Geschrieben am 5. Februar 2014 von für Musikmag

Mohr Music: Sampler

mohrmusic_logoEndlich wieder Mohr Music! In dieser Woche hat sich Frau Mohr ihren Weg durchs Samplerdickicht geschlagen – von Punk bis Doo-Wop.

Punk:

Soul Jazz Records huldigt dem Punk auf opulente Weise: Soul-Jazz-Gründer Stuart Baker und Autor Jon Savage (“Teenage”, “England´s Dreaming”) stellten das 400 Seiten starke Buch “PUNK 45. The Singles Cover Art of Punk 1976 – 80” zusammen, das das Coverartwork von Punk-Singles präsentiert – und verdeutlichen, dass die Single das angemessene Punk-Medium war, nicht das lange, nicht selten mit Füllstoff aufgeblasene LP-Format.

punk 45 vol iDie ja sowieso eher antimaterialistisch eingestellten Punks der Frühphase (ab ca. 1973, nach Savages Zeitrechnung) hatten knappe, kurze Botschaften, die wie Pfeile treffen sollten anstatt wie Progrock-Opern endlos vor sich hinzuwabern: “Your Full of Shit” (x-x, 1979), “Kill the Hippies” (The Deadbeats, 1978), “Action” (The Knots, 1980) sind nur einige der von Savage und Baker zusammengestellten Songs, die einem auf dem buchergänzenden Sampler “PUNK 45 Kill the Hippies! Kill Yourself!” um die Ohren fliegen.

Volume 1 der Compilation (entweder CD im Schuber incl. Booklet oder limitiertes180-Gramm-Vinyl im Klappcover) widmet sich US-amerikanischen Punkbands der mittleren 1970er Jahre – aber nicht den sattsam bekannten New-York-City-Bands wie den Ramones, Blondie, Television, etc.pp. Es wäre nicht Jon Savage, wenn er nicht anhand seiner Auswahl etwas zeigen wollte: nämlich dass es die oben genannten NYC-Punks dank früher Label-Signings relativ leicht hatten, weltweit bekannt zu werden (siehe/höre: “Let´s Ged Rid of New York”, The Randoms).

punk 45 vol iiPunk fand aber auch (und vor allem, folgt man Savages wie üblich messerscharfer Argumentation in CD-Booklet und Buch) in Cleveland, Los Angeles, New Orleans und Austin/Texas statt; dort, wo nur wenige stilbewusste Plattenfirmenchefs saßen und es keine arty Punkszene gab, außer der, die man gerade selbst erschuf. Labels wurden in der Garage aufgezogen und existierten manchmal nur für eine einzige Single; andere wie Dangerhouse Records aus LA wirkten mit Acts wie The Avengers und The Dils stil- und genrebildend. Die 21 Songs überzeugen auch fast vierzig Jahre nach ihrer Entstehung durch Rasanz, Brisanz und in-your-face-Attitüde – man darf auf Teil II von “PUNK 45” mehr als gespannt sein; auf “There Is No Such Thing As Society” werden Underground-Bands aus dem United Kingdom vorgestellt.

[vsw id=“wR6w6_x9CXA‎“ source=“youtube“ width=“550″ height=“350″ autoplay=“no“]

dance maniaTechno:

And Now For Something Completely Different: Die Labels Soul Jazz und Strut können sich die Pokale für die besten Compilations abwechselnd hin- und herschieben.

Bei Strut erscheint im Februar der 2-CD-Sampler “Hardcore Traxx”, der die prägendsten und produktivsten Jahre des Chicagoer Ghetto-House-Labels Dance Mania abdecken will – Dance-Mania-Macher Ray Barney und Jesse Saunders waren echte Maniacs und veröffentlichten unüberblickbar viele Platten, weshalb Sascha Kösch in De:Bug eine komplette Werkschau fordert anstatt einer 24-Track-Compilation, die zwangsläufig nicht alle Strömungen des harten, roughen Chicago-Tech-House vereinen kann.

Aber vielleicht sind das Spezialisten-Probleme, denn als wohlwollend Interessierte ist man mit “Hardcore Traxx” echt gut bedient: Genre-Klassiker wie “7 Ways” von Hercules, “Da Bomb” von DJ Deeon oder “House Nation” von The House Master Boyz And The Rude Boy Of House (full name), das auch eingefleischte Techno-HasserInnen kennen, treffen auf rare Tracks wie “Jammin‘ The House Gerald” von Black Women im Club-Mix oder Tim Harpers “Toxic Waste”, ebenfalls geclubmixt.

