Geschrieben am 6. Mai 2015 von für Musikmag

Stagetime: Die volle Dröhnung – fünf Konzerte in einer Woche

Wann gab es denn das zuletzt? Das ist sicher viele, viele Jahre her, innerhalb einer Woche auf fünf Konzerte zu gehen. Es handelt sich aber nicht um einen Rekordversuch, sondern nur um eine günstige private und berufliche Konstellation (Rest der Familie im Urlaub, beruflicher Termin in Leipzig), die es zu nutzen gilt. Und wenn einem sowas Schönes wird beschert, ist das einen Konzertbericht wert…

weller_saturn patternsPaul Weller, Münster, Jovel

Los geht es mit einer Ikone der Pop-Musik. Endlich hat Münster eine Halle, das neue Jovel, das auch Künstler in der Größenordnung eines Paul Weller beherbergen kann. Ich habe Weller über die Jahre schon in Köln und Frankfurt gesehen, jetzt beehrt er endlich einmal wieder Münster. Hier hat er in den späten 70ern letztmals mit The Jam gespielt. Mit The Jam, danach Style Council und nunmehr seit über zwanzig Jahren solo hat Paul Weller Alben ohne Ende im Backkatalog und auch jede Menge Hits im Gepäck. Davon werden aber beim Konzert bis auf wenige Ausnahmen keine zu hören sein.

Schaut man sich die Protagonisten der englischen Punk-Bewegung der späten 70er an, sind sie entweder tot (Joe Strummer), zur Karikatur mutiert (Johnny Rotten) oder völlig in der Versenkung verschwunden (fast alle anderen). Es hat wohl niemand mit ähnlichen Wurzeln außer Paul Weller geschafft, sich einen solchen musikalischen Einfluss zu erarbeiten – Jazz mit Style Council, Modfather, Erfinder des Brit-Pop, um mal einige Attribute zu nennen. Und er vermarktet nicht seine Vergangenheit, sondern macht neue Musik, die sicher nicht jedem alten Fan gefällt. Weller ist wirklich in Würde gealtert, wobei er bis auf Falten und graue Haare noch sehr drahtig aussieht. Denn trotz fast vierzig Jahre Musikbusiness auf dem Buckel ist Paul Weller erst 57 Jahre alt.

Das Jovel ist weitgehend mit Altersgenossen und etwas Jüngeren recht gut gefüllt, und Weller geht in die Vollen. Gitarrenbrett mit elektronischen Sprenkeln sowie richtig Wumms in Schlagzeug und zusätzlicher Percussion ist die Devise. Fünf oder sechs Songs und damit ein gutes Viertel des Gigs besteht aus Songs vom erst im Mai erscheinenden Album „Saturn Patterns“ – das meiste davon klingt vielversprechend. Ansonsten spielt er viele Lieder von den letzten Alben, wenige eigene Hits und mit „Town Called Malice“ einen The Jam-Song als letzter Zugabe.

Fazit: Ein Künstler auf der Höhe der Zeit mit ambitionierten musikalischen Ansprüchen bietet ein unterhaltsames Rock-, weniger Pop-Konzert. So kann es noch einige Jährchen weitergehen.

The No Colour Twins, Niederwürzbach, Bahnhof

Nach kurzer Nacht und U6-Minikicker-Fußball um zehn Uhr geht es zum The No Colour Twins-Gig im ca. 450 km entfernten Niederwürzbach im Saarland. Zunächst im Zug mit Rucksack, Telecaster und Mixer im Gepäck. In Koblenz heißt es dann Umsteigen zu den Jungs ins Auto und weiter ins Saarland. Der Bahnhof Niederwürzbach ist eine kleine, aber feine Live-Bühne mit langer Historie, Guru Guru und Randy Hansen haben hier schon gespielt.

