Geschrieben am 5. September 2015 von für Musikmag

Stagetime: Ron Sexsmith, 6. Juli 2015, Köln, Stadtgarten

ron Sexsmith_carouselI heard the Indie-Girl sing “Oh oh oh …”

Indie-Girls waren das eher nicht im Publikum bei einem der zwei Deutschland-Konzerte von Ron Sexsmith, dem kanadischen Singer-Songwriter aus Ontario, Kanada im Stadtgarten in Köln. Vielleicht war die eine oder andere Besucherin eine der zehn Gäste bei den ersten Sexsmith-Konzerten in Deutschland vor gut zwanzig Jahren. Mittlerweile füllt Sexsmith zwar Lokationen wie den Stadtgarten mit vielleicht 400 Besuchern, größerer Publikumserfolg ist ihm aber bisher nach wie vor, aus meiner Sicht völlig unverständlicherweise, verwehrt geblieben. Das steht ganz im Gegensatz zu seinem Ansehen bei Kritikern und Musikerkollegen: Michael Bublé und Rod Stewart haben seine Songs gecovert, Elvis Costello oder Feist haben mit ihm zusammen Konzerte gespielt.

Mittlerweile hat Sexsmith dreizehn Alben im Backkatalog, gut die Hälfte kenne ich, da gibt es aber noch einiges zu entdecken. Völlig zeitlose Musik, großartige Songs, feine Arrangements und eine butterweiche Stimme sind die Merkmale seiner Kunst. „Hidden Hooklines“ en masse, mir ist völlig schleierhaft warum Songs wie „Get In Line“ oder „Can’t Get My Act Together“ nicht im Radio rauf- und runterlaufen. Irgendwo habe ich gelesen „Sexsmiths Lieder verbrauchen sich nicht“ – wie wahr das ist.

Auch das neue Album „Carousel One“ strotzt nur so vor nonchalanter Melodien, nach dem musikalisch schönen, insgesamt aber etwas blassen Vorgängeralbum „Forever Endeavor“. Vierzehn großartige Songs plus zwei ebenso gelungene Bonus Tracks befinden sich auf der neuen Platte, d. h. sechzehn Stücke ohne Ausfall, wer bietet sowas heute noch, und vieles davon ist auch in Köln zu hören,

Knalle-heiß ist im Kölner Stadtgarten, die Vorgruppe heißt Palace Fever, kommt aus Solingen und offeriert eine schöne Einstimmung für den Hauptakt. Die Band klingt sehr „Americana“, nur am Akzent des Sängers hört man, dass Palace Fever eine deutsche Band ist. Der Sound ist angenehm, die Lieder sind gut – absolut eine Vorgruppe der besseren Sorte.

“Sun’s Coming Out“ heißt dann der erste Song im Konzert von Ron Sexsmith und genau dieses Gefühl durchzieht unmittelbar den Stadtgarten. Sexsmith ist ein etwas weltfremd daherkommender, scheuer Geselle, aber hochgradig sympathisch. Er spielt eine wunderbar klingende Akustikgitarre und singt wie ein Crooner alter Schule. Sowohl seine Band als auch er selbst kommen tatsächlich in Jacketts vor das trotz luftiger Kleidung bei tropischen Temperauren schwitzende Publikum, und er wird sein Jackett auch während des gesamten Konzerts nicht ablegen. Und um es vorweg zu nehmen, es wird ein wunderbarer Abend.

Ein Song vom neuen Album heißt „Saint Bernard“, bei dem es um einen Bernhardiner geht, der auch die Basstrommel des Schlagzeuges ziert. Er ist das Lieblingstier von Sexsmith – irgendwie passt das, zerknautschte Gesichter haben beide. Sexsmith deckt mit der Setlist die gesamte Bandbreite seines Schaffens ab, Schmachtfetzen à la Roy Orbison, lupenreine Pop-Songs und auch Soul kann er. Der von Michael Bublé gecoverte Song „Whatever It Takes“ klingt in der Sexsmith-Version doch deutlicher nach Bill Withers, wie von ihm auch intendiert worden ist.

In der Mitte des Konzerts spielt er einige Lieder solo und hier zeigt sich dann die wahre Qualität eines Singer-Songwriters, wenn die Songs auch in diesen spartanisch arrangierten und gespielten Versionen nichts an Spannung verlieren. Irgendwann spielt er auch „Nothing Feels The Same Anymore“ aus der die Textzeile mit dem Indie-Girl aus der Überschrift stammt. Alleine dafür lohnt sich die neue Platte. Im Zugabenblock gibt es dann noch „Brandy Alexander“ mit seiner Band als Gospelchor, und auch das passt sehr gut.

Ron Sexsmith: ein aus der Zeit gefallener Singer-Songwriter alter Schule – and all the elder boys including me sing „Yeah, yeah, yeah …“.

Wolfgang Buchholz

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