Geschrieben am 16. August 2014 von für Bücher, Crimemag

Alexander Kluge: 30. April 1945

Alexander Kluge_30. April 1945Erinnerungstechnisch Niemandsland: Die 1000 Augen des Doktor Kluge

Alexander Kluges Buch „30. April 1945“ und seine Relevanz für Crime Fiction. Eine Rezension von Alf Mayer.

Die Verkörperung von Robert Musils Satz: „Wenn es einen Realitätssinn gibt, dann muss es auch einen Möglichkeitssinn geben“, das ist Alexander Kluge. Noch den größten Katastrophen vermag er Utopien und Überlebensstrategien abgewinnen, die Totendramen der großen Opern sind ihm Kraftwerk der Gefühle. Bei allem Faszinosum für die Abgründe menschlichen und technokratischen Wirkens ist er ein Vertreter des Lebens, das pure Gegenteil eines Nihilisten. Kluge ist ganz klar Humanist. Vielleicht muss man in unserer zynischen Welt sagen: der Letzte.

Unermüdlich forscht und gräbt und schürft er durch unsere Welt und deren Geistesgeschichte. Im Laufe seines nun schon so lange produktiven Lebens hat der 1932 Geborene uns eine schier unermessliche Fülle an Fundstücken, Geschichten, Verknüpfungen, Echolot-Signalen und Artefakten ausgebreitet, dass es Generationen brauchen würde, das zu ordnen, gar zu würdigen. Ein Detektiv ist er – in höherem Auftrag, kein sterblicher Auftraggeber könnte diesen Luftgeist halten. Mein früherer Nachbar Alfred Edel sagte mir dazu einmal: „Wer wie der Alexander das Abendland retten will, muss jeden Tag früh aufstehen.“

Aber im Ernst: „Schlachtbeschreibung“ datiert von 1962, sein Erstlingsspielfilm „Abschied von Gestern“ von 1966, das ist runde 30 Bücher und 2000 Filmminuten her, an die 3000 TV-Sendungen und etwa 1500 Stunden Sendezeit nicht gerechnet (die DVD-Edition enthält 108 Kluge-TV-Filme mit 30 Stunden Laufzeit), Vorträge und Präsenz allerorten noch oben drauf. Er ist einer unserer größten Intellektuellen, manche halten ihn für einen Alien. Alexander Kluge, das sind all die Sammlungen des Frankfurter Senckenberg Museums, das Frobenius-Institut dazu und die Humboldt-Archive, all die über die Museen Europas verstreuten Raubzugsgüter von Napoleons Expeditionen, ganze Bibliotheken, eben: das Abendland.

Und dennoch: In all der Ruhelosigkeit, dem steten Suchen und Schürfen klingt immer wieder ein Ungenügen an, eine Unzufriedenheit mit der eingeschränkten Fassungskraft des menschlichen Geistes, mit der Schwerkraft des eigenen Begreifens und Erfassens, wo doch theoretisch das Mögliche eben wirklich möglich wäre. Kluges Möglichkeitssinn will das Unendliche, will ALLES durchdringen. Immer wieder (wie auch im vorliegenden Buch) gibt es bei ihm jemanden, der sagt: „Niemand hat einen Überblick über das Ganze“. – Der klassische Filmtitel dazu: „Der große Verhau“, von 1970.

Alexander Kluge (© Markus Kirchgessner/Suhrkamp)

Alexander Kluge (© Markus Kirchgessner/Suhrkamp)

Der Meister der Miniaturen

Kluge, das ist ein Fluss ohne Ufer. Und doch immer wieder die Elbe. Bei Halberstadt. Spätestens seit der „Patriotin“ von 1979 kehrt er immer wieder in seine Geburtsstadt zurück, als wolle er die Welt von daher begreifen. Ergreifen. Ganz schnell aber führt es ihn da auch immer wieder weg, als könne keine Schwerkraft ihn lange unten halten. Kluge ist ein Überflieger. Dauernd, ständig. Auf das Buch über Halberstadt als Mittelpunkt der Welt warte ich noch immer. Immerhin hat er sich dem nun angenähert, in seinem „30. April 1945. Der Tag, an dem Hitler sich erschoß und die Westbindung der Deutschen begann“. 13 Jahre alt war er an diesem Tag. Wir erfahren einiges über ihn, aber Autobiographisches, allzu direkt vorgetragen, kann man sich von diesem eher scheuen und diskreten Menschen nicht erwarten.

