Geschrieben am 14. April 2018 von für Musikmag

Stagetime: Lee Ranaldo; 2. März 2018; Hamburg, Kampnagel

ranaldo3„Acoustic trim”

Das ist doch tatsächlich schon sieben Jahre her, dass sich Sonic Youth getrennt haben. Was war das für eine Band: Vier Persönlichkeiten, die eine unglaublich energiegeladene und immer innovative Musik gemacht haben. Kim Gordon ist seitdem eher als bildende Künstlerin und Schriftstellerin tätig, Thurston Moore produziert gelungene Platten mit seiner grandios besetzten Band, u. a. auch mit Sonic Youth Trommler Steve Shelly. Der stellt wiederum seine Trommelkünste auch vielen anderen Musikern zur Verfügung.
Es verbleibt schließlich Lee Ranaldo, der bei Sonic Youth immer etwas zurückgezogener wirkte, eher unterschätzt war, aber zu nahezu allen Platten grandiose Songs beigesteuert hat. Ganz abgesehen davon ist er auch ein ebenso großartiger und innovativer Gitarrist wie Thorston Moore. Seit der Sonic Youth-Trennung hat Lee Ranaldo schon drei wirklich bemerkenswerte Soloplatten gemacht und beehrt Deutschland Anfang März mit einigen wenigen Konzerten, u. a. im Kampnagel in Hamburg.
Eher experimentellen Krach gibt es im Vorprogramm von Jean D.L. und Karen Willems. Das ist nicht unbedingt meine Baustelle, und zehn Minuten davon sind für mich absolut ausreichend. Lee Ranaldo wird von zwei Mitmusikern an Schlagzeug sowie Gitarre und Keyboard begleitet. Ranaldo spielt ausschließlich Akustikgitarre, diese allerdings mächtig mit Effekten aller Art aufgepeppt. Es geht los mit einem fünfminütigen Intro mit Glockenspiel und Geigenbogen, das dann in das Eröffnungsstück vom neuen Album „Moroccan Mountains“ übergeht.
Auf dem Programm steht das gesamte neue Album „Electric Trim“, z. T. in deutlich längeren und druckvolleren Versionen mit ausgeprägten Instrumentalparts. Die Texte der Platte hat Ranaldo zusammen mit dem amerikanischen Autor Jonathan Lethem geschrieben. Thurston Moore hat zwar die bessere Band, Lee Ranaldo aber die besseren Songs. Geprägt werden die neuen Lieder durch sehr melodiöse, gut dargebotene Gesangspassagen, die auch hervorragend in spartanisch instrumentierten akustischen Versionen bestehen könnten. Doch davon ist Ranaldo und seine Band heute weit entfernt. Ein sehr facettenreiches Schlagzeug und virtuose Gitarrenarbeit wird von seinen beiden Mitmusikern eingebracht. Das Konzert schließt mit einer mächtigen Noise-Attacke am Ende des Stücks „Thrown Over The Wall“. Als Zugabe gibt es dann ein einziges Stück vom vorletzten Album: „Ambulancer“. Schade, gefällt mir persönlich dieses zweite Album „Last Night On Earth“ doch besonders gut.
Ein wirklich gelungenes Konzert, aber… Noch besser finde ich Lee Ranaldo allerdings in einer Viererbesetzung mit seiner Band „The Dust“, einem Bass sowie ihn selbst an elektrischen Gitarren und in mächtigen Gitarrenduellen mit dem zweiten Gitarristen beschäftigt. „Live im KEXP“ auf Youtube bietet hier ein grandioses Beispielkonzert. Aber egal, Hamburg war auch ganz toll.

Wolfgang Buchholz