Geschrieben am 1. Februar 2016 von für Bücher, Litmag

Stories: Adam Johnson: Nirvana

Johnson_NirvanaTrotziger Lebenswille und skurriles Lebensglück

– Der 1967 in South Dakota geborene Adam Johnson ist einer der neuen Stars der amerikanischen Literaturszene – vor zwei Jahren wurde er für seinen in Nordkorea spielenden Roman „Das geraubte Leben des Waisen Jun Do“ mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnete und jetzt erhielt er für seine Kurzgeschichtensammlung „Nirvana“ auch noch gleich den National Book Award. Von Karsten Herrmann.

Wie viele seiner Kollegen ist Adam Johnson durch die Schule des Creative Writings gegangen und lehrt es heute selber an der ehrwürdigen Stanford University. Doch im Gegensatz zu seinen Kollegen und ihren zwar immer perfekt geschriebenen, aber zumeist in einem kleinen Spektrum gesellschaftlichen Lebens handelnden Standard-Geschichten, liefert Johnson unverwechselbare Originale. Sie spielen in außergewöhnlichen Sujets und sind bevölkert von schrägen Helden und Verlierern, die man nicht vergisst: Ein Paketfahrer, der mit seinem kleinen Sohn durch die von Wirbelsturm Katharina hinterlassenen apokalyptischen Landschaften Louisianas irrt, ein Computer-Nerd, der mit dem Hologramm eines erschossenen Präsidenten redet und dessen sterbende Frau Curt Cobain liebt, ein ehemalige Stasi-Gefängnisaufseher, der sich gegen die Geschichtschreibung der Sieger wehrt, geflohene Devisenbeschaffer aus Nordkorea oder ein latent Pädophiler, der das Netz von Kinderpornographie säubert.

In einer der stärksten und zugleich autobiographisch grundierten Geschichte erzählt Adam Johnson aus der Ich-Perspektive (s)einer krebserkrankten Frau über das Leben mit ihrer Familie, Ihr Mann ist Romanschriftsteller und „der begriffsstutzigste Mensch, der je einen Pulitzerpreis gewonnen hat.“ Vor seinem Berühmtwerden hatten die beiden einen Deal: „Ich finde ihn toll, obwohl er etliche Pfunde zugelegt hat. Und er findet mich toll, obwohl ich eine beidseitige Brustamputation hatte. Wer würde uns auch sonst noch wollen? Genau. Jetzt wird mein Liebhaber bei jedem Literaturevent von jungen Dorothy Parkers umschwärmt.“ In genialer Weise balanciert Johnson hier zwischen Sarkasmus, Witz und Tragik und stellt exemplarisch seine ungeheure Gabe unter Beweis, sich tief in verschiedenste Menschen und Charaktere hineinzudenken.

Adam Johnson packt die Wirklichkeit mit einer prägnanten Prosa am Schopf. Er spürt ihren verborgenen Facetten und Spielarten nach, zeigt ihre Ecken, Kanten und Widerhaken ohne sie moralisch einzuordnen. Seine Protagonisten sind gebrochene und gefährdete Menschen, Menschen, die vor dem Nichts stehen und um ihre Zukunft bangen. Und dennoch ist das Leben in den Stories von Adam Johnson kein Trauerspiel, sondern von einem trotzigen Lebenswillen und einem skurrilen Lebensglück geprägt.

Karsten Hermann

Adam Johnson: Nirvana (Fortune Smiles, 2015). Stories. Aus dem amerikanischen Englisch von Anke Caroline Burger. Suhrkamp, 2015. 268 Seiten. 19,95 Euro.

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