Posted On 24. Oktober 2012 By In Bücher, Litmag With 773 Views

Ben Moore: Elefanten im All – Unser Platz im Universum

Frustration durch Größenwahn

– Ein Wunder. Ein echtes Wissenschaftsbuch in deutscher Sprache, das mehr als nur ein paar tausend Freaks verstehen können und das zudem nicht zuvor ein Bestseller auf Englisch war.* Auch noch geschrieben von einem richtigen Astrophysiker, dem Engländer Ben Moore, zurzeit Professor in Zürich. Und mit einem lustigen Titel. Im Prinzip ist „Elefanten im All“ ein Glücksfall. Umso bedauerlicher, dass das Buch nichts taugt. Von Aleks Scholz

Das Konzept ist relativ einfach: Beschreibe die komplette Geschichte des Universums inklusive der Erforschung desselben, die Zukunft der Menschheit und den Sinn des Lebens auf gut 350 Seiten, und zwar so, dass es wirklich jeder versteht. Moore hat sich für diese wahnwitzige Aufgabe einen mäandrierenden Stil zugelegt, er springt von Thema zu Anekdote zum nächsten Thema zur nächsten Anekdote, schlingernd, sprunghaft, launisch, in einer angenehmen Sprache mit einfachen Worten. Selten hält er sich länger als eine halbe Seite mit einer Erklärung auf, was an vielen Stellen zum Problem wird, beispielsweise wenn er das Noethertheorem in zwei Absätzen oder das Higgs-Boson in acht kurzen Sätzen abhandelt. Moore kratzt an der Oberfläche von allem, ohne irgendwo richtig in die Tiefe zu gehen und gründlich zu erklären. Aber womöglich ist Erklären nicht sein Ziel. Die einzelnen Kapitel verbindet Moore lose mit seiner Biografie; wir erfahren, wie er Berge besteigt, Erfolge als Wissenschaftler feiert, Snowboard fährt, Computer baut, Berge runterfällt, Gitarre spielt und Kneipen aufsucht. Welche Funktion diese Topchecker-Episoden („Das Leben ist schön!“) haben, bleibt unklar.

Fehlerhafter Superriesenslalom

Natürlich macht Ben Moore (bzw. Übersetzer oder Lektoren) bei seinem Superriesenslalom durch das Universum auch Fehler. Jede Menge kleiner Sachfehler. Das nur nebenbei. Bessels Parallaxenmessung fand im 19., nicht im 18. Jahrhundert statt. Huygens maß die Entfernung zum Sirius im später 17. Jahrhundert, nicht 1968. Es gibt nicht „mindestens so viele“ Braune Zwerge wie Sterne, sondern deutlich weniger. Der Andromedanebel steht nicht im Sternbild Kassiopeia, sondern eben im Sternbild Andromeda. Betageuze ist eine sehr ungebräuchliche Schreibweise für Beteigeuze. Die kritische Masse, ab der Wasserstofffusion möglich ist, liegt bei etwa 8 % der Sonnenmasse, nicht bei 1 % oder 10 %, wie im Glossar steht. Und so weiter. Solche Fehler sind ärgerlich und peinlich für den Autor, aber vermutlich letztlich irrelevant, weil sich die meisten Leser die Details sowieso nicht merken. Ich muss das sagen: Ich behauptete einst in den ersten Auflagen des „Lexikon des Unwissens“, dass Wasser bei 4 Grad Celsius die geringste (nicht, wie es korrekt wäre, die höchste) Dichte hat.

