Geschrieben am 26. September 2012 von für Musikmag

Mumford & Sons: Babel

Die Kultivierung des Leidens

Mumford & Sons neues Album „Babel“ führt die musikalische Philosophie des supererfolgreichen Debüts nahtlos fort. Nicht viel Neues also, findet Janine Andert und macht sich ein paar grundsätzliche Gedanken…

Schopenhauer schrieb in „Die Welt als Wille und Vorstellung“: „wie wesentlich alles Leben Leiden ist.“ Er führte aus: „Denn alles Streben entspringt aus Mangel, aus Unzufriedenheit mit seinem Zustande, ist also Leiden, solange es nicht befriedigt ist; keine Befriedigung aber ist dauernd, vielmehr ist sie stets nur der Anfangspunkt eines neuen Strebens. Das Streben sehen wir überall vielfach gehemmt, überall kämpfend; solange also immer als Leiden: kein letztes Ziel des Strebens, also kein Maaß und Ziel des Leidens.“

Wir stellen uns den guten Arthur als griesgrämigen Einsiedler vor, der relativ wenig Spaß am Dasein hatte. Allerdings hätte uns bereits die Popkultur in ihrer Vielfältigkeit Hinweis genug sein können, dass Leiden eine tolle Sache ist; vor allem wenn es gemeinschaftlich wahrgenommen wird. Wer heutzutage nicht wenigstens ein bisschen an seiner Umwelt zerbricht, macht etwas falsch oder muss in den 90ern auf Extasy hängen geblieben sein. Nieder mit dem Hedonismus! Es lebe das Gefühl! Am besten so subjektiv wie möglich. Das Thema Liebe ist dann auch nicht weit. Die drei großen Ls: Leben, Leiden, Liebe. Und damit wären wir bei Mumford & Sons.

Das Londoner Quartett schaffte mit seinem Debüt „Sigh No More“ Unglaubliches: acht Millionen verkaufte Alben. Folkies, die in nackten Zahlen Madonna übertrumpfen und mit Lady Gaga mithalten können. 2011 folgten Grammy-Nominierungen in den Kategorien „Record Of The Year“ und „Song Of The Year“. Kein Ort, an dem Musik gespielt wurde, war sicher vor ihrem “Little Lion Man”. Ein Song, der das Publikum zu Beziehungsunfähigkeit abtanzen lässt. An anderer Stelle grölte und schmachtete man zu den Worten „And I will die alone“, um sich dabei euphorisch mit Selbstmitleid zu bekleckern. Selbstverständlich nie allein, sondern glückselig in Gruppenharmonie.

Mumford & Sons – ein unerwartetes Massenphänomen, das den Geist der Zeit getroffen hat. „Denn überall drückt die Musik nur die Quintessenz des Lebens und seiner Vorgänge aus,“ schrieb Schopenhauer – über Musik, nicht über Mumford & Sons. Einen Satz weiter postuliert Schopenhauer gar, dass die Musik das Allheilmittel all unserer Leiden sei. Und das ist vielleicht eines der Geheimnisse von Mumford & Sons – sie feiern das Leiden mit solch Funken sprühendem Esprit, dass einfach kein Pessimismus aufkommen will. Auf Platte mitreißend, live mindblowing. Auf der Bühne endet die im Folk verwurzelte Musik in ekstatischer Dynamik, die nichts mehr mit rührseliger Singer-Songwriter Introspektive gemein hat.

Mumford & Sons, die sich selbst als Gentlemen of the Road bezeichnen, stilisieren sich seit jeher als typische romantische Helden – irgendwie Outdog, immer auf der Reise. Sie waren und sind das Aushängeschild einer kleinen Londoner Szene, die auch Laura Marling und Noah & The Whale hervorbrachte. Während Marling und Noah & the Whale mittlerweile in Erwachsenenmusik machen, die irgendwo zwischen arty und furchtbar anstrengend anzusiedeln ist, setzen Marcus Mumford und seine Mannen weiterhin auf ihr Erfolgsrezept des popigen Folk. Stetig erobern sie neue Fans und wirken dafür erstaunlich auf dem Teppich geblieben.

„Sigh No More“ lief rauf und runter, erreichte aber irgendwann den Punkt, an dem Banjo, stampfende Hymne und der Wechsel zwischen Manie und Depression aus den Ohren quoll. Das neue Album „Babel“ führt das Debüt nahtlos fort. Dabei finden Arrangement und Struktur jedes einzelnen Songs ihr Pandon auf dem Erstling. Nein, „Sigh No More“ liegt noch nicht lange genug zurück, um diese Melodien schon wieder hören zu wollen – so großartig sie auch sein mögen. Oder, um in den Worten Schopenhauers zu schließen: „[D]as Wesen des Menschen […] besteht [darin], daß sein Wille strebt, befriedigt wird und von Neuem strebt, und so immerfort […] das Ausbleiben der Befriedigung Leiden, das des neuen Wunsches leeres Sehnen, [kurz] languor, Langeweile ist“. „Babel“ dreht sich im Kreis und erzeugt ungewollt Langeweile.

Janine Andert

Mumford & Sons: Babel. Cooperative Music / Universal. VÖ: 21.09.2012. Zu den beiden Homepages und zur Facebookseite.

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