Geschrieben am 20. November 2018 von für Musikmag

Stagetime: Rolling Stone-Weekender, 9./10. November 2018, Weißenhäuser Strand, Ostsee

Gitarren-Geniedel muss nicht immer schlecht sein…

Alle Jahre wieder geht es an die Ostsee, diesmal mit einem großartigen Line-up an Künstlern in der Ankündigung. Dann aber eine erste Ernüchterung im Vorfeld, Ben Watt und Ryan Adams sagen kurzfristig ab. Sophia Kennedy und Element of Crime heißen die einspringenden Künstler, immerhin.

ryley walker guitarist 2Tag 1:
Nach einer routinierten, aber überraschungsarmen Show von Nada Surf im großen Zelt, bei der sie ihr großes Album “Let Go“ aus 2003 in Gänze spielen, kommt schon mein persönlicher Festival-Höhepunkt. Der amerikanische Gitarrist und Songschreiber Ryley Walker spielt mit seiner dreiköpfigen Band im sehr gut gefüllten Baltic Saal. Und hier gibt es, wie schon so oft an der Ostsee, großartige Gitarrenmusik zu erleben. Die Rhythmus Sektion spielt meist einen eher jazzartigen Groove, worüber Walker und insbesondere sein großartiger Begleiter an der Gitarre ihre Gitarrenfiguren legen. Nels Cline von Wilco kommt mir in den Sinn. Punktgenau aufeinander abgestimmt, harmonie-beseelt und unglaublich virtuos spielen sich die beiden die Bälle zu.
Aber auch das Songwriting scheint Walker zu beherrschen, insbesondere die Lieder von seinem neuen Album „Deafman Glance“ bestehen durch wunderbar melodiöse Gesangsharmonien. Lange hypnotische Instrumentalpassagen, Krautrock und CAN schimmern ebenfalls durch und wechseln sich mit den melodischen Gitarrenlicks ab. Ich bin begeistert, solche Neuentdeckungen bietet der Rolling Stone Weekender immer wieder.

Für mich keine Neuentdeckung, aber einem größeren Publikum nach wie vor weitgehend unbekannt, sind die Wave Pictures. Ich habe sie vor ca. einem Jahr bei einem Quasi-Wohnzimmer-Konzert in Münster gesehen und darf mich stolz als ein Wave-Pictures-T-Shirt-Besitzer outen.
David Tattersall, Kopf, Sänger und Gitarrist der Band, ist hochgradig sympathisch, besitzt weder Handy noch Computer und ist Musiker durch und durch. Ohne große Effekte spielt er seine Gitarre in unglaublicher Art und Weise. Obwohl sich Solo an Solo reiht, wirkt er dermaßen unprätentiös und bescheiden: der Song steht im Vordergrund. Die seit zwanzig Jahren in großer Anzahl klassisch analog aufgenommenen Alben der Band erscheinen in recht kurzen Zeitabständen. Allein in 2018 gibt es schon zwei an der Zahl.
Wie dem auch sein, die vierköpfige Kapelle, live durch den Percussionisten David Beauchamps verstärkt, begeistert sich und ihr Publikum und hat Spaß wie Bolle. Und dass sich eine Band eine Flasche Bier auf der Bühne teilt, habe ich seit Jugendheimzeiten auch nicht mehr gesehen. Wunderbar, dass es solche Künstler jenseits jeglicher kommerzieller Attitüde noch gibt.
Auf der großen Bühne folgt dann Kettcar, die ich mit ihrem letzten Album „Ich vs. Wir“ quasi wiederentdeckt habe. Politisch auf der richtigen Seite, dabei aber unverkrampft und ohne Zeigefinger, spielen sie sich durch ein mittlerweile ansehnliches Hitprogramm. Und „Der Tag wird kommen“, vom Solo-Album von Marcus Wiebusch, das das Outing eines Fußballers thematisiert, lässt einem Freund des Fußballs Tränen in die Augen steigen. Für launige Ansagen ist Bassist Reimer Bustorff zuständig, der seine Mutter zitiert, die wohl Bedenken äußerte, dass viele Zuschauer zur teilweise parallel spielenden Höchsten Eisenbahn „rübermachen“.
Ich gehöre auch zu dieser Gruppe, da ich für „Die Höchste Eisenbahn“ einen guten Platz ergattern möchte. Das gelingt und der Aufwand hat sich gelohnt. Die All-Star-Band deutscher Popmusiker spielt die Highlights ihrer beiden Alben und auch zwei neue Lieder. Leider nicht in der Setlist ist „Der Tee von Eugenia“ vom Kinderlieder-Sampler „Unter meinem Bett“, den ich mit meiner Tochter Lisbeth liebe zu singen. Dafür spielen sie aber ihren größten Hit, der da heißt: „Lisbeth“. Dass ich diese Band toll finde, erklärt sich also von selbst…
Zu Abschluss dann noch großes Spektakel mit „The Flaming Lips“ im Zelt. Die einen sagen Kindergeburtstagseffekte, Wayne Coyne soll sich mal wieder auf Musik konzentrieren. Die anderen sagen, sowas habe ich ja noch nie gesehen. Ich erwische noch die zweite Konzerthälfte, finde es recht spaßig und kurzweilig und bin zwiegespalten. Ist halt mehr Bühnenshow als Konzert.