Im Laufe der Jahrzehnte hat er sich in Tausende von Kurz-Charaktere verwandelt, erzählt aus deren Sicht – oder über sie – die erstaunlichsten Dinge und Schicksalswendungen, oft wie kurze Filmtreatments oder Romanexposés, mit Stoff genug für große Dramen oder absurde Komödien. Das Komische, das gehört bei Kluge unbedingt dazu. Sein Sinn für Humor ist bemerkenswert. Adornos Wort von der Unmöglichkeit eines richtigen Lebens im Falschen erfuhr von ihm schon hunderte Illustrationen. Eines gilt es dabei hervorzuheben: Kluge denunziert nicht, führt nicht vor. Er hat ein Interesse an den seltsamsten Figuren, interessiert sich für ihr Verhalten und ihre Motivationslage – er will verstehen, ist ein Wohlgesinnter. Liefert uns so Hinweise. Anschauung. Stoff für eigene Interpretation. Und jede Menge Perspektivenwechsel. Die 1000 Augen des Doktor Kluge sind immer wieder in Aktion.

Kluge und die Montage

Der heute völlig geläufige Satz „Der Film entsteht im Kopf des Zuschauers“ war ein von ihm vertretenes Mantra zu Zeiten, da Belehrung und Beeinflussung des Publikums im guten linken Sinne als völlig legitim und notwendig galten. Die gute alte linke Pädagogik. Er aber kann aushalten, dass man nicht alles von ihm versteht oder „richtig“ interpretiert. Hier kontrollierend einzuwirken wäre ihm vertane Zeit. Ich habe ihn einmal erlebt, wie er bei einer Vorführung der „Patriotin“ vor Filmkritikern im Hamburger Abaton die Nachricht aus dem Projektionsraum erhielt, eben sei eine Filmrolle vertauscht worden. Er ließ, schelmisch lächelnd, weiterlaufen. Niemandem fiel irgendeine Ungereimtheit auf, die Kühnheit der Montage wurde in manchen Kritiken besonders hervorgehoben.

Kluge und die Montage. Ein eigenes, sehr weites Thema. Vor einigen Jahren war ich bei einigen Schnitt-Tagen dabei, erlebte, wie assoziativ das bei ihm läuft, wie frei und voller Chuzpe. Logik? Die findet sich dann. Deren mathematische Formel freilich wechselt ständig, Kluge ist ein begnadeter Pianist der Montage. Niemand, ich behaupte niemand, kein einziger anderer Regisseur der Filmgeschichte, hat so viele mögliche und unmögliche Filmschnitte, Montagen disparatesten Materials gewagt und getan. Das gilt auch für Kluge, den Autor. Nur dass man als Leser autonomer als im Kino dabeibleiben oder aussteigen kann. Noch immer gilt, worauf er im Vor- wie Nachwort des zusammen mit Oskar Negt entstandenen Buches „Geschichte und Eigensinn“ explizit verwies: „Vom Leser wird bei diesem Buch Eigeninteresse erwartet, indem er sich die Passagen und Kapitel heraussucht, die mit seinem Leben zu tun haben. Es gibt Bücher, deren Tugend in der Wiederholbarkeit liegt. Einer liest darin und dann liest er wieder darin … Es ist keine Phrase, dass wir auf die Eigentätigkeit des Lesers setzen.“

1284 Seiten hatte das von Franz Greno und Reinhard Kaiser betreute, allein schon wegen seiner Fülle schockierende Buch, das 1981 bei Zweitausendeins erschien, mit Lackpapier von Scheufelen und Satz und Druck bei G. Wagner in Nördlingen, all den unterschiedlichen Setzelementen und Illustrationen ein heute unerreichbar gewordenes Vorzeigeobjekt der Buchkunst – vom Inhalt zu schweigen. Haptisch übrigens lädt der „30. April 1945“ mit dem handschmeichlerischen Umschlag zum Anfassen ein.