Hier peitscht aus jedem Beat der hysterische Spirit der Neunziger, die Haltung ist total DIY und antikommerziell – pure Clubtracks für Ghetto-Nights. Das Booklet zu CD/LP-Boxset erzählt die Labelstory und wartet mit coolen Fotos und Interviews mit u.a. DJ Chrissy Murderbot auf.

[vsw id=“FunV01jokA0‎“ source=“youtube“ width=“550″ height=“350″ autoplay=“no“]

elasteKuriosa:

Ob sich die Chicago-House-Posse auch aus der “italienischen Cosmic Discotheque” bedient hat, werden berufene Digger gewiss herausfinden – Leute wie du und ich können jedenfalls über die Auswahl von “Meta-Disco and Proto-House”-Tracks nur staunen, die Munich-Disco-DJ Dompteur Mooner auf zwei CDs bzw. LPs zusammengestellt hat.

Mooner kompiliert die “Elaste”-Reihe für Compost in vierter Fortsetzung, sein Ziel ist es, zu zeigen, wie futuristisch/avantgardistisch/wagemutig/experimentierfreudig/visionär nicht nur italienische Elektro-Producer in den späten 1970er- bis mittleren 80er-Jahren zugange waren – und sehr häufig erfolglos waren. Ein Sakrileg für Dompteur Mooner, der auf “Elaste Volume 4” Tracks präsentiert, die auf schmalen Graten wandern/tanzen. Mooner bezeichnet die Tracks als “Vintage Futurism” – also wie man sich vor 35 Jahren die musikalische Zukunft vorstellte.

Begriffe wie House und Acid waren noch ziemlich unbekannt, aber nichts anderes als deepste House-Sounds kombiniert mit Worldmusic hört man auf “Shake the Mind” (1986) von der Nottinghamer Post-Punk-Band C Cat Trance; Charanjit Singh arbeitet mit Ragas, Gino Soccio bietet mit “Remember” feinste und verkannteste Italo-Disco, die New Yorkerin Barbara Norris wird mit “Heavy Hitter” (im Dompteur Mooner-Edit! Original von 1981) explizit und dubby. Viele der Tracks wurden gesamplet, die Urheber blieben jedoch meist unbekannt. Dank Dompteur Mooner kann man nun Archivforschung betreiben: Der Sampler ist eine spacig-psychedelische Party mit zuweilen erstaunlich progressiven Ansätzen – mit Tanzgarantie.

[vsw id=“hS3nuQuVkIE“ source=“youtube“ width=“550″ height=“350″ autoplay=“no“]

starryeyedDoo-Wop-Doo-Wop:

Ach, ach, die Liebe: seit Menschengedenken DIE Triebfeder (sic!) für SchriftstellerInnen, MusikerInnen und TexterInnen – mal verschämt und keusch, mal direkt zur Sache gehend.

Besonders in der Blütezeit des Rock’n’Roll von 1955 bis in die frühen 1960er-Jahre schossen singende Teenage-Romeos und -Julias nur so aus dem Boden: der Musikhistoriker und Producer Stuart Colman hat das Doppelalbum “Starry-Eyed Serenaders” kompiliert, das keine Fragen offen und kein Auge trocken lässt: 49 Doo Wop-Songs, romantische Rhythm&Blues-Stücke und hemmunglos leidenschaftliche oder auch rührend harmlose Pop-Rock-Mini-Epen von bekannten Vokalgruppen wie The Crests, The Clovers oder The Harptones wetteifern mit weniger populären Combos wie The Electras oder The Lavenders um die Herzen der HörerInnen – oder wenigstens einen einzigen, schmachtenden Blick. Das Doppelalbum mit Evergreens “A Second Helping Of the Cherry Pie”, “Oh My Love”, “Be My Boy”, “Lovers Never Say Goodbye” oder “My Steady Girl” erscheint passend zum Valentinstag am 14.2.2014.

[vsw id=“dWlKmoqf6ew“ source=“youtube“ width=“550″ height=“350″ autoplay=“no“]

Christina Mohr

PUNK 45: Kill the Hippies! Kill Yourself! The American Nation Destroys Its Young. Underground Punk in the United States of America, 1973 – 1980 Vol. 1 (Soul Jazz Records).
Hardcore Traxx: Dance Mania Records 1986 – 1997 (Strut/Alive).
Elaste Volume 4: Meta-Disco and Proto-House. Originals Ahead of their Time. Compiled by Dompteur Mooner (Compost).
Starry-Eyed Serenaders: Dreamy Doo Wop, Romantic R&B, Passionate Pop (Fantastic Voyage).