Geschrieben am 1. Dezember 2010 von für Musikmag, Vermischtes

Queen Daphne

Queen Daphne folgt Irm Hermann

– Queen Daphne ist von Beruf Was-mit-Medien sowie Seismographin und wohnt in Berlin-Neukölln. Die Aufzeichnung ihrer Wege und (im Winter nicht geräumten) Umwege ist für uns ein selbstverständlicher Akt der modernen Aufklärung …

Eines Tages folgte Queen Daphne einem Hinterkopf, der mutmaßlich einer berühmten Schauspielerin gehörte, in Richtung Kaufhaus des Westens. Das war so gekommen, weil Daphne beim Mittagessen, als sie mit der Zunge nach einem Spinatrest zwischen ihren Zähnen suchend kurz von ihrem vegetarischen Teller und ihrer Joni-Mitchell-Biographie aufgeschaut und den Blick über die anderen Gäste des Speiselokals, in dem sie sich befand, schweifen gelassen hatte. Dabei war ihr eine Frau aufgefallen, die sich gerade mit einem leichten Schaukeln ihres Tabletts zwischen den eng aneinanderstehenden Tischen von ihrem Platz in Richtung der Tablettrückgabestelle lavierte, dabei fast über einen kleinen Hund zu ihren Füßen fiel, über diesen Umstand in ein kleines Gespräch mit den Besitzern des Hundes einstieg, wobei aber schon nach ein paar Worten alles gesagt schien, sodass die Frau, die schon zur Generation 50+ gerechnet werden musste, sich schon bald weiterbewegte, und zwar ins Lokal hinein.

„Das war doch Irm Hermann“, dachte Daphne, und war still begeistert, aber nicht ganz sicher, ob sie sich nicht getäuscht hatte. „Ich werde einfach hier warten, bis sie wieder herauskommt, und dann werde ich einen zweiten prüfenden Blick wagen“, dachte sie und nahm noch einen Bissen von ihrer gefüllten Kartoffel, während am Nebentisch eine sich vornehm wähnende Frau eine Wespe erst mit ihrem Weißwein besoffen machte und dann voller Ekel mit ihrem Taschentuch zerdrückte, wonach sie das Tierleichentuch nachlässig in einen Aschenbecher warf. So etwas würde Irm Hermann niemals tun, dachte Daphne, und damit war auch schon alles gesagt bzw. gedacht, was man über den Unterschied zwischen eleganten und ordinären Damen wissen musste. Man konnte von Wespen halten was man wollte, aber in einem billigen Taschentuch in einem gebrauchten Aschenbecher zerdrückt zu werden und sich nicht wehren können, weil man vor Schwefelstoffen aus pfälzischem Anbau schon nicht mehr weiß, wo oben und unten ist – Queen Daphne konnte sich kein Wesen ausmalen, dem das angemessen wäre.

Die Für-Irm-Hermann-Gehaltene aber ließ sich offensichtlich Zeit bei der Rückgabe ihres Geschirrs, entweder war es ihr kurz vor dem Ziel doch noch aus der Hand geglitten und sie kümmerte sich im Innenraum um die Aufräumarbeiten, viel wahrscheinlicher aber war sie noch einmal auf das Örtchen gegangen, um sich ein wenig frisch zu machen für den restlichen Nachmittag. Hoffentlich war ihr auf dem Weg dorthin nicht eine dieser Versicherungsschraatzen ins Gesichtsfeld getreten, die in diesem Restaurant leider ebenfalls häufig ihre Mittagspause verbrachten. Aber eine Dame wie Irm Hermann konnte sicher auch über die ästhetischen Minderwertigkeiten und das präkoitale Gekreische solcher Bankschraatzen (ja, auch die gab es hier!) hinwegsehen. Wenn sie’s denn war!

Aber da war sie ja wieder! Dieses Mal konnte Daphne die vermeintliche Fassbinder-Schauspielerin von der anderen Seite sehen, also im Profil. Hatte die wirklich so dunkelorangenes Haar? War das nicht eigentlich die für Ex-Halbleiterfachverkäuferinnen aus osteuropäischen Ländern reservierte Haarfarbe? Würde eine Irm Hermann, die in Filmen wie „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“ die stumme Dienerin, die vor ungestandener Liebe schmallippig und brünett Gewordene gespielt hatte, sich für eine solch brüllende Farbe entschieden haben? Oder war vielleicht etwas am Färbevorgang schiefgegangen? Aber nein: schon beim diesjährigen Donaufestival im österreichischen Krems hatte sie ja mit dieser Haarfarbe zusammen mit der Band Die Goldenen Zitronen den Song „ICE Bertolt Brecht“ intoniert, wie Daphne im Internet gesehen hatte. Es bestand doch fast kein Zweifel mehr – dies hier war Irm Hermann, und der musste man folgen!

Daphne pfiff also auf den Rest ihrer gefüllten Kartoffel und auch auf die Höflichkeit, ihr Tablett zurückzubringen, und ging der schnell den Wittenbergplatz überquerenden Nun-schon-fast-sicher-Schauspielerlegende-Seienden hinterher. An der Ampel stand sie direkt hinter ihr, der orangene Haarschopf leuchtete in der Spätherbstsonne eines ruhigen Nachmittags, die mutmaßliche Supermimin trug keine Einkaufstüten bei sich, sondern lediglich eine geschmackvolle Handtasche, die sie auch nicht, wie es eine weniger im Jetset geübte Person getan hätte, um den Nacken geschlungen trug, sondern lediglich über eine Schulter drapiert hatte. Daphne konnte sehen, wie ein Teil des Deckhaars sich frohlockend um die Schnalle wand, ohne schmerzhaft in ihr verwickelt zu werden, wie das bei Schauspielerinnen minderer Größe vielleicht der Fall gewesen wäre. Alles an dieser Frau schrie nach Bewunderung, und dennoch gingen, als die Ampel nun auf Grün sprang, die Menschen, vom KaDeWe her kommend, achtlos an ihr vorüber, manche schlugen ihr sogar, ob absichtlich war nicht zu erkennen, mit ihren dummen blauen Tüten gegen das rot bewandete Schienbein. Gott sei Dank hatten sie nur Socken gekauft, diese phantasielosen Konsumhuren, und (noch) nicht das neue iPad, das sie sich schon lange wünschten – das behielten sie sich fürs Wochenende vor, wo es hier auf dem Tauentzien noch enger und unerträglicher werden würde und man die neue Elektronik schon durch leichtes Schlenkern effektvoll in fremde Knie rammen konnte. Daphne war froh, die lächelnde Irm Hermann – denn sie war es nun, geworden Kraft der Überredungskunst ihrer Präsenz – in Richtung Bushaltestelle entlassen zu können, wo sie aber nicht in den M29 Richtung Hermannplatz einstieg – was wollte sie auch in Neukölln! -, sondern weiter den Tauentzien entlang, unbehelligt von anderen Menschen. Sicher wohnte sie im schwulen Schöneberg. Daphne unterdrückte ein leises Winken.