Posted On 17. Oktober 2017 By In Musikmag With 608 Views

Stagetime: Ian Hunter, 5. Oktober, Dortmund, Das Piano; Andreas Dorau, 7. Oktober, Münster, Gleis 22

Once Hunter, zweitens Dorau”

Die Bandbreite meiner musikalischen Sozialisation in den frühen 80er-Jahren lässt sich wunderbar an diesen beiden Künstlern festmachen, die im Oktober 2017 innerhalb von drei Tagen in Dortmund und Münster gastieren. Gitarrenorientierte Rockmusik, etwas Glam, etwas Rhythm’n‘Blues, in schweißtreibenden Live-Shows dargeboten, das ist Ian Hunter. Schräge, innovative, so noch nicht gehörte Musik zwischen allen Stühlen, das ist Andreas Dorau. Und beides fand ich früher und finde ich heute noch sehr gut.

ian hunterIan Hunter spielt im Piano in Dortmund. Ich erwarte ein eher kleines Konzert in einem beschaulichen Laden, wahrscheinlich eher ohne Band. Weit gefehlt, das Piano ist ein wunderbar mondäner Musikclub, mit toller Bühne in angenehmer Größe. Ian Hunter spielt mit der Rant Band, klassisch besetzt mit Schlagzeug, Bass, zwei Gitarren, Keyboard, und sie rocken das Haus ganz gewaltig.

Meine erste Begegnung mit Ian Hunter war die Rockpalast-Nacht 1980. Kurz darauf erscheint das Live-Album „Welcome To The Club“. Das war die Zeit als es noch Live-Doppel-LPs gab, die mehr oder weniger gut die Live-Atmosphäre rüberbringen konnten. Anders als heute, wo quasi jeder noch so mäßige Live-Auftritt irgendwie konserviert wird. „Welcome To The Club“ war ein richtig gutes Live-Album, danach habe ich Ian Hunter aber zugegebener Maßen etwas aus den Augen verloren. Zu erwähnen ist aber noch, dass er in den frühen 70ern Sänger der Glam-Rock-Band „Mott The Hoople“ war und er zu den Epigonen von David Bowie gehörte, der ihm seinen wohl größten Hit „All The Young Dudes“ auf den Leib komponiert hat.

Mittlerweise ist Ian Hunter 78 Jahre alt und nach langen Jahren einmal wieder für ein paar Konzerte in Deutschland. Und viel jünger ist auch das Publikum nicht, viele bemooste Häupter im gut gefüllten Piano, die aber mächtig mitgehen. Gut in Schuss betritt Ian Hunter mit einem Glas Sekt in der Hand die Bühne, die seine Band mit einem Intro schon angewärmt hat. Und auch noch bestens bei Stimme ist der alte Kämpe, der mit „The Moon Upstairs“ und „Once Bitten, Twice Shy“ direkt zwei Klassiker ins Rennen schickt. Und Klassiker hat Hunter genug im Köcher. „Just Another Night“, „Bastard“ oder „All The Way From Memphis“ werden euphorisch gefeiert. Sehr schön ist auch der neue Song „Dandy“, der seinem alten Weggefährten David Bowie gewidmet ist. Es wird ein tatsächlich schweißtreibender Par-force-Ritt eines mit allen Wassern gewaschenen Rock’n’Rollers mit seiner bestens eingespielten und hervorragend gelaunten Band. Man wird ihn sicher nicht mehr allzu oft live in Deutschland erleben können. Ich bin froh, dass mir dies noch einmal gelungen ist.

Nur ca. 100 Zuschauer sind dann zwei Tage später bei Andreas Dorau in Münster, und das, obwohl sein letztesandreas dorau Album „Die Liebe und der Ärger der Anderen“ Platz 56 in den deutschen Charts erreicht hat. Vorher spielt mal wieder eine gute Vorband im Gleis 22. Lafote kommen aus Hamburg und klingen nach der gleichnamigen Schule. Gesanglich nah an Blumfeld oder Svevo, musikalisch eher an den Sternen, von denen sie auch ein Stück covern, bieten die drei Musiker ein kurzweiliges Vorprogramm mit interessanten Texten, ein Song heißt z.B. „Königin der Durchgeknallten“. Ich höre bei der Rhythmusarbeit sogar manchmal die guten alten The Police raus. Lafote lohnt es im Auge zu behalten.

Wenig später betritt dann der Großmeister des auf den Punkt gebrachten schwarzen Humors, in Kombination mit Dada-Lyrik, minimalistischen Dance Beats und einer unverwechselbaren, irgendwie nicht zu fassenden Stimme die Bühne. Endlich ist Andreas Dorau in der Stadt. Ich habe ihn in den 90ern schon einmal im KFZ in Marburg gesehen und natürlich alle seine Platten im Schrank. Begleitet von einem sehr versierten Drummer und einem Musiker oder Techniker, der den Computer bedient, gibt Andreas Dorau in gut 90 Minuten einen Einblick in alle Dekaden seines künstlerischen Schaffens.

Von „Demokratie“, der „Blaumeise Yvonne“, über „Das Telefon sagt du“, „Girl in love“ bis zu den Highlights der neuen Platte „Ossi mit Schwan“ und „Liebe Bürger“ reicht das Spektrum. Also Hit auf Hit heißt die Devise, und mir würden noch einige mehr einfallen, die nicht im Programm waren. In seiner unnachahmlichen Art, irgendwie schüchtern, aber trotzdem Rampensau, sympathisch, zugewandt und witzig, frisst ihm das Publikum schnell aus der Hand. Mitten im Set geht er mal raus eine rauchen, bestellt noch Eiswürfel für seinen Sekthumpen und lässt sich am Ende zu drei Zugaben hinreißen.

Wie schön, dass es solche Musiker gibt, die den gerade angesagten Zeitgeist völlig ignorieren und ihre individuelle Kunst ohne Anbiederung an den Mainstream für ein kleines Nischenpublikum anbieten. Danke Andreas Dorau, für dieses, seit 35 Jahren praktizierte künstlerische Schaffen. Ich finde es großartig, ein Teil dieser Nische zu sein.

Wolfgang Buchholz