Geschrieben am 1. Juni 2019 von für Musikmag

Stagetime: Maik Brüggemeyer, Twins on fire, Alte Dorfschänke, Rinkerode, 25. Mai 2019

Lesen am Tresen

Foto: Wolfgang Buchholz

Im März 2019 kündigt der Rolling Stone-Redakteur und Buchautor Maik Brüggemeyer Termine für Lesungen zu seinem Buch „I’ve been looking for Frieden“ über die sozialen Medien an. Er liest z. B. in Berlin, in Köln und, ungelogen, in einem Schwimmbad im Saarland.

Ich poste zurück: „Wann liest du denn mal im Münsterland?“

Maik: „Wenn es einen Buchhändler [oder ein Schwimmbad, WB] gibt, der das mit mir veranstaltet.“

Ich: „Was sind denn deine Bedingungen?“

Maik: „Ich habe nix gegen ein Honorar, aber bei so kleinen Veranstaltungen will ich ja auch niemanden in den Ruin treiben.“

Das klingt machbar, da frage ich doch mal bei Frau Spartmann, der Inhaberin der hiesigen kleinen Buchhandlung „Die Bücherecke“ an. Die sagt „ja“, Maik sagt „ja“, und auch Doris sagt „ja“. Das ist die Wirtin der örtlichen Kneipe, der Alten Dorfschänke. Denn die Idee ist, die Lesung mit einem kleinen musikalischen Vorprogramm dort zu veranstalten. Wir befinden uns im Übrigen in Rinkerode, einem 4000 Einwohner zählenden Dorf im tiefsten Westfalen, in der Nähe von Münster.

Das Konzept scheint tatsächlich zu funktionieren. Ein Schreiberling aus Berlin, im Paket mit zwei Sangesbarden aus der Region mit dem Namen Twins on fire, schaffen es an einem Samstagabend, an dem das Pokalfinale, das Schützenfest im Nachbarort und diverse private Feiern und Hochzeiten vor Ort stattfinden, eine gut gefüllte Alte Dorfschänke zu mobilisieren. Leute aus Rinkerode, Verwandte und Ex-Kommilitonen von Maik (Maik kommt ursprünglich aus der Nähe von Münster und hat dort studiert), ein paar Musik-Nerds aus Münster und sogar Musik Express-Redakteure bilden eine bunte Publikums-Mischung.

Einer der Musiker hat sogar sein erstes Musikmagazin, die Sounds aus dem November 1978 mit Dave Edmunds auf dem Cover mitgebracht. Als dieses Heft herauskam, befand sich Maik noch ganz am Anfang des Erlernens seiner heute so wunderbar ausgeprägten Sprachfertigkeiten, da war er gerade einmal zwei Jahre alt.

Maik eröffnet die Lesung mit „Frühling“, einem Gedicht des leider gerade verstorbenen Wiglaf Droste. Dann liest er Passagen aus seinem Buch, die er mit frei vorgetragenen spontanen Beiträgen anreichert. In dem Buch „I’ve been looking for Frieden“ beschreibt er seine Sicht der deutschen und auch seiner privaten Geschichte von den 50er-Jahren bis heute anhand von zehn Liedern. Von den Capri-Fischern, über Ton Steine Scherben und Nena bis zu Balbina reicht das Spektrum der ausgewählten Lieder und Künstler.

Im Zentrum des Buches steht der Hit „Looking For Freedom“ von David Hasselhoff aus dem Jahre 1989. Herr Hasselhoff lieferte damit in seiner Selbstwahrnehmung einen entscheidenden Beitrag zum Fall der Mauer. Geschrieben wurde das Lied von Jack White, alias Horst Nußbaum, einer schillernden Persönlichkeit der deutschen Schlagerszene der 70er- und 80er-Jahre, der auch zeitweise als Fußballprofi tätig war. Neben der Musik ist der Fußball ebenfalls ein Thema, in dem Maik kompetent zu Hause ist, und das in seiner Lesung mit der WM 82, dem FC Köln und seinem Lieblingsspieler aus der Jugend, Pierre Littbarski, ausgiebig thematisiert wird.

Maik trifft genau den passenden Zungenschlag für den Abend mit leichteren aber auch nachdenklicheren Passagen. Man fragt sich, was habe ich denn damals gemacht in 1989, zu jener Zeit als Mister Hasselhoff die Mauer niedergesungen hat?

Während der gesamtem Lesung lauscht das Publikum den Ausführungen Maik Brüggemeyers sehr aufmerksam. Sogar der Bierhahn hat Pause, und der im Biergarten sitzende örtliche Spielmannszug wartet geduldig bis zur nächsten Lesepause auf frisches Pils. Nach fünf Songs der Twins on fire und einem ersten Leseblock, gehen in der Pause auch reichlich signierte Bücher über den Tresen. Danach das gleiche Paket mit Musik und Lesung ein zweites Mal, so dass auch noch einige später eintrudelnde Pokalfinalegucker (Bayern-Fans) einen weiteren kulturellen Input bekommen. Am Ende ist die Buchhändlerin ratzeputz ausverkauft, und bei der Aftershowparty kann der Bierhahn jetzt ungehemmt seiner originären Aufgabe nachgehen. Auch hier stellt sich Maik geduldig den Fragen des interessierten und, wegen des Bierhahns, immer lockerer werdenden Publikums. Um 2:30 kehrt Doris die letzten Gäste in die laue Frühlingsnacht.

Lesungen in der Alten Dorfschänke? Da geht doch noch was in der Zukunft.

Wolfgang Buchholz