Posted On 15. November 2017 By In Musikmag With 922 Views

Stagetime: Rolling Stone-Weekender, 3./4. November 2017, Weißenhäuser Strand, Ostsee

Steve Gunn

Steve Gunn

Rock’n’Roll Friends

Zunächst war ich etwas enttäuscht vom Gesamt-Line-up des diesjährigen Rolling Stone-Weekenders an der Ostsee, doch bei näherem Hinsehen muss ich das schon im Vorfeld revidieren – und am Ende sowieso. Mit dabei sind zwei meiner absoluten Lieblingskünstler: Robert Forster und Tilman Rossmy. Forster ist allerdings nur im Mittagsprogramm um 12 Uhr mit einer Lesung zu seinem Buch „Grant and I“ angekündigt. Die Regierung mit Tilman Rossmy spielt wenig später um 16:45 als Opener des Samstagnachmittagsprogramm. Aber der Reihe nach…

Erste Band am Freitag im großen Zelt sind Birth of joy – heavy, etwas psychedelic, und die Hammondorgel röhrt wie bei Jon Lord. Mein Begleiter meint: „Das würde ich mir zu Hause nicht anhören, aber hier ist es ok.“ Das sehe ich auch so, aber eine halbe Stunde reicht davon.
Lieber rechtzeitig rüber zu Jochen Distelmeyer. Da bin ich gespannt, seine Cover-Platte „Songs from the bottom. Vol.1“ finde ich eher langweilig und sein Buch „Otis“, ich habe es nicht gelesen, wurde ja allenthalben verrissen. Heute kann er mich jedoch restlos überzeugen. Insbesondere die Covers, die nicht auf dem Album sind, wie Bee Gees „Tragedy“ oder Supertramps „Take The Long Way Home“ interpretiert er in sehr überzeugenden Versionen. Gut, seine etwas aufgekratzte Art und seine Vorliebe für Anglizismen muss man nicht unbedingt mögen, aber singen kann Herr Distelmeyer vorzüglich, Al Green’s „Let’s Stay Together“ macht man sicher nicht einmal so mit links. Am Ende gibt es dann drei Songs aus dem eigenen Songbook und das ist unzweifelhaft beachtlich. Und ganz zum Schluss dann noch „Free As A Bird“ aus dem Beatles-Nachlass – sehr schön.
Auf der Hauptbühne spielen derweil Gang of Four vor eher lichten Publikumsreihen. Das einzige Originalmitglied Andy Gill scheint „stramm wie ein Amtmann“, aber Songs wie „Damaged Goods“ oder „To Hell With Poverty“ sind einfach nicht kaputt zu spielen. Was haben wir in den frühen 80ern dazu abgerockt. War der Daumen vor zwei Jahren noch oben bei Gang of Four – da waren sie schon einmal hier – geht er für die diesjährige, etwas launige Show eher nach unten.
Steve Gunn and the Outliners sind dann mein Favorit des ersten Festivaltages. Steve Gunn ist ein Musiker aus New York, entstammt dem Dunstkreis um Kurt Ville und ist mir grob geläufig. Freunde von klassischem Fender-Verstärker-Gitarrensound, und zu denen zähle ich mich absolut, kommen hier voll auf ihre Kosten. Tolle Gitarrenduelle zwischen Gunn und dem zweiten Gitarrenspieler prägen den Sound der Band. Ich höre die großartigen 11th Dream Day oder auch Television heraus und sehe um mich herum nur begeisterte Gesichter.