Verirrt in einen einzelnen Tag

So leicht Alexander Kluge vieles von der Hand zu gehen scheint, so schafft er sich doch immer wieder Herausforderungen. „Mein eigensinniger Versuch, ein Buch über einen einzelnen Tag zu schreiben, macht mir Sorgen“, notiert er am 2. August 2013 „Anstelle eines Nachworts“. Diese Nachbetrachtungen zum „30. April 1945“ sind ein selten erlaubter Einblick in seine Arbeitsmethoden. Wie er sich verzettelt, verrennt, keinen Bogen findet oder keinen weitertragenden Sinn, wie ihn dann – wie so oft – Gespräche retten. Dabei gefasste Gedanken und Assoziationen. Zum Beispiel Montag, 5. August: „Nachmittags kommt meine Frau. Endlich Durchbruch. Im Schlußkapitel („Ich, der letzte Nationalsozialist in Kabul“) wird eine Sequenz von Geschichten eingefügt über ‚das dem Vernichtungsprinzip des Kriegs abgerungene Stück Zivilisation‘, die KAPITULATION.“

Das muss man wirken lassen, auch erzählerisch, diese Mini-Miniatur: „Nachmittags kommt meine Frau. Endlich Durchbruch.“

Die Kapitulation als Akt der Zivilisation, als Rückkehr in die Menschlichkeit. Ein klassischer Kluge-Gedanke. Wo Kempowski die Menschen zum Reden bringt und ihre Erinnerungen notiert, bringt Kluge die Begriffe zum Klingen, Schwingen, Singen. Der Ausflug ins authentische Erinnern, in das tatsächliche Erzählen, muss für ihn streckenweise frustrierend gewesen sein. Auch Habermas habe er nach dem Tag gefragt, desgleichen Enzensberger, den Historiker Ian Kershaw und andere. „Wie bei allen, die ich anspreche, viel Erinnerungsstoff, aber keine Erinnerung an einen einzelnen Tag … Der einzelne Tag ist erinnerungstechnisch Niemandsland.“ (S. 291)

Und dennoch. Was für ein Buch. Was alles Kluge hier aus den Scherben der Geschichte zusammensetzt. Mich hat immer schon bewegt, wie wenig „erzählt“ die direkten Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg sind. „Verirrt in einen einzelnen Tag, den ich selbst mit 13 Jahren miterlebt hatte, fand ich mich, je mehr ich darüber schrieb, in einer ganz unvertrauten Welt.“ In 13 Kapitel fächert Kluge seine Zeitreise auf, sechs von ihnen Texte von Reinhold Jirgl, streng und lakonisch, eine manchmal unerbittliche Sachlichkeit und ein Gegenpol zu Kluges gelegentlich in die große Oper, ins Abstrakte oder ins Komische tendierenden Miniaturen. Hunderte von höchst unterschiedlichen kleinen Fund- und Bruchstücken sind es, echte und erfundene, konstruierte und amalgamierte, die Kluge zu einem großen Kaleidoskop montiert. Ein Buch auch zum Kreuz-und-quer-Lesen oder einfach beliebigen Aufblättern. Zur Veranschaulichung ein kleiner Streifzug durch das erste Kapitel, das den Titel „Ankunft am Endpunkt“ trägt. Hitlers Selbstmord war ja tatsächlich ein solcher archimedischer Punkt, wird zu Recht in den einschlägigen Publikationen zu jenen Tagen gezählt, „die die Welt gestaltet haben“. 48 Miniaturen fasst das Kapitel, von der „Galoppierenden Mörgenröte“ über eine „Filmszene im Park“ zu „Schuld, der älteste Marmor“ bis zu „Heiner Müller: Das Eiserne Kreuz“ und „Der letzte Metereologe von Pillau“.

Es treten auf die Familie Voß, deren Oberhaupt sich zum Freitod entschließt, die siegestrunkene Kampfgruppe Friedrich-Wilhelm Müller auf Kreta, ein Altphilologe als Stoßtruppführer, ein Flüchtling mit zwei Koffern voller Aktien, eine alte Frau, die an diesem Tag zweimal die Front durchquert, ein britisches Ausbildungsgeschwader über Mainz, die fahrgeldfreie Straßenbahn in Graz, eine Mutter, die auf dem Treck ihre drei Kinder verliert („Ein Unglück unter Millionen“ ist der Titel), der Dichter Céline, eine Posse im Wiener Burgtheater, das Hotel Adlon im Niemandsland und viele Sonderbarkeiten mehr. Die 14 Zeilen über das Adlon sind typischer Kluge. Ein Auszug: „Tausend Meter vor der Tür wird gekämpft. Ein Dachstuhlbrand am Vormittag konnte durch das Personal und einige Gäste gelöscht werden. Seit gestern stellt das Hotel den Gästen keine Rechnungen mehr aus… Der Oberkellner ist seit 1925 im Amt. Weisungen und deren Ausführung vollziehen sich reibungslos. Keine Nervosität.“

