Geschrieben am 3. Dezember 2018 von für Musikmag

Stagetime: Cowboy Junkies, 15. November, Berlin, Passionskirche

Sympathisches Understatement

Schon das zweite Konzert, auf dem ich in diesem Jahr bin, das in einer Kirche stattfindet. Nach Anna Ternheim vor wenigen Wochen in Münster, habe ich nun das Vergnügen, mir die Cowboy Junkies in der Passionskirche in Berlin anschauen zu dürfen. Nach langer Zeit spielt die Band einmal wieder drei Konzerte in Deutschland. Neben Berlin gibt es ein weiteres Kirchenkonzert in Hamburg. Kirchenkonzerte haben im übrigen lange Tradition bei den Cowboy Junkies, wurde doch ihr bis dato erfolgreichstes Album „The Trinity Session“ aus 1989 ebenfalls in einer Kirche aufgenommen.
bühneDie Schlange ist lang vor der Passionskirche in Kreuzberg, und es herrscht eine freudige Unruhe beim wartenden Publikum. Die Kirche ist anscheinend noch im eigentlichen Betrieb und besitzt eine majestätisch-festliche Ausstrahlung. Zugegebenermaßen fällt es mir schwer hierfür passende Adjektive zu finden. Ich habe einen Platz auf der Empore, es ist schon alles voll, aber mit etwas Glück ergattere ich noch einen Platz vorne im Seitenschiff (so nennt man es, glaube ich). Es gibt sogar Kaltgetränke im Gotteshaus, das habe ich auch schon anders erlebt.
Die Band hat ihr Equipment vor dem Altar aufgebaut, und zügig nach 20 Uhr startet der Gig mit dem Opener ihrer neuen Platte „All That Reckoning Part 1“. Lieder der neuen Platte prägen den ersten Teil des Konzertes. Und da sind einige wirklich sehr schöne Lieder dabei. Ich erstehe die Platte später beim Konzert, und sie geht einige Tage auf Rotation. Die Cowboy Junkies sind drei Geschwister und ein Cousin, live verstärkt mit einem weiteren Gitarrenspieler. Die Lieder sind aus der Feder von Gitarrist Michael Timmins, und der versteht sein Handwerk. „Sing Me A Song“, „Shining Teeth“ oder „Missing Children“ vom besagten neuen Album sind für mich bereites Highlights im Songbook der Band.
Die Cowboy Junkies strahlen ein sympathisches Understatement aus. Alle Musiker bis auf den Bassisten sitzen, doch auch der bewegt sich im Stand keinen Millimeter. Im Mittelpunkt steht ganz klar die charismatische, schamanenhaft singende Margo Timmins. Ihre Bühnenpräsenz ist überragend, ich denke an Patti Smith. Musikalisch geht es meistens eher ruhiger zu. Aber auch ab und an röhren die Gitarren wie bei Crazy Horse oder Dream Syndicate.
Nach 45 Minuten gibt es eine kurze Pause, und der zweite Teil des Konzertes besteht vorwiegend aus Klassikern, wie z. B. „Blue Moon Revisited (Song for Elvis)“, und Cover-Versionen. „Supernatural“ vom wunderbaren Vic Chesnutt, dem die Cowboy Junkies schon einmal ein ganzes Album gewidmet haben, und „Lungs“ von Townes van Zandt spielen die Band in ruhigen Akustik-Versionen. Langsam arbeitet sich das Konzert zum Höhepunkt hin. Es folgt eine zehn Minuten dauernde hypnotische Jam-Session, und dann deuten es die ersten Harmonien an: „Sweet Jane“, seit eh und je im Live-Repertoire der Band. Und es ist sicher eine Herausforderung, ein Reed-Stück angemessen darzubieten. Margo Timmins gelingt das wunderbar, nicht oft kann man sagen, das Cover ist fast besser als das Original. Und sogar Bassist Alan Anton bewegt sich jetzt marginal. Zum Schluss dann „Misguided Angel“, das ebenfalls schon gut 30 Jahre auf dem Buckel hat.
Im Zugabenblock geht es ähnlich spektakulär weiter, „Five Years“ von David Bowie steht auf dem Zettel der Setlist. Margo erzählt, dass Berlin eine ihrer Lieblingsstädte sei, und dass sie das mit Bowie, einem ihrer Lieblingskünstler, verbindet.
Es passt alles zusammen an diesem Herbstabend in Berlin, der Ort, die Künstler, die Musik und die Atmosphäre – ein bemerkenswerter Abend.

Wolfgang Buchholz