Für mich völlig outstanding sind dann natürlich Robert Forster und Tilman Rossmy am Samstag. Robert Forster stellt ab 12 Uhr sein Buch „Grant and I“ vor. Rolling Stone Redakteur Maik Brüggemeier, der das Buch übersetzt hat, ist sein Sidekick und führt ein wunderbar entspanntes, super-nettes Interview. Robert Forster wirkt wie ein Elder-Statesman, der zufrieden und mit sich im Reinen auf sein Lebenswerk als Musiker und Schriftsteller blicken kann. Er erzählt Geschichten zu dem verstorbenen zweiten Go-Between Grant McLennan und zieht das Publikum mit seinem Charisma in den Bann. Natürlich er hat auch seine Gitarre dabei und spielt einige Songs aus dem Go-Betweens- und seinem Solo-Repertoire. Leider steht nur eine Stunde zur Verfügung, das hätte locker noch einige Zeit weitergehen können.
Auch bei der Regierung ist der Baltic Saal gut gefüllt, und in seiner gewohnt schnoddrigen Art begrüßt Tilman Rossmy das Publikum. Dass ich diesen Künstler außerordentlich schätze, habe ich ja schon oft in diversen Reviews kundgetan und muss an dieser Stelle nicht wiederholt werden. Witzig ist diesmal, dass Rossmy die Setlist anscheinend nicht kennt, sich den nächsten Song vom Bassisten jeweils nennen lassen muss und dann die Liedauswahl als zu balladen-lastig moniert. Das wird dann ein Running-Gag durch das ganze Konzert. Was bei vielen Künstlern zu langatmigem nervigen Gelaber wird, ist bei Rossmy immer unterhaltsam und irgendwie passend. Auch dass der Regierungs-Schlagzeuger Thomas Geier vertreten werden muss, und das Zusammenspiel zumindest am Anfang noch nicht ganz rund läuft, stört keinen hier wirklich. Am Ende ist die Saalbeleuchtung schon an, die Roadies tragen das Equipment der Folgeband rein und die Regierung verlässt nach 75 äußerst kurzweiligen Minuten die Bühne.
Ganz besonders habe ich mich im Vorfeld auch über Spoon als Bestanteil des Line-up gefreut. Die Band aus Texas spielt im Zelt auf der Hauptbühne und agiert auch wie eine Hauptbühnen-Band. Viele Lichteffekte, bombastische Keyboard-Intros und eine exaltierte Bühnenshow durch den Sänger und Band-Kopf Britt Daniel sprechen das begeisterte Publikum an. Für mich stehen aber eher der Groove vieler Spoon-Songs in Kombination mit den Funky-Gitarren-Riffs und die Songs an sich im Vordergrund. Das Konzert gefällt mir, aber kleiner Club ist halt einfach besser als großes Zelt.
Und im Club geht es weiter mit Kevin Morby. Ich muss gestehen, den kannte ich bisher nur vom Namen, und eigentlich wollte ich mir zu der Zeit Ride auf der großen Bühne anschauen. Wie fahrlässig wäre das gewesen. Morby ist für mich die Neuentdeckung des Wochenendes. Ebenfalls zu viert, mit der famosen Meg Duffy an der zweiten Gitarre (und Fender-Amps), gibt es auch hier Gitarrenarbeit vom Allerfeinsten. Bei Morby kommen aber noch großartige Songs dazu. Er mag sicher Lou Reed und vielleicht auch Alan Vega. Ich mag auf jeden Fall jetzt Kevin Morby und werde mich alsbald in seine vier bisherigen Alben hineinarbeiten.
Was gab es noch? Glen Hansard mit Band und Madness als Headliner, Kettcar unter dem Namen The Rural Juror als Geheimgig und eine Vielzahl weiterer Künstler mit tollen Konzerten.
Und noch drei „Schlaumeier-Nerd-Insider-Anmerkungen“ zum Schluss: Greg Norton lebt noch, Horst Hrubesch kommt nicht aus Essen, sondern aus Hamm, und dass Steely-Dan-Songs hammerschwer zu spielen sind, ist doch klar. Wer mir schreibt, bei welchem Konzert diese drei Themen behandelt wurden, der darf sich auch „Schlaumeier-Nerd-Insider“ nennen.
Es endet wie immer: Ich werde wohl nächstes Jahr wieder hinfahren.

Wolfgang Buchholz