Geschrieben am 17. Oktober 2019 von für Musikmag

Stagetime: Jetzt!, 13. September, Bielefeld, Cutie

Gestern nicht, aber heute ist alles gut…

Vor ziemlich genau zehn Jahren gab es die Ausstellung „Stadt.Land.Pop“ im Museum für Westfälische Literatur auf Haus Nottbeck in Oelde-Stromberg. Musik der späten 80er-Jahre aus Ostwestfalen und im Speziellen das Label „Fast Weltweit“ standen im Fokus dieser Ausstellung. Zu sehen waren Videos, Musik und Schriften von Künstlern wie Jochen Distelmeier, Frank Spilker, Bernd Begemann, Bernadette La Hengst und eben auch von Michael Girke und seiner Band Jetzt!.

Bei der Vielzahl an bekannteren Künstlern habe ich damals Jetzt! nur beiläufig wahrgenommen. Das änderte sich aber vor zwei Jahren schlagartig, als beim Tapete Label eine Kompilation der Jetzt!-Musik aus den 80er-Jahren erschien und ich ziemlich begeistert von der Qualität der Musik und der Texte war. Frank Spilker schreibt in den Linernotes: „…als ob die Band Jetzt! immer ein Phantom gewesen wäre…“. Das war wohlgemerkt die erste Plattenveröffentlichung von Jetzt!.

Angeregt vom Interesse an seiner Musik hat sich Michael Girke in 2019, endlich und Gott sei Dank muss man sagen, entschieden, eine neue Platte zu veröffentlichen. Das Album „Wie es war“ gehört für mich zweifelsohne zu den bisherigen Highlights des Jahres. Neben Metropolenkonzerten in Berlin und Hamburg spielt er auch zwei Gigs in Ostwestfalen, in seiner Heimatstadt Herford und im Cutie in Bielefeld.

80er-Jahre-Flair prägt das Ambiente des Cutie: ein karg möblierter Raum, in der Toilette fehlt die Tür, ähnlich sah es im Ratinger Hof wohl auch aus. Es läuft eine Vinyl-Platte mit Dub Bass und Girke begrüßt viele Gäste per Handschlag. Heimspiel – obwohl ein Herforder in Bielefeld spielt.

Die neue Musik von Jetzt! hat die 80er-Jahre weit hinter sich gelassen. Zwei Lieder spielt Girke von damals, fast das gesamte neue Album und als Zugabe zwei neue Stücke plus „What A Wonderful World“. Begleitet wird Michael Girke von Thomas Geier (Die Sterne, Die Goldenen Zitronen), hauptsächlich am Standschlagzeug und ab und an Bass bzw. Gitarre. Er hat das neue Album auch produziert.

Die Lieder von Jetzt! sind wieder ein gutes Beispiel dafür, dass weder spielerische Virtuosität noch das Auftreten als Rampensau die entscheidenden Qualitätsmerkmale für ein gutes Konzert sind. Mit einfachen Mitteln gespielte, wunderbare Songs sind deutlich wichtiger, und das noch in Kombination mit intelligenten deutschen Texten. Davon bietet die Platte „Wie es war“ und auch das Konzert eine ganze Menge. Im Mittelpunkt stehen die Themen Heimat, für Michael Girke repräsentiert durch Herford, und zu Ende gehende Beziehungen, im Alter des Über-50-Jährigen sicher auch nicht ungewöhnlich.

Für mich sind die Highlights sowohl beim Konzert als auch auf der Platte der Titelsong und der Hit des Albums „Wir sind Wolken, sind Momente“. Nicht fehlen darf natürlich auch das von Blumfeld auf „Old Nobody“ gecoverte Stück „Kommst du mit in den Alltag“. Girke trägt seine Songs in Liedermachermanier vor, ganz dezent von seinem Sidekick Thomas Wenzel unterstützt. Die beiden frotzeln miteinander, sind sich etwas uneinig über den Stimmungsgrad der Gitarre, es brummt schon mal ganz gewaltig und nicht jeder Einsatz klappt, aber das stört hier niemanden wirklich ernsthaft.

Mit dem Stück „Was man Heimat nennt“ greift Girke das Thema Heimat dann gegen Ende explizit auf und nimmt dazu eine sehr vorsichtige, fast entschuldigende Haltung ein. Das muss er nicht, seine Texte sind fernab jeglicher wie auch immer gearteten Tümelei. Dazu zu stehen, wo man herkommt und sich da zu Hause und wohl zu fühlen, sollte gestattet sein. Man kann sich ja auch daran erfreuen, andere einzuladen und mit ihnen zusammen seine Heimat zu genießen.

Auf jeden Fall ist der Abend ein Genuss und ein weiteres Zitat aus den Linernotes von Christian Ihle passt sehr gut: „Doch Girkes Gruppe Jetzt! bleibt die große verlorene Band der deutschen Musikgeschichte“. Aber heute haben wir sie ja, zumindest für den Moment, wieder.

Wolfgang Buchholz