürst du seine Existenz“, sagte er in einem Interview. „Ich will nicht, dass andere den Eindruck haben, Chinesen seien Roboter ohne Schwänze oder Mösen“, sagte er weiter. Gleichzeitig beharrte er immer darauf, dass seine Fotografien keinerlei Sinn oder Zweck verfolgten. Er fotografiere schlicht, weil es ihn glücklich mache. „Ich verschiebe Grenzen nicht absichtlich, ich mache nur meine Arbeit.“

Ren Hang, Dian Hanson: Ren Hang. Bildband. Mehrsprachige Ausgabe: Deutsch, Englisch, Französisch. Verlag Taschen, Köln 2017. Hardcover, Format 22,5 x 30 cm. 312 Seiten, 39,99 Euro. Verlagsinformationen.

Ren Hangs Webseite. Seine Accounts bei Instagram und Facebook (je zensiert).
Ein Gespräch mit ihm im Digitalmagazin „Dazed“ hier. Ein Nachruf mit zwei Videos, die ihn bei der Arbeit zeigen –und viele (explizite!) Fotos hier.

267a_ren_hang_fo_05318_1610131249_id_1083840

testino_sir_trade_fo_int_open_0214_0215_05796_1701301346_id_1108987

Männerbilder, heute: Mario Testinos Bildband SIR

„Jeder kennt diesen Moment an einem Strand oder auf der Straße, wenn man einen Engel vorbeigehen sieht. Ich bin der unglaublich glücklichen Lage, einen Schritt weiter gehen zu können und solche außergewöhnlichen Menschen fotografieren zu können“, sagt Mario Testino. Bisher war sein Bildband „SIR“ nur in einer exklusiven Ausgabe zu haben (750 Euro), jetzt liegt die Suche des in Peru geborenen Fotografen nach dem, was die Anziehungskraft eins Mannes ausmacht, in einer Volksausgabe vor, im Softcover mit Großformat und Goldschnitt. Das provokante Cover zeigt im zugespitzten Bildausschnitt einen weißbehosten Mann in weißer Pelzjacke, der sich ostentativ in den Schritt greift.

testino_sir_trade_fo_int_3d_05796_1612201155_id_1069444Der dekadente Griff mit kräftiger Hand ins Gemächt übrigens entstand 1999 für Gucci, eigentlich ging es dabei um die Uhr am Handgelenk, aber so ist das mit Ambivalenzen. Mario Testino sucht sie explizit. „SIR“ ist eine Auswahl aus über 30 Arbeitsjahren, ein Kondensat. Eine Suche nach der Essenz zeitgenössischer Männlichkeit – dies vom anderen Ende der Unschuld her als es bei Ren Hang der Fall ist. Sie sind zwei Pole, die bei aller Unterschiedlichkeit gemeinsam nach etwas in – oder besser: hinter – den Bildern suchen. Beide arbeiten sie mit dem Unterschwelligen, suchen nach einer Freiheit des Ausdrucks: Ren Hang mit „simpler“ Nacktheit (immer noch komplex genug), Mario Testino aus einer Art überhöhten Realität, mit all dem Aufgeladenen unserer Schönheits- und Modeideale. Mit Mode, meint Testino, brauche Schönheit etwas Grenzwertiges, denn dieses Verspielte mit den Schärfen und Kanten von Geschmacklosigkeiten sei eindeutig belebend, ginge es doch auch darum, Standarderwartungen zu konterkarieren, was als „guter Geschmack“ sei oder als „männlich“ anzusehen ist.

Nicht von ungefähr, aber neu für den Perfektionisten Testino, ist es, dass in „SIR“ private und schnell mit einer kleinen Kamera geschossene Bilder gleichberechtigt neben jenen stehen, für die mit einem ganzen Team und viel Planung für eine Marke inszenierte. Das macht eine aufregende Mischung.

Testino fotografiert für Vanity Fair und die amerikanische, die britische und die französische Vogue, für Burberry, Versace, Dolce & Gabbana und Michael Kors. Galerien auf der ganzen Welt zeigen seine Werke, seine Arbeiten sind beispielsweise in den ständigen Sammlungen der National Portrait Gallery und des Victoria & Albert-Museums in London präsent. Für „SIR“ wählte Mario Testino über 300 Aufnahmen aus seinem immensen Archiv. „Das Buch ist eine Art Gespräch über Neugier und Freiheit mit der Kamera“, sagt Mario Testino dazu im ausführlichen und überaus erhellenden Gespräch mit Patrick Kinmoth.