Aber Details sind nicht das Problem des Buches. Das Problem ist die großangelegte Geschichte, die Moore erzählt. Sie handelt von der Naturwissenschaft als einziger Quelle der Wahrheit, die unaufhörlich die Menschheit nach vorne treibt, ein endloser strahlender Siegeszug, der nur einmal unterbrochen wird, nämlich von den 1700 Jahren der „geistigen Finsternis“ zwischen der Schlacht von Korinth und Kopernikus, eine Zeit, in der es angeblich „kaum Fortschritt von wissenschaftlichem oder mathematischem Wert“ gab.** Moores Weltbild basiert, wie das vieler prominenter Naturwissenschaftler, auf den alten Geschichten von einem ewigen Krieg zwischen Religion und Naturwissenschaft, genau dieselben Schwarz-Weiß-Legenden, die Draper und White in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts unters Volk warfen inklusive der üblichen Märtyrergeschichten um Giordano Bruno und Galileo Galilei. Von diesen Mythen ausgehend baut Moore ein sauberes eschatologisches Wunderland in die ferne Zukunft, eine Zukunft, in der wir das Universum komplett verstehen und technologisch im Griff haben. Natürlich nur, bis die Protonen zerfallen. Diese Utopie ist umso seltsamer, wenn man bedenkt, dass Moore nach langem gründlichen Nachdenken zum Schluss kommt, dass das menschliche Dasein „keinen tieferen Sinn hat, überhaupt keinen“ und es nur darum geht, „unser kurzes Leben voll auszukosten“. Warum also der ganze Stress, Universum hin oder her?

Dieses naive Weltbild, das einen Fortschrittspfeil verschluckt hat, wird bis ins Detail durchgehalten. Nur ein Beispiel: Aristarch von Samos hatte bereits mehr als 200 Jahre vor Beginn der Zeitrechnung von einer Welt geschrieben, in deren Zentrum die Sonne steht, nicht die Erde. Die Idee war gut, setzte sich aber nicht durch. Obwohl der Heliozentrismus immer wieder schattenhaft durch diverse Kulturen geisterte, war er noch nicht reif. In Moores Darstellung wurde Aristarchs Idee 1800 Jahre lang unterdrückt, bevor Kopernikus sie aufgriff und gegen den erbitterten Widerstand der Kirche durchsetzte. „Kopernikus kannte dieses Werk (das von Aristarch) genau“, behauptet Moore, damit die schöne Geschichte Sinn ergibt. Die beiden Helden müssen schließlich direkt miteinander zu tun haben, getrennt nur durch Jahrhunderte der Ignoranz und Finsternis. Es gibt jedoch keine Hinweise darauf, dass Kopernikus mehr als eine vage Ahnung von Aristarch hatte; beide kamen ziemlich sicher unabhängig voneinander auf dieselbe Idee. Oder wie Eugen Brachvogel 1935 schlussfolgerte: „Kein Faden, nichts, führt da von Aristarch zu Kopernikus.“ ***

Wow!

An der ganzen Herrlichkeit überhebt sich Moore. In seinem Buch wird unglaublich viel gewusst und verstanden, Computersimulationen zeigen Dinge, man findet heraus, stellt fest und folgert. Dabei übergeht Moore bei vielen Gelegenheiten Unsicherheiten, Probleme und offene Fragen – die interessanten dunklen Stellen, von denen die Wissenschaft lebt, fallen unter den Tisch. Er redet etwa von seinen „umfangreichen Supercomputer-Simulationen, in denen die Bildung von Planeten in der Umgebung von Sternen nachgezeichnet wird“, und es klingt alles so, als wäre das Problem der Planetenentstehung damit erledigt. Dass diese erwähnten Simulationen nicht etwa den gesamten Prozess nachstellen, sondern mit Felsbrocken anfangen, die schon einen Kilometer groß sind – keine Kleinigkeit –, sagt er nicht dazu. Wenn Moore ein Autoverkäufer wäre, dann würde man sagen, er nimmt eine Schubkarre und tut so, als sei es ein Porsche. An einer Stelle behauptet Moore ernsthaft, „recht gut“ zu verstehen, „wie aus dem Urknall Struktur erwuchs“ und „wie sich unsere Galaxie und unser Sonnensystem bildeten“. Hier sind ein paar der größten Probleme der Astrophysik, an denen weltweit ein paar tausend Experten arbeiten. Wenn Moore das alles versteht, weiß er mehr als der Rest der Welt. Ich schrieb „wow“ an den Seitenrand.

