Posted On 2. Dezember 2016 By In Musikmag With 1843 Views

Peter Doherty: Hamburg Demonstrations

doherty_hamburg-demonstrationsVerdammt gut

Unterschiedlicher hätten die bisherigen Reaktionen auf „Hamburg Demonstrations“ kaum ausfallen können. Während die einen in den elf neuen Songs von Peter Doherty eine herbe Enttäuschung erkennen, feiern die anderen sie als Offenbarung und wundersame Weiterentwicklung seines Songwriter-Talents. Überraschend daran ist eigentlich nur, dass gerade diese Veröffentlichung für so viel Gesprächsstoff sorgt. Denn im Grunde genommen ist sein zweites Solo-Album vor allem eines: typisch.

Außergewöhnlich ist vor allem der Entstehungsort. Doherty schrieb die Songs während seiner Zeit in Hamburg, als er abwechselnd in einer Wohnung am Stadtrand und in einem Wohnmobil in St. Pauli schlief. Aufgenommen wurden die Songs im Clouds Hill Studio – mit großer Hilfe des Produzenten Johann Scheerer, der nicht nur bei den Arrangements half, sondern vor allem auch Lebensberater und Ratgeber für den damals besonders angeschlagenen Sänger war. Zwischen Drogensucht und Trauer, Lebenskrise und Schaffensdrang entstanden Songs, denen man die Zerrissenheit mitunter anhört, diesen Kampf zwischen Exzess und Sehnsucht. Das mindert jedoch keineswegs die Begeisterung für das Ergebnis.

Schon der Opener „Kolly Kibber“ zeigt die ganze Klasse des Libertine. Eine herrlich-naive gezupfte Gitarrenfigur, fragiler Gesang, Stakkato-Piano und ein Refrain, den man mit ausgebreiteten Armen mitsingen möchte. Zu den weiteren Highlights gehören das beschwingte „Birdcage“ und die Vorab-Single „I Don´t Love Anyone (But You‘re Just Not Anyone)“, die in einer Band- und einer Streicherquartett-Version vorliegt.

Herzstück des Albums ist die Neuaufnahme des Amy-Winehouse-Tributs „Flags From The Old Regime“, in dem Dohertys Verlustschmerz – auch durch den Verzicht der in der Ursprungsversion so dominant eingesetzten Streicher – hier besser eingefangen ist. Stark ist auch „The Whole World Is Our Playground“, das sich bei Elliott Smith und Tom Waits bedient. Insgesamt ist „Hamburg Demonstrations“ ein Album der leiseren Töne geworden. Doherty ist hier ein Suchender und Fragender. Persönlicher hat er nie geschrieben.

Doherty hat sich in Hamburg seinen Dämonen gestellt. In der Hansestadt fand er das Umfeld und die Kraft, sich von den Verlusten zu erholen, die Libertines wieder zu alter Stärke zu führen und schließlich auch, um seine eigenen Songwriterqualitäten zu verfeinern. „Hamburg Demonstrations“ ist weder Fehlschlag noch Offenbarung. Es ist ein verdammt gutes Doherty-Album.

Sebastian Meissner

Peter Doherty. Hamburg Demonstrations. BMG.