Oskar Negt (wikimedia commons)

Oskar Negt (wikimedia commons)

Ein Eisenbahnzug voller Kerzen verbrennt

Der Stoiker Kluge unterlässt hier jeden Hinweis und im Buch überhaupt jede Schilderung – die Szene überhaupt fehlt im Buch, der Titel genügt ihm –, wie nur wenige Meter vom Adlon entfernt Hitler sich an diesem Tag erschoss. Einige kleine Geschichten und ein Farbfoto von Obamas Rede am Brandenburger Tor genügen, um auf den ersten 60 Seiten ein Panorama aufzublättern, das bis ins Heute reicht. Da wird das Giftgas Tabun, die gefährlichste Waffe des Zweiten Weltkrieges, auf Donau und Elbe mit Kähnen vor dem Ostfeind in Richtung Westen gebracht, da gibt es eine nächtliche (autobiografische?) Unterhaltung im Jahr 1958 über den Charakter einer Kämpfernatur, da wird der Weg des Geldes bei einer Überweisung durch sieben militärische Machtzonen verfolgt, da wird der Aufwand einer Filmszene im Park geschildert – für sechs Quadratmeter Regen, da verbrennt zwischen Pilsen und Prag ein ganzer Zug voller Kerzen für die Ostfront, da „verkorkt“ ein Oberst Rittmeyer mit Alpenkriegserfahrung Gebirgspässe, da berichtet der Ethnologe Erwin Zumsteg über die Hemmschwelle gegenüber gewaltsamer Tötung bei einem australischen Steinzeitstamm, da wird im darauf folgenden Kapitel (klarer Fall von Parallelmontage) ein verwundeter Werwolf-Führer im Notwehrexzess totgeschlagen und der Fall Jahre später juristisch vor Gericht behandelt („Alle waren mit der Tötung einverstanden“, der Jurist Kluge hier erkennbar in seinem Element), da traut sich ein Nazi-Offizier nicht nach Hause, da entfaltet sich die assyrische Methode der Astrologie, die 52 Planeten kennt, da verschränken sich spirituelle Welten mit der realen, da werden Einar Schleefs „Skizzen für ein neues Musiktheater“ vorgestellt.

Dessen Sangerhausener Klavierlehrerin hatte ihm von einer Vision auf dem Brocken berichtet, von der Walpurgisnacht vom 30. April auf den 1. Mai 1945, die sie auf der Flucht als irrlichternd „wilde Jagd“ am Himmel gesehen habe. Schleef zog Goethes frühe Entwürfe zur „Walpurgisnacht im Harz“ hinzu, sah eine Art Kurzschluss, ein Zuviel an frischen Toten in dieser Nacht als Möglichkeit an. Gleich danach erzählt Heiner Müllers Vignette „Das Eiserne Kreuz“ von einem Papierhändler, Reserveoffizier des Ersten Weltkrieges und Träger des Eisernes Kreuzes, der von Hitlers Freitod hört und Frau und Tochter befragt, ob sie dem Beispiel des Führers folgen wollen, was sie bejahen. Er erschießt sie, aber da ist dann niemand mehr, der ihm befiehlt, die Waffe gegen sich selbst zu richten.

