Geschrieben am 23. Oktober 2013 von für Musikmag

Marley – Legend, remixed and recorded

MarleyStoryteller

– In der Doku „Marley“ erzählen Freunde und Weggefährten das Leben eines großen Künstlers. Von Thomas Backs.

Ein Film über Bob Marley muss eine große Herausforderung sein, besonders in der Medienwelt der totalen Erinnerung, die wir mittlerweile erreicht haben. Ziggy Marley und seine Gefährten hatten den Ehrgeiz, sie wollten seinem Vater das filmische Denkmal bereiten, das er verdient. „Es wurden schon viele Dinge über ihn gemacht – aber nicht mit den Menschen, die ihn wirklich gut kannten und die Geschichten so gut erzählen konnten, wie die Leute in diesem Film“, so Marley junior. Umgesetzt wurde die Mission von Regisseur Kevin Macdonald. 140 Minuten lang ist „Marley“ geworden, zusammen mit „Beats, Rhymes & Life“ über A Tribe Called Quest (2012) und „The Future Is Unwritten“ über Joe Strummer (2007) ganz gewiss einer der besten Musikfilme der letzten Jahre. Der musikalische Bonus dieser Tage: Ziggy & Stephen Marley, Jason Bentley & Freunde veröffentlichen eine Remix-Version des Best of-Albums „Legend“ aus dem Jahr 1984.

Nach gut 43 Minuten Laufzeit ist er definitiv da. Der Moment, an dem der Betrachter merkt, dass Ziggy Marley, Chris Blackwell & Co. mit ihrer Collage aus Interviews, Archiv-Bildern und Live-Aufnahmen einen Volltreffer gelandet haben. Niemand anderes als Bunny Wailer (eigentlich: Neville O’Reilly Livingston) steht da breit lächelnd auf einer kleinen Terrasse und erklärt uns Nachgeborenen den Reggae und seine Entstehung. Entspannt wippend, den imaginären Rhythmus im Ohr.

Der Takt geht ‚Bamm, Bamm, Bamm‘.
Der Reggae gibt drei Taktschläge vor, den vierten muss man sich denken.
Man muss ihn fühlen. Darum geht`s beim Reggae – ums Fühlen.

Das sagt Bunny Wailer, das einzige noch lebende Mitglied der drei Original-Wailers – neben ihm und Bob Marley war Peter Tosh der Dritte im Bunde – und grinst dabei über das ganze Gesicht. Dabei hatte sich ausgerechnet dieser Bunny Wailer lange Zeit geweigert, an der Film-Biographie mitzuwirken. Gut, dass Ziggy Marley seine ganzen Überredungskünste eingesetzt hat – ohne eben diesen Herrn Livingston würden dieser Doku einige Momente fehlen, für die Reggae-Freunde den Film jetzt und in Zukunft lieben werden.

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Chronologisch erzählt Kevin Macdonald die Geschichte von Robert Nesta Marley, mit dem Startpunkt Ghana wird dabei zu Beginn der frühe Exodus der Afrikaner in den Fokus gerückt. Der Schwenk geht nach Nine Miles, einem kleinen Dorf in Saint Ann, Jamaika. Dort wurde Robert Nesta Marley geboren – der Vater weiß, die Mutter schwarz. Marleys Mutter kommt in Archivbildern zu Wort, sie verstarb zwei Jahre vor den Dreharbeiten. Die Spurensuche nach dem Vater, sie ist im Film ein interessantes Zwischenspiel. Bis heute weiß die Welt sehr wenig über diesen Mann, der viele Kinder, aber keine weiteren persönlichen Spuren hinterlassen hat.

Grundlage: Ska, Mento, Calypso & Kumina

Die Entstehung des Reggae aus dem Ska ist ein zentrales Element dieser Doku. Bob Marleys Umzug nach Kingston und seine Jugend im Stadtteil Trench Town, der Geburtsstätte des Reggae, sie fallen zeitlich genau in diese Jahre. Der Ska, er war vorher schon da, jamaikanische Silrichtungen wie Mento, Calypso und Kumina ebenfalls. In der Zeit der Unabhängigkeitsbewegung Anfang der 1960er-Jahre ist daraus in der Mischung mit US-amerikanischer Musik der Reggae entstanden, lernen wir von Ikonen wie Lee „Scratch“ Perry und Jimmy Cliff – beide selbst wichtige Einflüsse für Bob Marley.

„Simmer Down“ (1964) ist so eine Uralt-Single der Wailers, die im Film erklingt. Genau wie die Wailers-Version des „Teenager In Love“ von Dion And The Belmonts (Original: 1959). Radio-Hits wie dieser wurden auf Jamaika in jenen Tagen zuhauf gecovert und auf Vinyl gepresst.

Rastafari, die Befreiungsreligion, und der von Marley verehrte Haile Selassie, sie dürfen in dieser Film-Biographie nicht fehlen, waren ein großer, maßgeblicher Einfluss für die Haltung und Lebenseinstellung Bob Marleys.

