Geschrieben am 27. März 2013 von für Musikmag

Stagetime: Messer/Tocotronic live in Münster

Messer_Im SchindelDeutsche Musik – Früher und heute

– Innerhalb einer Woche gastieren die beiden deutschen Bands Messer (im Gleis 22) und Tocotronic (im Jovel) in Münster. Messer, aus Münster kommend, haben im letzten Jahr ihr Debütalbum „Im Schwindel“ veröffentlicht, Tocotronic sind, wie allenthalben zu lesen war, zwanzig Jahre alt geworden und haben gerade ihr zehntes Studioalben heraus gebracht. Von Wolfgang Buchholz

Das Konzer hält, was die Platte versprochen hat

Messer waren im letzten Jahr mit ihrem ersten Album am Start und haben mich damit schier begeistert. „Im Schwindel“ heißt die Platte, und es handelt sich um eine Musik, die man im weitesten Sinne als Post-Punk bezeichnen könnte. Ein treibendes, punktgenau gesetztes, nach vorne gemixtes Schlagzeug, in Verbindung mit einem pumpenden Bass, der an die ganz alten Stranglers-Platten erinnert, stellen die rhythmische Basis der Musik von Messer dar. Bei der Gitarre fällt mir spontan Gang of Four zu besten Zeiten ein: schneidende Riffs sowie die Basislinie des Liedes dekonstruierende, durch Effektgeräte gejagte Klangkaskaden.

Sucht man nach deutschen Verwandten, wären die Kristof Schreuf-Bands „Kolossale Jugend“ und „Brüllen“ zu nennen; Fehlfarben, EA 80, Boxhamsters oder frühe Blumfeld sind weitere Assoziationen. Die Musik ist also alles andere als neu, aber sehr gut gespielt, und die Texte sind grandios. Wut, Atmosphäre, Position, Klarheit und Relevanz – ich habe schon lange nicht mehr so auf den Punkt kommende deutschsprachige Aussagen gehört, und ich hoffe, dass diese Einschätzung nicht durch Münsteraner Lokalpatriotismus getrübt ist.

Beispiele gefällig: „Ein schiefes Haus mit Löchern in der Wand, abgeplatzter Stein, eine blutige Hand“, „Kaputte Arme, zerschundene Knie, eine Träne im Auge“, „Ein letzter Schuss im Magazin, wie gestrecktes Heroin“ oder „Ich will nur einen Raum mit einem Plattenspieler, eine Matratze und ein Buch und ihr seht mich nie wieder“ – man muss es sich anhören, großartig dazu die schreiende, grollende Stimme von Hendrik Otremba, die trotzdem melodiös ist und die passenden Töne trifft.

Ob bewusst oder unbewusst haben Messer auch gelungene Zitate in ihre Platte eingearbeitet. Das Intro von „Lügen“ zitiert die flirrenden Gitarren von „Holiday In Cambodia“ der Dead Kennedys, und im Refrain singt ein Chor „Mein Hass kennt keine Grenzen“, auch von der Grundmelodie angelehnt an Blumfeld.

Im März sind Messer auf ihrer „Die kapieren nicht-Tour“, spielen u. a. bei Monsters of Spex und sind zum Tourabschluss bei der Record Riot-Party in Münster im Gleis 22. Kurz gesagt hält das Konzert, was die Platte versprochen hat. Der Sound ist prima, die Bühnenpräsenz intensiv und der Funke springt über. Messer spielen die Platte und einige neue Songs vom gerade aufgenommenen, von Tobias Levin produzierten zweiten Album in druckvollen Versionen. Band, Platte und Live-Show sind völlig stimmig, bis hin zum großartigen Albumtitel „Im Schwindel“.

Sehr solide und routiniert

Wenige Tage später sind dann Tocotronic auf ihrer 20-Jahre Jubiläumstour im altehrwürdigen Club Jovel, noch immer betrieben vom Panikorchester-Bassisten Steffi Stephan. Über die neue Platte von Tocotronic konnte man ja in den einschlägigen Musikgazetten und in den Feuilletons aller großen Zeitungen hinreichend (und auch im CULTurMAG) nachlesen. Ich finde die Platte nicht schlecht, aber insgesamt zu lang und textmäßig zum Teil etwas beliebig. Sie steht aber mit zehn Songs ganz klar im Mittelpunkt der Live-Show. Bis auf das einfallslose „Warm und grau“ wurden auch die besseren Lieder des Albums ausgewählt. Sehr kurz kommen hingegen die drei aus meiner Sicht allesamt sehr gelungenen Platten der Berlin-Trilogie, aus „Schall und Rauch“ gibt es gar nichts zu hören.

Insgesamt überzeugt aber das Zusammenspiel zwischen ganz neuem und ganz altem Material, hier lassen es die Tocos nochmal mächtig krachen. „Drüben auf dem Hügel“ oder „Freiburg“ sind einfach unkaputtbar. Dirk von Lowtzow ist mir allerdings etwas zu „Große-Bühnen-Rock-Show-mäßig“; ausladende Gesten und salbungsvolle Ansagen gab es früher bei Tocotronic-Konzerten nicht in dem Ausmaß. Da lobe ich mir doch den unprätentiösen Rick McPhail, wie gewohnt in einem Nerd-Outfit par excellence. Aber nicht nur optisch, sondern in erster Linie musikalisch hat er den Tocotronic-Sound der letzten Alben immens bereichert, und auch diesem Konzert kommen die filigranen Teile von seiner Gitarre und seinem Keyboard. Knapp zwei Stunden bieten Tocotronic eine routinierte Rock-Show, sehr solide und routiniert, aber recht berechenbar.

Wie geht es weiter? Von Messer ist noch einiges zu erwarten, die Band hat großes Potenzial und man darf sehr gespannt sein auf das zweite Album. Tocotronic haben sich mit dem weißen Album vor elf Jahren einmal grandios neu erfunden. Seitdem liefern sie Album für Album solide Kost ab. Aber zwanzig Jahre auf diesem Niveau, das muss man erst mal schaffen.

Wolfgang Buchholz

Zur Homepage von Messer und zur Homepage von Tocotronic.

Messer Live: 03.05.2013 Aachen – AZ; 04.05.2013 Groningen – Vera; 11.05.2013 Bielefeld – AJZ & PTTRNS; 31.05.2013 Mannheim – Maifeld Derby

Tocotronic live:: 03.04.13 Hannover – Capitol;  04.04.13 Köln – E-Werk; 05.04.13 Würzburg – Posthalle; 06.04.13 München – Tonhalle; 07.04.13 Graz – Orpheum; 09.04.13 Wien – Arena; 10.04.13 Linz – Posthof; 11.04.13 Erlangen – E Werk; 12.04.13 Leipzig – Haus Auensee; 13.04.13 Dresden – Schlachthof; 14.04.13 Berlin – Columbiahalle

Tags : , ,

  • Herr Osterberg

    „insgesamt zu lang und textmäßig zum Teil etwas beliebig.“ Ja, das empfinde ich beim Hören des neuen Albums auch. Da sind für meinen Geschmack doch einige Füller dabei. „Kapitulation“ war mit „Schall und Wahn“ vielleicht der Peak, kaum noch zu toppen.