Geschrieben am 11. Februar 2004 von für Bücher, Litmag

Annie Proulx: Mitten in Amerika

Ein Buch wie eine Landschaft

Annie Proulx’ Prosa fasziniert einerseits durch eine Sinnlichkeit, mit der die Landschaft und die Menschen des Panhandle wie in einem Cinemascope-Film am inneren Auge des Lesers vorbeiziehen. Bei aller Bildmächtigkeit fehlt es dem Roman andererseits jedoch über die lange Strecke von über 500 Seiten eindeutig an Spannkraft und psychologischer Dynamik.

Das Panhandle ist ein schier endloser, karger Landstrich im Dreiländereck von Texas, Oklahoma und New Mexiko. Die Luft ist hier „von wildem Beifuß und aromatischen Sumach gewürzt“, die Landschaft von knarrenden Windrädern, Getreidesilos, Kühen und Stacheldraht überzogen. Das vergessene Panhandle ist Schauplatz von Annie Proulx’ neuem Roman „Mitten in Amerika“, in dem sie einmal mehr den Mythos des amerikanischen Westens umkreist.

Annie Proulx’ Protagonist Bob Dollar kommt in das Panhandle, um für seine Firma „Global Pork Rind“ geeignete Grundstücke aufzuspüren. Ein heikles Unterfangen, denn die Scouts sind in dieser Gegend ebenso verhasst wir die gen Himmel stinkenden Schweinemästereien, die das Herz Amerikas verschandeln. Zu allem Überfluss ist dieser Bob Dollar auch noch alles andere als ein kaltschnäuziger, gewiefter Taktiker und Trickser – vielmehr ist er ein liebenswerter Einfaltspinsel, der elternlos bei seinem O­nkel Tam, einem verschrobenen Trödelhändler, aufwuchs und schon früh in die Phantasiewelten der Bücher schlüpfte. Ziellos treibt er seit seinem Schulabschluss durch das Leben und lässt dem Schicksal träumend und beobachtend seinen freien Lauf.

In dem kleinen Ort Woolybucket findet Bob Dollar Unterkunft bei der alten Witwe LaVon, einer nicht versiegenden Quelle für die Geschichte und die abertausend Geschichten des Panhandle. Und diese bekommt der Leser von „Mitten in Amerika“ nun in einem nicht abreißenden Reigen präsentiert – von der Besiedlung des Panhandle durch die frühen Pioniere über den Einzug von Eisenbahn, Stacheldraht und Windrad bis zum alltäglichen Klatsch und Tratsch sowie den ganz normalen Alltag der Farmer-Gemeinden. Es öffnet sich dabei ein unerschöpfliches Arsenal an skurrilen und knorrigen Typen, die Gesichter wie „Wärmflaschen“, „Fußbälle“, „Katzen“ oder „faltige Hühnerhälse“ haben, aber nur selten eine innere Tiefe entfalten.

Annie Proulx’ Prosa fasziniert einerseits durch eine Sinnlichkeit, mit der die Landschaft und die Menschen des Panhandle wie in einem – stellenweise leicht überzeichneten und überfrachteten –Cinemascope-Film am inneren Auge des Lesers vorbeiziehen. Bei aller Bildmächtigkeit fehlt es dem Roman andererseits jedoch über die lange Strecke von über 500 Seiten eindeutig an Spannkraft und psychologischer Dynamik: Wie es in der tiefsten Provinz halt so ist, passiert wenig bis gar nichts im Panhandle, die Tage plätschern lethargisch vor sich hin und das größte Ereignis des Jahres ist das „Stacheldrahtfest“. Die großen Zeiten und Abenteuer scheinen endgültig passé und das offensichtlich genau recherchierte kultur- und sozialgeschichtliche Panorama dieses Landstrichs reicht nicht für eine rundum fesselnde Lektüre. Zu guter Letzt naht mit einer Kehrtwende „back to the roots“ jedoch Rettung, und Annie Proulx gibt dem Mythos des amerikanischen Westens noch einmal neues Futter: „Dieser gespenstische Boden, so vergänglich wie unverwüstlich, war das, worum es wirklich ging.“

Karsten Herrmann

Annie Proulx: Mitten in Amerika. Aus dem Amerikanischen von Melanie Walz. Luchterhand 2003. Gebunden. 510 Seiten. 25 Euro. ISBN 3-630-87142-9