Ankommen, Aufbauen, „a few drinks at the bar“, lecker Essen, zwei Stunden Gig mit den Covers „Signed D.C.“ von Love und „Karen“ von The Go-Betweens als letzter Zugabe, After-Show-Stammtisch, Abbauen, „a few more drinks at the bar“, zur Übernachtungsgelegenheit, „a few…“, kurzer Schlaf und Abreise in umgekehrter Reihenfolge wie am Vortag.

Um 16 Uhr wieder Ankunft zu Hause. Das ist Rock’n’Roll-Lifestyle für den Hausgebrauch. Das macht ab und an wirklich Riesenspaß, das muss man aber nicht jedes Wochenende haben.

the elwins_playThe Elwins und Rah Rah, Leipzig, Moritzbastei

Ein Doppelpack aus der vielfältigen kanadischen Indie-Szene gastiert drei Tage später in der Moritzbastei in Leipzig, einer sehr schönen Konzert-Location direkt an der Uni. Rah Rah, die mir gänzlich unbekannt sind, und The Elwins, die öfter in Deutschland touren, spielen hier heute. Maximal fünfzig Leute, eher studentisches Publikum, hat sich in die Moritzbastei verirrt, und los geht es mit Rah Rah.

Irgendwie erinnern die mich an Arcade Fire: drei Männer, zwei Frauen, Multiinstrumentalisten, die fleißig die Instrumente wechseln, die Stimmlage des Sängers klingt nach Win Butler und auch der Pathos und die Dichte der Lieder. Optisch gleicht der Sänger aber eher dem jungen Thurston Moore mit kurzen Haaren, ein sympathischer Schlacks, der eine Rickenbacker zusammen mit einem VOX AC 30 spielt – eine sehr gut klingende Kombination (Nerd-Schlaumeier-Anmerkung). Daneben musizieren die beiden Damen mit diversen Instrumenten und singen auch viele der Lieder. Das gefällt mir alles nicht schlecht, wobei der Sound etwas differenzierter sein könnte. Das neue Album sollte später am Merch-Stand auf jeden Fall in meinen Besitz wechseln.

Große Hit-Dichte dann danach bei den Elwins, vier Endzwanzigern aus Ontario. Wirklich tolle Songs hat die Band im Gepäck. Der Sound ist jetzt besser. Das Publikum tanzt, genug Platz ist ja. Man kommt schon in Bewegung bei der Elwins-Musik. Lediglich der Schnurrbart von Gitarrist und Keyboarder Freur ist diskussionsbedürftig. Und etwas kurz erscheint mir der Gig, maximal 45 Minuten inklusive zweier kurzer Zugaben. Kaufe mir später beide Alben von The Elwins.

Am nächsten Tag im Zug stelle ich dann fest, eins wäre auch gut gewesen. Die Musik ist sehr eingängig, aber auch deutlich glatter als beim Konzert. Bin gespannt wie nachhaltig die Band meine Playlist der nächsten Zeit besetzen wird.

Tom Liwa, Münster, Schnabulenz

Weiter geht es tags darauf, wieder zurück in Münster, wo heute der gute alte Tom Liwa im Schnabulenz gastiert. Das Schnabulenz ist eine ganz kleine, sehr bemerkenswerte Kleinkunstbühne mit erlesenem Programm. Auch bei Tom Liwa sind heute dreißig bis vierzig Gäste da, aber damit ist der Laden gut voll. Auf der Bühne steht ein Klavier, auf dem Liwa zu Beginn erstmal improvisiert. Danach ein kurzes Flötenintro und los geht die zunächst zweistündige Reise durch Liwas Liederbuch.

Wie immer spielt er eine schöne Mischung aus alten und neuen Liedern, angereichert durch einige Covers, diesmal von REM und John Lennon. Auch Songwünsche, die er eigentlich gar nicht mehr drauf hat, spielt er nach kurzer Einarbeitung (großartig: „Juliana Straat“ und „Für die linke Spur zu langsam“). Tom Liwa kommt gerade aus Potsdam, wo er sein im Herbst erscheinendes Album gemixt hat. Darauf sind „Lieder gegen die Musik“ – zwei Kostproben, seine Songs gegen Neil Young und die Beatles, stellt er vor.