Im Großen und im Kleinen folgt Kluge den Absurditäten und Strukturen einer gehorsamsorientierten Welt im Zerfall. Da rennen deutsche Zöllner in die Schweiz, und die Schweizer sind vom Nachtfrost zu steif, um sie wirksam zu verfolgen. Da gibt eine Schweizerin eine Kontaktanzeige auf: „Würden Sie gerne auswandern?“, was hohe Nazis gerne nutzen, sie kann sich vor Angeboten kaum retten. Die Stenografen des Führerhauptquartiers müssen 3000 Stunden Protokolle verbrennen, überhaupt sind zuletzt alle papierenen Informationen nur noch dazu da, nicht in die Hände des Gegners zu fallen. (Nicht von Kluge: Die Software für das algorithmisch gesteuerte Zusammensetzen der geschredderten Stasi-Unterlagen funktioniert mittlerweile, aber es ist kein Geld und kein Interesse da, die vielen Hunderte von Säcken mit Papierschnitzeln zusammengefügt und ausgewertet zu haben.)

kluge_wer ein wort des trostesVon Glück und Poesie

Kluge, der Romantiker, steigt allerlei Beziehungs- und Liebesgeschichten hinterher, lässt Kerzen- oder erbarmungsloses Licht aufscheinen, nimmt sich jedoch selten so viel Zeit und Platz wie für den „letzten Dichter im Reichspropagandaministerium“. Der entwirft eine Vorlage für den nächsten Tag, den Arbeiterfeiertag 1. Mai, an dem das Luftschiff „Graf Zeppelin“ vom Bodensee den Rhein hinauf übers Ruhrgebiet, Berlin und Sachsen fliegen wird. Dazu muss der Propagandist sich das alles vorher vorstellen und schreibt unter anderem: „Silberübergossen liegt Schwabens Landschaft im Mondlicht.“ Kluge, der Poet, ist scheu und zärtlich, etwa im Vorspann zu „Kapitel 7. In einer kleinen Stadt“. Dort heißt es, ein klassischer Kluge:

„Das Leben, soeben noch an die Volksgemeinschaft enteignet, eignen sich die Menschen neu an. Glückszonen und Unglückszonen des gesamten Landes gliedern sich nach Untergang des Reiches in Ortschaften. Ein Dutzend davon ist ein Kreis. Ein Schock bildet einen Landstrich. Den ganzen Weg von Neuekrug-Hahausen bei Goslar nach Halberstadt ist Fräulein Hilde zu Fuß gegangen, nur um Harald Reck zu treffen, der in einem Lazarett aushilft und den sie noch im März auf einer Tanzveranstaltung des Reichsarbeitsdienstes kennenlernte. „Mein Land reicht so weit, wie ich zu meinem Liebsten laufen kann.“

Das ist Kluge pur: enteignen, aneignen, Glücks- und Unglückszonen, deren Organisation, dann die Anschauung, ein Fußweg, Fräulein Hilde, ein Lazarett und der Reichsarbeitsdienst, all das und dann die Konklusion als Stummfilmzwischentitel: „Mein Land reicht so weit, wie ich zu meinem Liebsten laufen kann.“

Kluge war es, der einen Aphorismus von Karl Kraus in eine Filmmontage umsetzte, bei der das Publikum Laut gibt, stöhnt und lacht: „Je näher man ein Wort anschaut, desto ferner schaut es zurück.“ So steht der Satz eine kleine Weile. Dann die Einblendung: „Deutschland“.

Viele, viele Ichs

Die rund 300 Seiten Text von „30. April 1945“ schillern in ihrer schier unermesslichen Fülle in allen Spektralfarben. Einen nicht unerheblichen Teil daran haben die vielen Ich-Erzähler, die Kluge wechselt wie ein Verwandlungskünstler seine Kostüme im Bühnenrausch. Eines der ersten Ichs wird oft übersehen, es sagt von sich: „Ich führe den Kalender des Führers.“ Ein anderes Ich ist ein Schüler, der mit seinen Kumpels „organisiert“, ein anderes spielt mit seinen Freunden auf dem Dachboden „Eroberung“ nach. Andere durchstreichen der Stadt wie Füchse auf der Suche nach Essbarem und Brennstoff. Ein weiteres Ich leitet den Einsatzstab jenes Wasserflugzeugs, das Hitler nach Grönland in die letzte Zuflucht holen soll und jetzt wartet und wartet und ein maschinengeschriebenes Manuskript liest, verfasst von einem Kameraden namens Wolf von Niebelschütz, der in Südfrankreich diente und nun die Erzählung „Der blaue Kammerherr“ schrieb, wo in der Welt des 18. Jahrhunderts „auf griechischen Inseln, wie wir sie zur Zeit noch besetzt halten, die Götter in Erscheinung treten“. Da ist ein Ich ein Bataillonsarzt, ein anderes der letzte Nationalsozialist in Kabul, der das Vierte Reich vorbereitet, eines ein ehemaliger BKA-Beamter von 1978, die rechte Hand von Herold, „rechts blind“. Ein anderes „Ich“, vermutlich Kluge selbst, interessiert sich für den Großvater mütterlicherseits, 1945 Chef einer Pioniereinheit in Breslau, die einen Tunnel nach Leuthen grub. Zwei Seiten weiter ist es der Sechste von links auf einem Gruppenfoto der deutschen Oberbehörde, die in Dänemark bis zuletzt regierte; das Wissen um das Ende des Dritten Reiches macht ihnen einen „amphibischen Blick“ zwischen „zweiflerisch“ und „vorsichtig“.