An Moores Art der Wissenschaftsbeschreibung stören vor allem zwei Aspekte. Zum einen missachtet sie die Leistungen einer ganzen Armee von klugen Leuten, entweder, weil sie an den Problemen arbeiten, die Moore unter den Tisch fallen lässt, oder aber, weil sie nicht in sein simples Geschichtsbild passen und das Pech hatten, im Zeitalter der „wissenschaftlichen Lustlosigkeit“ zu leben, von dem Moore unentwegt redet. Man kann nicht Kopernikus, Galilei, Newton und Einstein glorifizieren und gleichzeitig so tun, als hätte es Oresme, Buridan, Bacon, von Kues, ganz zu schweigen von den Kollegen außerhalb Europas, nie gegeben. Sogar Ptolemäus fällt in Moores toten Winkel. Vermutlich sucht sich jede Epoche ihre Vergangenheit aus, aber „wissenschaftlich lustlos“, was für eine Beleidigung.

Zum anderen fragt man sich bei der Lektüre, was wohl ein solches Buch ausrichten soll, vor allem bei den Kindern, die das Buch, so Moore, inspirieren soll. Teenager, die mehr wissen wollen als ihr Physiklehrer. Nicht nur, dass man am Ende mit einer Illusion des Verstehens allein gelassen wird, ohne wirklich nachgedacht zu haben („Computersimulationen haben gezeigt“). Man könnte auch leicht auf die Idee kommen, dass es derzeit nur noch ein paar Probleme gibt, die alle unfassbar groß aussehen: Was ist Raum, was ist Zeit? Was sind Naturgesetze? Warum gibt es das Universum? Das ist die Art der offenen Fragen, von denen man im Buch erfährt. Vielleicht noch die Sache mit der Dunklen Materie, die allerdings „in den nächsten zehn Jahren“ gelöst sein wird. Wie soll sich ein jugendlicher Leser in dieser Landschaft zurechtfinden? Entweder wird er aufgeben und die Wissenschaftler machen lassen, oder aber glauben, mit ein paar „Zahlencodes“, die man in einen Computer eingibt, könnte man herausfinden, woher das Universum kommt. Frustration oder Größenwahn, das scheinen die einzig angemessenen Reaktionen zu sein.
„Wir leben in einer einzigartigen Ära“ und „auf dem Höhepunkt einer Renaissance“, weil wir „unseren Platz im Universum exakt bestimmt haben“, so Moore. Das mag stimmen, gilt aber zum Glück nur für sein Universum.

Aleks Scholz

* Wobei „Elefanten im All“ auf Englisch geschrieben wurde, das Original scheint jedoch nicht auf dem Markt zu sein.
** Eine faktenreiche gegensätzliche Darstellung findet sich unter anderem in James Hannam: Die vergessenen Erfinder: Wie im Mittelalter die moderne Wissenschaft entstand.
*** Mehr Details in der Essaysammlung von Owen Gingerich: The Eye of Heaven: Ptolemy, Copernicus, Kepler.

Ben Moore: Elefanten im All: Unser Platz im Universum. Aus dem Englischen von Friedrich Griese und Monika Niehaus. Zürich: Verlag Kein & Aber AG 2012. 384 Seiten. 24,90 Euro.

Foto Elefant: Christoph Wilhelms (Christoph73), Quelle, GNU-Lizenz für freie Dokumentation.

Aleks Scholz, geboren 1975, ist Astronom und Schroedinger Fellow am „Institute for Advanced Studies“ in Dublin, Irland. Er befasst sich vorwiegend mit der Entstehung und der Entwicklung von Gelben, Roten und Braunen Zwergen. Für CULTurMAG schreibt er die Kolumne „Lichtjahre später„. Aleks Scholz bei Google+.

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