Das Buch ist voller Männer – prominenter und unbekannter. Es dekliniert die Inszenierung von Männlichkeit in all ihren zeitgenössischen Facetten: Dandys und Gentlemen, Machos und androgyne Jünglinge, VIPs und namenlose Beaus, Aufnahmen zwischen souveräner Zwanglosigkeit und narzisstischer Selbstinszenierung. „Die Art, wie Männer in der Fotografie, in der Mode gesehen werden und wie sie Bilder von sich selbst betrachten, hat sich in den letzten Jahren geändert. Das maskuline Image, der persönliche Stil eines Mannes, die sich ändernde Einstellung zum männlichen Gesicht und Körper – diese Themen stehen jetzt im Fokus.“

testino_sir_trade_fo_int_open_0122_0123_05796_1701301345_id_1080499

„Claudia“ hat ein Mann auf den Oberschenkel tätowiert

Testinos Männer sind schläfrig, lasziv, dekorativ verdreckt, nackt, entspannt, kokett, frisch geduscht, geschminkt, nackt im Pelz, oft in Unterhosen oder im Zustand der Entkleidung. Frauen, wenn sie auftauchen (kaum ein Dutzend Mal), haben in dieser maskulinen Welt wenig(er) Ausstrahlung. „Claudia“ hat ein Mann als Oberschenkel-Tattoo stehen, bei einem anderen ist ein „Kate“ durch den transparenten Slip auf einer Pobacke zu lesen. Aston Kutscher liegt auf einem OP-Tisch, eine Spritze am Kopf. Tom Brady kämpft mit einem in seinen Unterarm verbissenen Dobermann, Josh Hartnett lächelt mit rotgeschminktem Mund, ein anderer reibt sich einen straßbesetzten High Heel im Schritt, ein anderer träufelt sich Augentropfen, andere öffnen ihre Reißverschlüsse. Mehrmals einen Auftritt haben einige Männer, die im Hinblick auf die Herausbildung ihrer eigenen Identität und damit letztlich auch für die gesellschaftliche Neudefinition von Männlichkeit in den letzten Jahrzehnten manchmal ganz bewusst ziemlich viel Mut aufbrachten: Andy Warhol, David Bowie, Mick Jagger oder David Beckham. Eines der schönsten Fotos ist der elegante Bowie beim Luftklavierspiel.

Unverkennbar ist ein gewisser Fetischismus für Uniformen. Testino hat und liebt Humor, das zeigen auch einige Verneigungen vor Kollegen und Auftraggebern: Thierry Mugler in Unterhose auf einem Hotelbalkon, Paul Smith mit samtener Augenbinde, Stefano Gabbana und Domenico Dolce in weißen Unterhosen, Giorgio Armani im Smoking. Yves Saint-Laurent hat seine Hand an der Brille, Jamie Foxx begegnet uns glamourös gepimpt. Brad Pitt, Michael Fassbender, Gael Garcia Bernal, die Bee Gees, der Rapper Jay-Z im Anzug, Dennis Hopper und Sean Penn, Robbie Williams (sehr witzig), George Clooney, Chris Evans, Jude Law, Orlando Bloom, Eddie Redmayne, Roger Federer, Julian Schnabel, Eric Bana, Elton John, Hugh Grant und viele Unbekannte jonglieren vor Testinos Kamera mit ihrer Maskulinität. Ein überraschend angenehmes, vergnügliches und elegantes Buch.

Mario Testino: SIR. Mit einem Interview von Patrick Kinmonth und einem Essay von Pierre Borhan. Mehrsprachige Ausgabe: Deutsch, Englisch, Französisch. Verlag Taschen, Köln 2016. Bildband, Softcover, Format 27 x 35 cm. 504 Seiten, 59,99 Euro. (Originalausgabe € 750.) Verlagsinformationen.

Alle Fotos: (c) TASCHEN (und Ren Hang bzw. Mario Testino)

testino_sir_trade_fo_int_open_0444_0445_05796_1701301347_id_1109014

Tags : , , ,