Am Ende, wie schon zu Beginn dieser Besprechung angeklungen, bewegt sich alles auf die Kapitulation zu. Wieder ein Ich sucht sich in der Miniatur „Erschöpft, wie wir waren“ einen geeigneten Feind, um sich zu ergeben. Die DEDITIO war der Akt der Kämpfer Roms, die bedingungslose Übergabe in der sicheren Erwartung der Begnadigung.

Geschichte und eigensinnDie Perspektiven verrücken

Die Annäherung an den 30. April 1945, den Tag, an dem das Nazi-Reich unterging – dies eine vulgäre Formulierung, wie sei Kluge nie über die Lippen ginge –, hat bei aller Recherche etwas Fiktives. Sagen wir Fiktionales. Er ist kein Apologet der „oral history“, auch kein strenger Historiker, Soziologe oder Alltagswissenschaftler. Man kann viele thematische Fehlstellen bemängeln, das Buch deckt keinen systematischen Querschnitt ab, Kluges Expeditionen sind wilder, anarchischer, im schönen Sinne ver-rückter. Wer sich eine Chronik dieses Tages erwartet, liegt falsch. Anders als seine „Schlachtbeschreibung“ von 1964 über Stalingrad – auch so ein Datum, der 2. Februar 1943, als die 6. Armee in Stalingrad kapitulierte – beschreibt sein neues Buch zwar auch „den organisatorischen Aufbau eines Unglücks“, aber eben nicht mit geläufiger Systematik. Es ist ein eher an Mahlers Sinfonien geschultes Klangwerk vieler Stimmen, wobei Kluge bereits 1962 seine „Schlachtbeschreibung“ explizit als „nicht dokumentarisch“ auswies. „Ein Unglück, das eine Maschinerie von 300 000 Menschen betrifft, ist nicht durch zwei Augen zu erfassen“, schrieb er damals.

Wer das Buch vom „30. April 1945“ liest, wird mit einer Erweiterung der eigenen Horizonte belohnt. Erkennbar elektrisiert ist Kluge zum Beispiel vom Sachverhalt, dass an eben jenem Tag – genauer in jenen Tagen – in San Francisco die Vereinten Nationen in Gründung sind. Am 30. April geht es um das Vetorecht und das Gleichgewicht zwischen den vier Großmächten. Am 26. Juni 1945 werden fünfzig Nationen die Charta der Vereinten Nationen unterzeichnen. Zur gleichen Zeit findet in Oakland der konstituierende „Internationale Kongress des Arbeiterorganisationen“ statt. Sie wollen ein Gegengewicht zu den UN bilden, sind aber noch mit ihren Streitigkeiten untereinander beschäftigt. Ein weiteres Ich hat sich als der Schreiber von Karl Radek, der mit ihm in der Silvesternacht 1918 die Rede Rosa Luxemburgs vom „Proletarier in Uniform“ hörte, nach Oakland durchgeschlagen und berichtet. Stalinisten. Sozialisten, Anarchisten, Angehörige von längst in Bürgerkriegen zusammengeschossen Organisationen und Vertreter der vor der Machtübernahme stehenden chinesischen Kommunistischen Partei versuchen eine Einigung – ein typisch Kluge’scher utopischer Moment.

Für ihn hat noch ein Bombentrichter eine produktive Wendung, wirkt eine Bombe doch auch wie ein Pflug, der die Erde umgräbt und letztlich frisches Gras am Einschlagsrand wachsen lässt. Brecht übrigens schreibt in dieser Zeit im amerikanischen Exil an einer Fassung des Kommunistischen Manifests in der Hexameterform Homers.

