Geschrieben am 6. Juni 2012 von für Musikmag

Stagetime: The Waterboys/Tom Liwa

Mike Scott/Waterboys, Foto: Jkelly/MeutHerzensangelegenheiten aus Schottland und dem Pott

– Wolfgang Buchholz hat sich zwei Konzerte angesehen: The Waterboys im Kölner Gloria und Tom Liwa im Literaturmuseum Haus Nottbeck, Oelde.

Der in den 80er-Jahren mit Musik sozialisierte Hörer unterscheidet heute gerne vier Kategorien an Künstlern:

1. Diese Musik fand er in den frühen 80ern super, später mehr und mehr doof (Bsp. Simple Minds, obwohl … die spielen ja heute auch wieder ihren alten Kram).
2. Das fand er früher super, dann mal blöd, heute aber wieder gut (Bsp. Bruce Springsteen).
3. Die Bands waren klasse, haben sich aber leider früh aufgelöst und werden wohl auch nie mehr zusammen kommen (Bsp. The Smiths) oder haben tatsächlich ein Comeback angekündigt (Bsp. Dexys – zu sehen beim Lüften-Festival in Frankfurt).
4. Diese Musik ist eine Herzensangelegenheit, die fand er früher, zwischendurch auch und heute immer noch astrein (Bsp. Sonic Youth, Fehlfarben).

Eine Band dieser besagten vierten Kategorie sind The Waterboys; und die waren nun nach längerer Zeit wieder einmal für zwei Konzerte in Deutschland. Eigentlich sind The Waterboys ja Mike Scott, der mit wechselnden Musikern, zwischenzeitlich auch unter seinem eigenen Namen, seit 30 Jahren Platten veröffentlicht. Im letzten Jahr ist ein neues – und das seit vielen Jahren vielleicht beste – Album der Band erschienen. Auf „An Appointment With Mr. Yeats” vertont Mike Scott in äußerst gelungener Art und Weise Gedichte des großen irischen Poeten W. B. Yeats. In der musikalischen Karriere der Waterboys wechselten sich Phasen, die stärker von Rock geprägt waren, ab mit Phasen, die eher der traditionellen Folklore gewidmet waren. Sehr homogen werden diese beiden Stilrichtungen auf der neuen Platte vereint.

Mike Scott wirkt beim Auftritt im Kölner Gloria zum einen schlaksig, jugendlich in seiner Erscheinung, in den Furchen seines Gesichtes spiegeln sich aber durchaus die Jahre des ‚Rock’n’Roll-Lifestyle‘.

Der Gig gliedert sich in zwei Teile, eine „Vintage Waterboys Session“ mit vorwiegend Liedern aus den ersten Platten der Band, und einen „Mr. Yeats“-Teil, der sich der neuen Platte widmet. Es geht dann sehr klassisch los mit fünf Songs der ersten beiden Waterboys-Alben aus den frühen 80ern. Highlight hier „A Girl Called Johnny“. Sehr präsent ist die Violine von Steve Wickham, trotzdem aber sehr schön eingebettet in den Gesamtsound. Es kommt selten vor, dass man ein 80er-Jahre Saxofon vermisst, hier fehlt es aber bei „All The Things She Gave Me“, einem weiteren alten Hit. Scott ist stilecht gekleidet: Samtsakko, Glitzerstreifen an der Hose, spitze Wildlederschuhe und Nadelstreifensocken. Er war gut befreundet mit einem anderen Künstler, der das Tragen von Samtsakkos pflegte, dem großartigen und leider viel zu früh verstorbenen Nikki Sudden. Ich hatte einmal die Ehre, vor Jahren bei einem Waterboys-Konzert in der Bonner Biskuithalle neben Nikki Sudden zu stehen – so etwas vergisst man nie.

Nach dem fulminanten ersten Teil geht es nach der Pause mit dem neuen Album weiter. Dies leistet der tollen Stimmung keinen Abbruch. Ich vermisse leider nur mein Lieblingslied der Platte: „Sweet Dancer“. Trompeten kündigen im Zugabenteil „Don’t Bang The Drum“ an, eine der Waterboys-Hymnen überhaupt vom dritten Album „This Is The Sea“. Mike Scott hat in den 80ern schon solche Hymnen geschrieben, da haben sich die Gallagher-Brüder noch auf dem Schulhof irgendwo in Manchester geprügelt. Die Waterboys spielen eine unglaubliche Version, Mr. Scott singt: „Some nights a power is coming down“ und heute ist eine solche Nacht. Dann noch “Fisherman’s Blues” und zum Abschluss “The Whole Of The Moon”. Die Magie ist greifbar. Auch Mr. Yeats hätte das bestimmt gefallen.

