Posted On 1. Mai 2017 By In Musikmag, News With 1101 Views

Stagetime: Die Regierung – 18. April 2017, Hamburg, Nachtasyl

Die Regierung_nachtasyl„Das hier ist dein Territorium”

Eine neue Platte von „Die Regierung“? Damit konnte man nun wirklich nicht rechnen. Und dann wird sogar überall darüber berichtet, und die Scheibe wird ohne Ende abgefeiert. Für mich unverständlich. Warum? Nun, es gab eigentlich durchgängig großartige Platten von Tilman Rossmy, zunächst alleine, dann mit dem Quartett. Und alle die schlauen und hippen Musikschreiberlinge müssen sich fragen, warum sind diese Platten nicht ebenso gewürdigt und abgefeiert worden. Warum wird das erst fast 30 Jahre nach Erscheinen des Meisterwerks „Unten“ erkannt? Verdient hätten es seine über die Jahre erschienenen Werke allemal, es handelt sich durchgängig um wunderbare Lieder eines der besten deutschen Songschreibers.

Die Platte der Regierung ist natürlich großartig, aber nicht so weit von der Musik Rossmys der letzten Jahre entfernt. Mehr Postpunk anstatt gut geöltem Country-Twang, doch Atmosphäre, Harmonien und vor allem die Geschichten tragen die altbekannte und hochgeschätzte Handschrift von Tilman Rossmy.

Aber nicht, dass das hier in den falschen Hals gerät, ich freue mich natürlich ganz gewaltig über die neue Platte, finde sie selbstredend auch großartig und fahre mal wieder nach Hamburg zum Konzert. Ein Subrosa-Besuch in Dortmund, wo ich schon diverse herausragende Tilman Rossmy Quartett-Konzerte gesehen habe, klappt terminlich leider nicht. So geht es also mit großer Vorfreude ins Nachasyl nach Hamburg, auch vor dem Hintergrund, dass mein alter Freund Thorsten im Vorfeld schon spektakuläres vom Konzert in Darmstadt berichtet hatte.
Die Regierung_plattenladen

Und dann gibt es in Hamburg auch noch ein Doppelkonzert. Am frühen Abend spielt die Band einen Plattenladen-Gig bei Michelle-Records. Der Laden ist gut gefüllt mit Altfreaks und die Regierung spielt sehr lässig jeweils drei, vier alte und neue Lieder. Das war schon einmal ein prima Warm-up für das Konzert am späten Abend.

Das Nachtasyl ist ein Club unter dem Dach des Thalia-Theaters, sehr gut gefüllt und die einschlägige Hamburger Musikprominenz mit Bernd Begemann, Markus Wiebusch oder Knarf Rellöm ist auch da. Als Vorband spielt Belgrad, irgendwo zwischen Fehlfarben und EA 80 anzusiedeln, ganz nett aber nicht nachhaltig aufhorchen lassend. Um halb elf startet dann ein gut zweistündiger Parforce-Ritt durch die Historie der Regierung. Schwerpunkte liegen bei der neuen Platte „Raus“ und beim vorletzten Album „Unten“ aus dem Jahr 1994.

Durch die Mitwirkung von Ralf Schlüter an Keyboard und Gitarre gewinnt die Musik deutlich an Qualität, insbesondere auch im Vergleich zu Live-Darbietung von vor zwei Jahren. Schlüter ist so etwas wie der „Musical Director“, der der rohen Regierungs-Musik den musikalischen Feinschliff verleiht. Im Fokus der Band steht natürlich Tilmann Rossmy, der wie gewohnt leicht sympathisch verpeilt seine ausgewöhnlichen Lieder vorträgt.

Daneben unterhält er auch mit seinen kurzweiligen Ansagen. So erfreut er sich daran, dass bei Kollegen wie Pete Doherty Dilettantismus an der Gitarre gerne abgefeiert wird und somit auch er Anerkennung für seine Gitarrenspielkunst erwarten kann. Die bekommt er von mir, spielt er doch auch zwei kleinere Soli, über deren Gelingen er sich augenscheinlich freut. Lasst es euch gesagt sein, ihr Muker dieser Welt: Gitarre spielen lernen können viele, herausragende Lieder mit drei, vier Akkorden schreiben aber nur ganz wenige.

Die Arrangements der Lieder beim Konzert werden entweder stark vom Synthi-Gefrikel oder von härteren Gitarrenparts getragen, beides passt gut. Highlights zu benennen fällt wirklich schwer, vielleicht „Nathalie sagt“, „Seltsam“, „Komm zusammen“ und der Opener von der neuen Platte „Mitten hinein“.
Am Ende erzählt Tilmann Rossmy noch ganz alleine mit dem neuen Lied „Nicht in deiner eigenen Stadt, aber vielleicht in Hamburg“, seine persönliche musikalische Geschichte in zwei Minuten. Die Regierung hat heute Abend schon früh im April ihren Hut in den Ring für das Konzert des Jahres geworfen.

Wolfgang Buchholz

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