PS: Wenig nur und dann auch in eher kühle Weise ist in dem Buch vom Grauen und von den Verbrechen des Zweiten Weltkrieges dies Rede. Nicht, dass das gar nicht vorkommt, aber im ungleich schmäleren Band von 2013 „Wer ein Wort des Trostes spricht, ist ein Verräter. 48 Geschichten für Fritz Bauer“ (CM-Besprechung hier) wird das mit weit größerer Wucht vorgetragen. Der „30. April 1945“ weist nach vorne, beschäftigt sich sozusagen mit den Lebenden, mit den künftigen Bürgern einer neuen Zeit.

PPS: Hunderten von Personen begegnet man im „30. April 1945“, seit seinem Buch „Lebensläufe“ von 1962, das mit neun Biografien aufwartete, hat Kluge seine Personenvignetten zur Meisterschaft entwickelt, kann damit jeden Akkord anschlagen. Immer noch gilt, wie er das damals im Vorwort definierte: „Es handelt sich um Lebensläufe, teils erfunden, teils nicht erfunden; zusammen ergeben sie eine traurige Geschichte. Es mag darauf hingewiesen werden, dass sich gelegentlich auch kurze dokumentarische Passagen und Einblendungen aus fremden Texten finden.“

PPPS: Bei Richard Lingeman, dem langjährigen Redakteur von „The Nation“, führte die Beschäftigung mit dem Jahr 1945 zu einer völlig anderen Art von Buch. Für ihn kristallisierte sich der Übergang vom Krieg in eine von neuen Unsicherheiten und schrecklichen Erfahrungen geprägte Zeit im Film noir (siehe auch unsere Besprechung von „Film Noir: 100 All-Time Favorites“).

Sein dann auf eine Dekade ausgeweitetes wichtiges Buch „The Noir Forties: The American People from Victory to Cold War“ (Nation Books, 2013) schaut durch die Linse des Film noir auf die Jahre zwischen Zweitem Weltkrieg und Koreakrieg. Angeregt dazu hatte ihn Siegfried Kracauer, der mit „Von Caligari zu Hitler“ etwas Ähnliches mit den Filmen der Weimarer Zeit unternommen hatte.

“The country was in a confused and anxious state. The New Deal, which with the war had given the country some sense of community, was being eaten away. Politics became more conservative and self-interested. A certain callousness developed. That end of idealism was symbolized by film noir.
I read a book by a man named Siegfried Kracauer, who analyzed German films and the rise of Hitler. The way he interpreted the expressionist films of the twenties seemed fascinating to me, as he penetrated the psychology of the German people. At one point I thought about doing a book on 1945 alone. I kept saving material on all the choices the country made then, and they all sort of determined that step-by-step we were going to get into the Cold War, which went on for thirty years and more.
It was a time marked by death and war. Noir films were about death, basically. It was also a tough, calloused, cynical time. It was a time of idealism, which I remember, personally. At the end of the war, everybody was asking, “How do we establish world peace?” We fought this war, and everyone was asking, not quite naively, “How we can prevent war?” So we start the United Nations. “World government” was a big idea at the time. I did high school oratory back in Indiana, and I made a speech on world government. But all these hopes faded, and it became a time of materialism and everybody trying to settle down, and there was a rise in redbaiting and anticommunism, which the Republicans had been using against the Democrats for some time. This became a more potent tool then, and forced a kind of conformity that I felt personally.”

Alf Mayer

Alexander Kluge: 30. April 1945. Der Tag, an dem Hitler sich erschoß und die Westbindung der Deutschen begann. Mit einem Gastbeitrag von Reinhard Jirgl. Berlin: Suhrkamp Verlag 2014. 316 Seiten. 24, 95 Euro. Verlagsinformationen zum Buch.
Alexander Kluge: Wer ein Wort des Trostes spricht, ist ein Verräter. 48 Geschichten für Fritz Bauer. Berlin: Suhrkamp Verlag 2013. 118 Seiten. 16,95 Euro. Verlagsinformationen zum Buch.

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  • H. Hartje

    „Je näher man ein Wort anschaut, desto ferner schaut es zurück.“ Meines Erachtens stammt der Satz von Kafka.
    Alles andere habe ich gerne gelesen und macht Lust auf mehr.