Tom Liwa
Foto: I, Larf

Die Künstler der besagten vierten Kategorie müssen sich schon verdammt viel leisten, um ihren ‚Herzensangelegenheiten-Status‘ zu gefährden. Nah dran war Tom Liwa vor zwei Jahren nach einem Auftritt am Bahnhof in Münster beim Projekt „Sozialpalast“. Sehr mies gelaunt spielte Liwa ein grottiges Konzert, meinte ihn langweile das hier und beleidigte das Publikum. Er war völlig durch den Wind, allerdings war das der Abend der Love-Parade-Katastrophe in Duisburg, der Heimatstadt Liwas und somit irgendwie erklärbar. Nach seiner großartigen neuen Platte „Goldrausch“ hatte er aber eine neue Live-Chance verdient. Das dürfte das ca. zehnte Liwa-Konzert sein, das ich mir anschaue, und es war eigentlich fast immer gut. Tom Liwa rief auch schon während eines Konzertes seinen Spezi Florian Glässing mit einem aus dem Publikum geliehenen Handy an, um sich die Griffe und den Text für einen Publikumswunsch durchgeben zu lassen. Meistens spielt er vor einem kleinen kundigen Publikum, die Atmosphäre ist heimelig und er spart nicht mit unterhaltsamen Geschichten aus seinem an Ereignissen nicht armen Leben.

Gestartet ist Tom Liwa in den späten 80ern und insbesondere dann in den frühen 90ern mit der Indie-Band Flowerpornoes. Sonderlich aufgefallen war mir die Band damals nicht, man kannte ein paar Songs aus dem „runden Ball“, aber Auffallen war zu der Zeit auch schwer, die Konkurrenz guter deutscher Bands war groß. Richtig schätzen gelernt habe ich Tom Liwa erst ab ca. 2000, seitdem er diverse Alben mit Bandbesetzung oder alleine mit der Akustikgitarre oder der Ukulele veröffentlicht hat. Er ist ein klassischer Liedermacher und schreibt eine Menge und zum Teil richtig großartige Songs.

Tom Liwa spielt auf dem Kulturgut Haus Nottbeck in Oelde-Stromberg, auch Heimat des westfälischen Literaturmuseums. Das passt gut, sind doch bei Tom Liwa die Texte durchaus als poetisch zu bezeichnen. Nach einem kurzen Vorprogramm einer jungen Liedermacherin aus Dresden geht es ohne Pause mit Tom Liwa weiter. Das letzte Album hat Liwa vorwiegend mit der Ukulele eingespielt; es handelt von einer sich auflösenden Beziehung. Material aus diesem Album, einige ganz neue Songs (wie immer bei Liwa-Konzerten), vereinzelte alte Lieder und einige Covers finden sich im Programm des heutigen Abends. Es ist nicht einfach, alleine mit der Akustikgitarre den Spannungsbogen eines kompletten Konzertes aufrecht zu erhalten. Dies gelingt Tom Liwa auch heute Abend, wobei er sich mit verbalen Beiträgen doch stark zurück hält. Er merkt an, dass der ebenfalls gecoverte „Redemption Song“ von Bob Marley ist, da man das ja nicht in der Schule lerne.

Großartig auch seine Version von Neil Youngs „Cortez The Killer“ im Zugabenblock und zum Abschluss ein Syd Barrett-Song. Insbesondere ein neues Lied fällt auf, dessen Refrain ungefähr so lautet: „Hat der alte Mann, als er sich von seiner Frau verabschiedete und nie mehr auftauchte, wirklich Zigaretten geholt oder hat er gelogen?“. Das muss man erst mal in einem Refrain verpacken können. In jedem Fall hat Tom Liwa heute die Scharte des letzten Konzertes in Münster mehr als ausgewetzt. Ist er mal wieder in der Nähe, ich bin dabei.

Wolfgang Buchholz

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