Geschrieben am 11. November 2010 von für Musikmag

Of Montreal live: Berlin, Admiralspalast, 10.10.2010

Of Montreal: False PriestIrre gut

Man hatte ja die schlimmsten Befürchtungen: Wenn eine der queersten, angesagtesten und dennoch sträflich unbekanntesten Artbands sich endlich einmal wieder in Berlin sehen lässt, dann, so dachte man, wird das eine unerträgliche Masse von Hipstern zur Folge haben, sowie ein völlig überfülltes Studio im Admiralspalast. Weder das eine noch das andere wurde wahr, wundert sich Tina Manske.

Eine (leider) sehr übersichtliche Menge von (erfreulicherweise) sehr durchschnittlichen Zuschauern fand sich vor der Bühne. Und ab dem Zeitpunkt, da mit „Coquet Coquette“, einem der besten Songs des neuen Albums „False Priest“ das Set von Of Montreal beginnt, ab diesem Zeitpunkt beginnt auch die Party und wird ziemlich exakte 90 Minuten nicht mehr aufhören. Pünktlichkeit ist ein heißes Eisen an diesem Herbstsonntag in der Hauptstadt. An der Kasse gibt es einen Zeitplan, und alle Beteiligten werden sich daran halten, +/- 5 Minuten. Die Vorband Hush Hush, die eine One-Man-Show des Berliners Christopher Kline ist, macht da keine Ausnahme. Der funkige Mix aus Sounds aus der Retorte und Klines energiereichem Gesang klingt gut, wirkt aber live auf die Dauer etwas langweilig, auch wenn sich Kline insbesondere körperlich mächtig ins Zeug legt und auf der Bühne herumhopst als gäbe es kein Morgen.

Und dann also Of Montreal. Wie kann es sein, dass selbst ein kleiner Saal wie das Studio im Admiralspalast gerade mal zur Hälfte gefüllt ist, wenn diese Band auftritt? Im Grunde müssten mindestens alle Bowie-Fans hier Schlange stehen, denn was Sänger Kevin Barnes nicht nur visuell, sondern auch stimmlich bietet, erinnert in seiner Exaltiertheit sehr an große Spacerock-Zeiten. Dazu kommt die herrlich versponnene Bühnenshow mit verrückten Kostümen, die unter anderem von Barnes‘ Mutter genäht werden – mehr credibility geht ja wohl nicht! Wo gibt es das überhaupt noch, dass eine Band überhaupt versucht, auf der Bühne mehr zu bieten als das übliche „and the next song is called…“? Hier wird noch richtig geklotzt: Zu „Enemy Gene“ zum Beispiel führt Kevin Barnes die vielleicht naivste Wiedervereinigung zweier männlicher Streithähne auf – der schlussendliche Kuss der beiden, die sich eben noch die Köpfe einschlagen wollten, wird vom Publikum mit spontanem Sympathieapplaus bedacht.

„False Priest“ ist tatsächlich das bisher zugänglichste Album der Band aus Athens, Georgia. Das mag zum Teil am Co-Produzenten Jon Brion liegen, der, so gehen die Gerüchte, das Genie Kevin Barnes dazu verleiten konnte, etwa die Hälfte bis zwei Drittel seiner ewig sprudelnden Ideen nicht sofort zu verwursten, sondern die Songs auf Kurs zu halten. Das macht sie nicht weniger interessant, nur noch hitverdächtiger. Auf der Tour präsentieren Of Montreal aber auch viel älteres Material, und sie präsentieren es auf zum Teil radikal andere Art und Weise, zum Beispiel mit einer Version von „She’s A Rejector“, die man erst nach einigen Momenten erkennt. So werden die 90 Minuten für die Fans nicht lang, die Songs werden teilweise inbrünstig mitgesungen. Und wer noch nicht sicher war, ob Of Montreal im Moment eine der besten Live-Bands der Welt sind, der konnte spätestens nach der das Konzert beendenden furiosen Version von „The Past Is A Grotesque Animal“ keinen Zweifel mehr hegen – eine Version, die eine Viertelstunde und halluzinierte gesprungene Gitarrensaiten in Anspruch nahm. Irre gut.

Tina Manske

aktuelles Album: False Priest. Polyvinyl Records (Vertrieb: Cargo)

Video: Of Montreal, „The Past Is A Grotesque Animal“ live

www.ofmontreal.net/