Tag 2:
Der Samstag startet mit einer Lesung von Timo Blunck (Palais Schaumburg, Die Zimmermänner) aus seinem Buch „Hatten wir nicht mal Sex in den 80ern?“. Die sehr extrovertierte Art von Herrn Blunck ist sicher nicht jedermanns Sache, seine Lesung mit eingestreuten Songs aber sehr unterhaltsam. Und dass er große Verdienste um avantgardistische deutsche Popmusik hat, ist sicher auch unzweifelhaft.
Das Programm des Nachmittags startet dann mit der heute sehr gefälligen „Dieter Hecking Combo“, die dreimal ihren Hit „Vamos a la Plea…“ zelebriert, und und der geschmeidigen Sophia Kennedy. Dann spielen im großen Zelt „Car Seat Headrest“. Ich erwarte ein Low-fi-Programm schluffiger Indie-Nerd-Songs, dargeboten vom Will Toledo mit einigen tiefenentspannten Begleitern. Geboten wird dann eine breitbeinige Rockshow mit großer Kapelle (u. a. 3 Gitarristen), die durchaus Stadionambitionen suggeriert. Toledo sieht aus wie der junge Richard Ashcroft auf Socken beim Posen-Üben. Egal, die Songs haben Substanz, die Darbietung ist vielversprechend, das Entwicklungs-Potenzial hoch. Im Auge behalten heißt die Empfehlung. der geschmeidigen Sophia Kennedy. Dann spielen im großen Zelt „Car Seat Headrest“. Ich erwarte ein Low-fi-Programm schluffiger Indie-Nerd-Songs, dargeboten vom Will Toledo mit einigen tiefenentspannten Begleitern. Geboten wird dann eine breitbeinige Rockshow mit großer Kapelle (u.a. 3 Gitarristen), die durchaus Stadionambitionen suggeriert. Toledo sieht aus wie der junge Richard Ashcroft auf Socken beim Posen-Üben. Egal, die Songs haben Substanz, die Darbietung ist vielversprechend, das Entwicklungs-Potenzial hoch. Im Auge behalten heißt die Empfehlung.

laura gibson

Laura Gibson

In Kim Deal waren wir Ende der 80er irgendwie alle verliebt. „Gigantic“ war so lasziv hingehaucht und ihr Lächeln so entwaffnend. Dann kamen Pixies-Split, The Breeders, The Amps, die Beziehung war erkaltet… Zwanzig Jahre später trifft man sich eher zufällig beim Rolling Stone Weekender beim Breeders-Konzert. Der Sound immer noch krachig wackelig, das Lächeln noch da, alles ist etwas kompliziert, aber man schwelgt in den Erinnerungen an die Vergangenheit. Ich bin zufrieden, ob es Kim Deal auch ist, weiß ich nicht.
Vielleicht ist Laura Gibson da zeitgemäßer. Sie spielt im kleinen Club mit der Band von Dan Mangan, und sie hat ganz tolle Songs im Gepäck. Sie ist mein Highlight am zweiten Tag, trifft sie doch zur richtigen Zeit genau meine Stimmung. Zimmerlautstärke, grandiose Stimme und man hört Stecknadeln fallen. Ein Backkatalog wartet auf Aufarbeitung.
Das ist beim letzten Act Element of Crime nicht notwendig. Gewohnt entspannt, mit Schwerpunkt auf dem neuen Album, spielen sie sich durch das Set. Der Bassist sitzt mittlerweile aus Altersgründen, die Atmosphäre wie immer, Regner brüllt „Romantik“, aber Wertschätzung ohne Ende. Ich war nach zwei Tagen platt wie eine Flunder, habe Element of Crime nun wirklich schon häufig gesehen und wollte früher ins Bett. Gegangen bin ich nach dem letzten Ton, das sagt alles.
Und nächstes Jahr hören wir uns wieder beim ersten Ton an der Ostsee.

Wolfgang Buchholz