Tom trägt eine Art Leopardenfellmütze, ist bestens gelaunt, und diese entspannte Stimmung überträgt sich auch auf das begeisterte Publikum. Ab und an muss er die Tonart des Songs durch Probieren herausfinden. Egal, als eine junge Dame mit einem etwas unruhigen kleinen Kind den Raum verlässt, meint er, das wäre doch hoffentlich, weil sie die Musik scheiße fände und nicht weil sie nicht stören wolle. Großartig. In der spontanen Pipi- und Getränke-Hol-Pause überbrückt er mit Coverversionen. Als letzte Zugabe will er eigentlich „Wise Man In Your Heart“ von dem kürzlich verstorbenen Daevid Allen spielen, findet aber leider den Zettel mit Text und Partitur nicht.

Das Konzert ist schon eine viertel Stunde vorbei, eine Handvoll der Gäste trinkt noch was an der Theke oder vor der Tür. Plötzlich kommt Tom Liwa aufgeregt um die Ecke, er habe den Zettel mit dem Song jetzt gefunden und würde ihn bei Interesse noch spielen. Keine Frage, und weiter geht es zurück auf die kleine Bühne, und Liwa spielt diesen großartigen Song, den ich noch gar nicht kannte, mir aber gerade auf YouTube in verschiedenen Versionen anhöre. Es folgen noch drei, vier Lieder vor einem mittlerweile verzückten, euphorisierten Publikum. Um Paul Weller zu zitieren: „That’s entertainment“. Das scheinbar unspektakulärste Konzert der Woche ist das Highlight. Für den Herbst ist Tom Liwa mit Band im Schnabulenz angekündigt. Ich werde ganz sicher wieder dabei sein.

knuturZugabe: Svavar Knutur, Münster, Schnabulenz

Der Betreiber des Schnabulenz hat mir so nachdringlich den Künstler des Folgeabends ans Herz gelegt, dass es auch noch eine Konzertzugabe gibt: Svavar Knutur aus Island, nie gehört, ich lasse mich überraschen.

Heute ist das Schnabulenz knallvoll mit ca. 70 Besuchern, die verdammt viel Spaß haben werden. Svavar Knutur ist nämlich nicht nur ein guter Songwriter und vor allem Sänger, er hat auch gehöriges Comedy-Talent, sodass sich Lied- und Wortbeiträge ungefähr die Waage halten. Wanderlust, Waldeinsamkeit und Weltschmerz sind Svavars deutsche Lieblingswörter – und der Titel seiner neuen EP. Zu diesen Themen unterhält er sein Publikum mit ausführlichen Darlegungen. Er erzählt uns Geschichten von Trolls, über Heiratsversprechungen im Eissturm, Bahnfahrten in Zeiten des Bahnstreiks und von Zungenküssen mit 85-jährigen Alzheimerpatienten. Bei allem Witz werden aber immer die Ernsthaftigkeit, die Nachdenklichkeit, das Engagement und die Qualität des Künstlers Svavar Knutur deutlich.

Großartige Musik macht er übrigens auch. Er spielt viele eigene Songs auf Gitarre, Ukulele und Klavier sowie schöne Covers von Bonnie Prince Billie, den Eurythmics und den Beach Boys. Um einmal mit Annie Lennox singen zu dürfen, würde er sich auch ein Bein absägen lassen. Ach ja, deutsches Bier mag er auch sehr gerne und reichlich, gerne auch auf der Bühne. Heute Abend gibt es gut drei Stunden Programm im Schnabulenz, wirklich bestes Preis-Leistungs-Verhältnis, ein Top-Tipp von Jan, dem Schnabulenz-Betreiber.

Was steht den als nächstes an: Gisbert zu Knyphausen, Sleaford Mods, Ron Sexsmith, aber das dauert glücklicherweise alles noch etwas…

Wolfgang Buchholz

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