Posted On 31. Oktober 2012 By In Bücher, Litmag With 515 Views

Anthony McCarten: Ganz normale Helden

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– Mit dem Buchstaben w bewegt man sich im Onlinerollenspiel „Life of Lore“ (LoL) vorwärts. Das ist auch genau das, was Familie Delpe möchte – sich vorwärtsbewegen. Raus aus der Trauer, rein ins Leben, zurück ins Glück oder das, was davon übrig geblieben ist, seit ihr jüngstes Mitglied – Donald – gestorben ist. Von Kira Kötter

Anthony McCartens neuer Roman ist geprägt von der unüberwindbaren Trauer, die aus seinem Debüt „Superhero“ herübergeschwappt ist. In „Superhero“ stirbt Donald Delpe nach langem Leiden als junger Teenager, als glänzender Comiczeichner und schließlich als geliebter Bruder und Sohn an Krebs. Ein Genie verlässt die Welt der Delpes und zurück bleiben nur Scherben und Trümmer.

Die Fortsetzung „Ganz normale Helden“ behandelt nun den Trauerprozess der Familie. Ein Prozess, den jedes Familienmitglied anders zu bewältigen versucht. Und ein Prozess, der sich in zwei Welten vollzieht.

www = Zufluchtsort

Der 18-jährige Jeff verliert sich im Onlinegame LoL und haut von zu Hause ab, weil er seiner trauernden Mutter Renata und der Hilflosigkeit seines Vaters Jim nicht länger zusehen kann. Jim folgt ihm unauffällig – hinein in die Computerwelt, in ein ganz anderes Leben.  Als Avatar AGI verkleidet begibt er sich in ein neues Universum. Er kämpft sich durch brennende Gebäude und karge, endlose Wüsten, erreicht höhere Spiellevel, stirbt und rappelt sich wieder auf, um es nochmals zu versuchen. Und all das, um zunächst seinen Sohn (Nickname: Merchant of Menace) und dann, sich selbst zu finden.

Auch Mutter Renata Delpe sucht Rat in der digitalen Welt und beichtet online bei „GOTT“. Im geschützten, anonymen Ort des Chats findet sie eine Hand, die sie aus dem Trauersumpf zu ziehen versucht.

Anthony McCarten schreibt über den Zufluchtsort Internet und verbindet eine konstruierte Fantasywelt mit dem schicksalsgeprägten Alltag einer britischen Familie.  Er zeigt, wie die Grenzen zwischen Onlinewelt und Real Life (rl) verschmelzen können und wie selbst ein gestandener erwachsener Anwalt in den 40ern zum bleichgesichtigen, rotäugigen nächtlichen Onlinezocker wird.

www = rl?

Sein verschachtelter Aufbau macht den Roman spannend. Die Abenteuer der Figuren in LoL und ihre Chatgespräche prägen den Plot ebenso wie die Ereignisse der rl Handlungsstränge die ineinander übergehen, sich verflechten. Da fiebert man gerade bei einem Kampf zweier Krieger mit, schon wird man durch das Klingeln eines Handys wieder in die übergelagerte Welt, in das rl,  katapultiert. Wer schon einmal selbst „gezockt“ oder sich stundenlang mit virtuellen Chatpartnern unterhalten hat, kennt diesen Moment des Ebenenwechsels gut.

Doch LoL ist nicht nur ein simples Ballerspiel. Es ist mehr als das: eine endlose Reise, in der Abenteuer und Aufgaben locken, die vielleicht als Schlüssel zu den rl-Problemen seiner Spieler dienen – den „ganz normalen Helden“ des Alltags.

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Hin- und hergerissen zwischen verschiedenen Gefühlen, schmunzelt der Leser über den ungeschickten Vater, der die Chatsprache lernt, leidet mit der verzweifelten Mutter, die mit einem Schild um den Hals versucht, ihren Sohn Jeff zu finden – und weint schließlich , weil sich das Paar so immer weiter voneinander entfernt und die Trennung droht. Die Charaktere sind komisch und bemitleidenswert zugleich, das macht sie liebenswert.

Der gebürtige Neuseeländer und Wahl-Engländer Anthony McCarten ist als eines von sieben Kindern groß geworden und behandelt in seinen Texten immer Themen aus der Perspektive mehrerer Generationen, cross generational, wie er es in einem Interview nennt. Dieses Prinzip verfolgte er in „Superhero“ und knüpft auch in „Ganz normale Helden“ daran an. „Nach meinem Gefühl ist der 8-, 18-, 28-, 38- und 48-Jährige in uns allen noch am Leben. Wenn ich Entscheidungen fälle, sind diese verschiedenen Phasen in mir präsent“, sagt er.

Jedes Mitglied der Delpes sucht seine eigene Lösung, um die Trauer zu bewältigen und sich neu zu positionieren. Mehrperspektivisch begleiten wir Jeff, Jim und Renata auf ihren Wegen, die sich kreuzen, behindern und ergänzen.

Die drei sind ganz normale Helden einer emotionalen Geschichte, die weder zu gefühlig-triefend, noch zu ernst daherkommt – und die vor allem sehr gekonnt die moderne Internetgesellschaft widerspiegelt.

Kira Kötter

Anthony McCarten: Ganz normale Helden (In The Absence of Heroes, 2012). Aus dem Englischen von Gabriele Kempf-Allié und Manfred Allié. Zürich: Diogenes Verlag 2012. 464 Seiten. 22,90 Euro.

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