Geschrieben am 11. Juli 2012 von für Musikmag

Stagetime: CocoRosie am 8. Juli live im Heimathafen Neukölln

CocoRosieWeirde Mischung für Hippster, Bürgertum und Subkultur

– Am letzten Sonntag bildete sich eine lange Schlange vor dem Neukölner Heimathafen. Hipster, Bürgertum und Subkultur begehren gemeinsam Einlass ins magische Theater, genau genommen zu CocoRosie. Die Damenwelt scheint fast geschlossen für Modebloggs posieren zu wollen. Ein Umstand, der schon vor dem Konzert auf die avantgardistische Kleiderpracht der beiden Casady-Schwestern verweist, die zu später Stunde die Bühne des Heimathafens wieder in einen theatralen Raum verwandeln. Es ist der zweite, ausverkaufte Abend der „We are on fire“-Tour, die an diesem Wochenende ihren Auftakt in Berlin nimmt. Von Janine Andert

Sierra und Bianca Casady erscheinen wie große Kinder, die mit Mamas Sachen Verkleiden spielen. Sierra trägt unter ihrem rosafarbenen Mäntelchen ein grünes Wickeltop, eine viel zu groß geratene Männerunterhose, die am Hintern schlabbert und vorne mit Eingriff versehen ist. Dazu funkelnde Leggins, die zu halterlosen Strümpfen umfunktioniert, mit hohen weißen Fußballsocken überstülpt und schwarzen Boots komplettiert werden. Von ihren Lippen ertönen zauberhafte Arien, die von einer anderen Welt künden. Bianca erscheint hingegen in einem braunen, sackartigen Overall und Rastafarie-Mütze mit Glam-Effekt. Ihr kindlicher Sprechgesang ist der Gegenpol zur ausgebildeten Opernstimme ihrer Schwester.

Eine weirde Mischung, die eben den ureigenen Sound von CocoRosie ausmacht

Unterstützung erhalten die beiden Hauptakteurinnen von Rajasthan Roots, einer indisch-pakistanischen Gruppe, die in folkloristischen Gewändern Zimpel, Kastagnetten, elektrische Zittar, Flöten und Trommeln auf die Bühne bringen. Zwischendurch spielen sie sogar drei eigene Stücke. Das erste kommt noch als Weltmusik daher. Dann spielen Rajasthan Roots Minimal und House auf ihren traditionellen Instrumenten. Das Publikum tobt. Der Beatboxer Tez, der japanische Keyboarder und der Bassist mit dem lustigen Hut treten fast in den Hintergrund.

Zwischen silbernem Glitzervorhang, multikulturellem Fasching und musikalischer Spielfreude entwickelt sich ein faszinierendes Eigenleben, das sich von Beginn an auf das Publikum überträgt. Die Lichteffekte der Inszenierung laufen über dem gesamten Saal fort, wodurch der Heimathafen Stätte einer riesigen Aufführung zu sein scheint. Die Bühne als selbstgebastelter Guckkasten, in dem die Puppen erwacht sind und tanzen, hat überdimensioniertes Leben gewonnen, das den Abend zu einem surrealen Traum werden lässt. Wie schade, dass es ein Erwachen gibt. Eine laue Berliner Sommernacht fängt die Traumtänzer danach auf und lässt sie noch lange an dieses im wahrsten Sinne des Wortes zauberhafte Ereignis zurückdenken. In den Ohren der letzte Song des grandiosen Auftritts: „Everybody wants to go to Japan. Everybody just holds hands“.

Janine Andert

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