Geschrieben am 2. Oktober 2015 von für Musikmag

Stagetime: Die Regierung, 20. September 2015, Hamburg, Knust

Die regierung„Beinahe berühmt”

Da ist die Tage doch tatsächlich eine E-Mail von Tilman Rossmy im Postfach. Nach dem gelungenen Einmal-Auftritt von „Die Regierung“ im Frühjahr in Essen geht er zusammen mit den beiden Ur-Regierungsmitgliedern Robert Lipinski und Thomas Geier im September auf eine vier Gigs umfassende Clubtour. Ist schon etwas kurzfristig, und man hat ja auch noch anderes zu tun, als auf obskure Konzerte zu gehen. Aber irgendwie geht es dann doch, und so sitze ich am Sonntagnachmittag im IC nach Hamburg mit den neuen Alben von Robert Forster und den Libertines auf dem Kopfhörer und freue mich auf mein erstes Konzert mit „Die Regierung“.

Mitte der 90er-Jahre hatte sich die Band nach vier Alben und einer wechselvollen Karriere aufgelöst. Ich habe die Band erst mit ihrem Auflösealbum „Unten“ kennengelernt und halte diese Platte für ein Meisterwerk deutschsprachiger Popmusik aus den 90er-Jahren. Tilman Rossmy ist danach zunächst solo, dann mit seinem Quartett weiterhin musikalisch tätig, wird aber nur von einer immer kleiner werdenden Zuhörerschaft wahrgenommen und verehrt. Für mich waren das aber Jahre großartiger Alben und ebensolcher Konzerte, und umso mehr freue ich mich auf die Reise in die Vergangenheit am Sonntagabend nach Hamburg ins Knust.

Gewohnt schluffig betritt Herr Rossmy gegen halb neun die Bühne im Knust. Auf der Akustik-Gitarre spielt er das neue Lied „Beinahe berühmt“ vom letzten Tilman Rossmy Quartett Album. Kein Lied von, sondern eines über die Regierung, in das er einen kleinen Exkurs über die Unterschiede der Reimschemen zwischen deutschen und amerikanischen Songwritern einbaut. Schräge unterhaltsame Geschichte, sowas kann er einfach gut erzählen in seiner vermeintlich schläfrigen, aber dann doch irgendwie hellwachen Art.

Dann nimmt Tilman Rossmy doch tatsächlich eine elektrische Gitarre in die Hand, und die beiden anderen Musiker betreten die Bühne. „Ein Idiot mehr“ heißt der erste Song, den das Trio spielt. Tilman betont noch einmal, dass Dilettantismus Teil des musikalischen Konzeptes in den 80ern gewesen sei und er der Einzige in der Band ist, der kein Instrument beherrscht. Ganz so schlimm ist es nicht, aber eine etwas bessere Vorbereitung auf der Gitarre von Seiten Herrn Rossmy hätte dem Gig sicher gut getan. Das eine oder andere Mal muss er sich von Mitmusikern oder auch dem Publikum die Akkordfolgen der Lieder durchgeben lassen. Da nur Fans im Publikum sind, nimmt ihm das keiner übel und der familiären, wohlgesinnten Stimmung tut das keinen Abbruch.

Viele Lieder der Regierung transportieren die Stimmung der Generation der um die 20-jährigen in einer Stadt im Ruhrgebiet in den 70er-Jahren in einer unglaublich authentischen Art und Weise („Hennarotes Haar“, „So drauf“, „Komm zusammen“, „1975“). Ähnlich gut gelingt das Ralf Rothmann in seinen Romanen, aber natürlich in einem ganz anderen Genre – gewagter Vergleich, ich weiß. Ich war zwar erst in den frühen 80ern in dem Alter und komme auch nicht aus dem Ruhrgebiet, sehe aber beim Hören der Musik viele Bilder aus der eigenen Jugend vor mir. Und daher schätze ich die Lieder von Tilman Rossmy auch so sehr. Nicht nur in London, Berlin, Hamburg oder Düsseldorf gab es eine Szene, auch in Essen oder in Koblenz oder in jeder anderen Kleinstadt passierte was zu der Zeit.

Trotz der limitierten Gitarrenfertigkeiten ist das Konzert auch musikalisch absolut in Ordnung. Der Sound ist ok, Schlagzeug und Bass bilden ein solides Rückgrat und auch die Gitarre passt sich oft sehr gut ein. Gute Songs sind auch in einfachen Arrangements gut. Zum Zugabenblock kommt auch noch Bernd Begemann ins Knust, der aber, Gott sei es gedankt, nicht mit auf die Bühne kommt. Nichts gegen Begemann und seine Entertainerkünste, aber das hätte heute gar nicht gepasst und hätte die Atmosphäre kaputt gemacht. Nach gut neunzig Minuten ist die Regierungszeit zu Ende und alle sind zufrieden. Im Übrigen gibt es auch diverse alte neue Platten von der Regierung als Wiederveröffentlichungen. Schaut euch einfach mal bei „Play loud“ im Netz um, es lohnt sich.

Wolfgang Buchholz

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