Faszinierend sind die Originalbilder aus den 1960er-Jahren – Haile Selassies Besuch auf Jamaika und die daraus resultierende Euphorie der Massen halten uns Nachgeborenen Bilder vor Augen, die es sonst kaum noch zu sehen gibt.

Fremde Welten, aus der Perspektive der Gegenwart. Wie auch die Bilder von Bob Marleys Konzert zur Machtübernahme von Robert Mugabe in Simbabwe. Es waren die Unabhängigkeit und das Ende des Kolonialismus, die 1980 gefeiert wurden. Aus dem Rückspiegel betrachtet leider auch eine Ironie des Schicksals und ziemlich bitter, dass ein überzeugter Pazifist wie Bob Marley an der Finanzierung eines Massenspektakels mit dem damaligen Hoffungsträger Robert Mugabe beteiligt war. Das Konzert endete im Chaos, der neue Herrscher brachte dem Land neues Elend.

Es sind diese Bilder und Geschichten, die Einordnung in den historischen Kontext, die „Marley“ ganz besonders wertvoll machen. „Exodus“, „One Love/People Get Ready“, „Jamming“, das sind Lieder, die noch heute (fast) jedes Kind kennt. Alben wie „Kaya“, „Babylon By Bus“ etc. sind allesamt Meilensteine der Musikgeschichte. Macdonalds Doku bietet nun erstmals die Möglichkeit, ihre Entstehung kommentiert durch Marleys Weggefährten zu verfolgen.

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Genannt werden können die Interviewten hier nicht allesamt. Chris Blackwell (Produzent und Gründer von Island Records), Rita Marley, Lee „Scratch“ Perry, Jimmy Cliff, Bunny Wailer, der mit Marley eng befreundete Fußballer Alan „Skill“ Cole, viele Freunde, Verwandte und Mitmusiker kommen zu Wort.

Original-Interviews mit Robert Nesta Marley – davon geben die Film-Archive gar nicht viele her, der große Künstler war abseits der Bühne kein Mann der großen Worte. Kevin Macdonald findet trotzdem einen guten Weg, um Marleys eigene Gespräche immer wieder besonders in den Mittelpunkt zu rücken, mit eingeblendeten Textpassagen.

Bob Marley im Schnee, diese Bilder gibt es zum Ende des Films dann auch noch zu sehen. Traurige Aufnahmen, allerdings, denn der Weltstar verbrachte seine letzten Monate in einer deutschen Spezialklinik im oberbayerischen Rottach-Egern.

Spaßig: Des Sammlers fromme Wünsche

Zum Abschluss sei hier noch eine Episode aus der besonders spannenden, von Macdonald und Ziggy Marley kommentierten Fassung des Films eingeschoben. 50.000 US-Dollar ist eine Summe, die ein Plattensammler laut Kevin Macdonald während der Dreharbeiten vom Regisseur gefordert hatte. Für eine Sammlung feinsten Original-Vinyls aus den 1970er-Jahren, ließe sich da vermuten.

Weit gefehlt: Diesen Betrag hätte Macdonald zahlen müssen, um den verschollenen Marley-Song „Terror“ in den Soundtrack aufzunehmen. Der namentlich nicht genannte Sammler ist nämlich Besitzer der einzigen erhaltenen 7-Inch mit diesem Track. Ob und wann die Nachwelt ihn zu hören bekommt, das bleibt ungeklärt. Kevin Macdonald und Ziggy Marley lehnten das Angebot jedenfalls dankend ab.

marley_legend_remixedNachschub: Legend Remixed

Das musikalische Erbe seines Vaters verwaltet Ziggy Marley nicht nur in Sachen Film. Gemeinsam mit dem jüngeren Bruder Stephen Marley und Jason Bentley brachte der bekannteste Marley-Sohn im Juni 2013 auch ein Remix-Projekt des megaerfolgreichen Best-of-Albums „Legend“ (1984) an den Start. Motto: ‚Old School meets New School‘ – Klassiker wie „Get Up Stand Up“, „I Shot The Sheriff“ oder „One Love/People Get Ready“ erklingen hier in der Bearbeitung von Cracks wie Lee „Scratch“ Perry (!), Photek, Thievery Corporation oder Roni Size in neuen Versionen, angereichert mit Elektro- und Hip Hop-Elementen.

Reggae-Liebhaber können den Werken des großen Meisters hier auch mal in Dubstep- oder Downbeat-Versionen lauschen. Zwar war die Remix-Fraktion dabei ganz behutsam unterwegs, manch ein Purist wird mit dem Ergebnis vielleicht dennoch seine Probleme haben.

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Fazit: „Marley“ und „Legend Remixed“ – das ist ein wirklich feiner Doppelpack, er bietet nun auch die Möglichkeit zur Geschichtsforschung der besonderen Art. Die große Reggae-Familie dieser Welt wird es Ziggy Marley danken, sie wächst noch immer mit jedem Tag.

Thomas Backs

Marley. Regie: Kevin Macdonald. Dauer: 139 Minuten. Sprache: Englisch. Untertitel: Deutsch. Studiocanal, 2012.
Bob Marley: Legend Remixed. Island Records (Universal), 2013. Zur offiziellen Website für Bob Marley.

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