Geschrieben am 30. September 2016 von für Musikmag

Stagetime: Family 5 in Osnabrück

family-5_osnabrueck15. September 2016, Osnabrück, Kleine Freiheit

No more Deckelverbot any more…

„Die Jungs können nachts geweckt werden und spielen ein zweistündiges Set. Die Bierdeckel mit den Partituren von 1984 sind noch alle verfügbar.“ Vor einigen Jahren hatte ich einmal das Vergnügen, Peter Hein auf der damaligen Fehlfarben-Glücksmaschinen-Tour zu interviewen, und das war seine Antwort auf meine Frage nach Family 5. Neben den alten Bierdeckeln hat Family 5 aber in 2016 auch ein neues Album im Gepäck, das vor wenigen Wochen, von Erdmöbel Ekki Maas produziert, bei Tapete-Records erschienen ist. Und diese Platte ist super, klingt wie früher ist man geneigt zu sagen, kommt aber auch heute noch ziemlich zeitlos rüber.
In meiner persönlichen Historie an Konzertbesuchen gehören zwei Family 5-Konzerte aus 1988 und 1989, beide in Gießen im Ausweg, zweifelsohne zu meinen All-Time-Favourites. Da die Band in den letzten zwanzig Jahren nur vereinzelt mal wieder aufgetreten ist, klingt eine sechs Gigs umfassende Mini-Tour schon spektakulär. Ich fahre nach Osnabrück in die Kleine Freiheit und freue mich vorher schon wie Bolle auf das Konzert.
Kurzer Rückblick: Wegen „zu erfolgreich“ war Peter Hein Anfang der 80er bei den Fehlfarben ausgestiegen und hatte mit dem östereichischen Multitalent Xao Seffcheque Family 5 gegründet. Mit Bläsern und kräftigem Gitarren-Rums spielten sie eine Melange aus Northern-Soul, Beat und Punk in Kombination mit den schlauen, punktgenau treffenden Texten von Hein, und veröffentlichen Singles, EPs und einige wenige Alben, vorwiegend in der zweiten Hälfte der 80er.
In 2016 ist die Band dann bis auf den verstorbenen Rainer Mackenthun in Originalbesetzung auf der Bühne und steht einem kleinen aber enthusiastischen Publikum gegenüber. Am Merchandising Stand kauft ein Mitfünfziger beispielsweise direkt drei T-Shirts, mir reicht erstmal eins.
Alte Klassiker mischen sich mit Liedern vom neuen Album, aber auch die vorletzte Platte aus 2004 „Wege zum Ruhm“ ist in der Setlist gut vertreten. Los geht es mit „Du wärst so gerne dabei“ und „Die kapieren nicht“ vom Debut-Album „Resistance“. Hein meint zwischendurch einmal „Die neuen Nummern sind Spitzen-Material“. Recht hat er, auch wenn er rein äußerlich nicht mehr der junge Wilde aus den 80ern ist. In seinem „English-Landlord-like-Karomuster-Anzug“ sieht er eher aus wie Monaco Franze mit langen Haaren und Lesebrille. Aber seine Texte haben nichts an Energie und Treffsicherheit verloren, und dabei muss er neben Family 5 auch noch Fehlfarben versorgen.
Nicht perfekt, aber mega-authentisch ist der Sound. Der junge Drummer drischt mächtig in die Felle, dazu die leichtfüßige, trockene Bläser-Sektion mit Markus Türk und Hatti Graeber, die auch wunderbar den Background-Gesang bestreiten und für Bewegung auf der Bühne sorgen. Capt. Nuss, der Stoiker von Bassist schlechthin, daneben in zu großem Anzug (nicht einfach bei seiner Größe) und Samba-Turnschuhen. Rechtsaußen daneben steht Xao Seffcheque und sägt prächtig mit seiner Gitarre.
Neben dem eigenen Material gibt es auch drei Covers. „Homburg“ von Procol Harum in einer Motown-Version, „Helden“ von Bowie, das auch auf dem neuen Album ist, und als Rausschmeißer „Another Girl, Another Planet“ von The Only Ones, das auch schon in den 80ern live ein Abräumer war.

Was soll man sagen? Begeistert und leicht abgewandelt, nach Eddie and the Hot Rods: „No reason to be pitied, they’re getting me totally committed”.

Wolfgang Buchholz