Geschrieben am 12. Oktober 2011 von für Musikmag

M83: Hurry Up, We’re Dreaming

Manche gründen Supergroups, andere wiederum konzipieren gefühlte Superalben, in die sie die Quintessenz ihres bisherigen Erdenlebens hineinpacken. So etwa M83 mit seiner neuen Doppel-CD, die Tina Manske ziemlich beeindruckt hat.

M83: Hurry Up, We're DreamingReflexion der bisherigen Jahre

Es gibt Filme, die benutzen ganz offensichtliche Überwältigungsstrategien, und trotzdem kann man nicht umhin, sie Meisterwerke zu nennen – Lars von Triers „Melancholia“ wäre ein aktuelles Beispiel. Ähnliches passiert manchmal auch in der Musik, zum Beispiel wenn Anthony Gonzalez aka M83 auf den Plan tritt. Seien wir ehrlich: Besser als im vorab über das Internet zugänglich gemachten „Midnight City“ kann man einen Vocal-Dance-Track nicht machen. Auf struktureller Ebene ein ganz konventioneller Track, doch alles Gute ist darin enthalten – die euphorisierenden elektronisch verfremdeten Chants, der explodierende Refrain mit den unwiderstehlichen Synthiegewittern bis hin zum gerade wieder neu entdeckten Saxophon, das selbst in Clubtracks nicht mehr peinlich wirkt. Gonzalez hat genug Ideen für zwei – deswegen ist „Hurry Up, We’re Dreaming“ auch ein Doppelalbum geworden. Auch die Kollaborationen sind beeindruckend. Dass zum Beispiel die Dark-Drama-Queen Zola Jesus dem „Intro“ ihre unverkennbare Stimme leiht, ist dem Unternehmen ‚Superalbum‘ natürlich überhaupt nicht abträglich. Gonzalez selbst sagt über sein neues Album, es sei „sehr sehr sehr episch. Sehr orchestriert. […] Ich empfinde es als Reflexion meiner bisherigen 30 Jahre als menschliches Wesen“. Wenn das stimmt, dann ist dieses Leben bisher ein sehr abwechslungsreiches gewesen.

Dem Bombast nicht abgeneigt

Gonzalez dürfte sehr viel Filmmusik gehört haben, sehr viel Klassik (Wagner), und hat sicherlich auch als kleiner Junge in den 80ern schon hübsch die Lauscher aufgesperrt – der Waschzettel des Labels nennt sogar „Showgazing“ als Einfluss. Vielleicht ist das gar kein Druckfehler, sondern der zarte Hinweis auf die Bombastik dieser Musik, die man natürlich am besten beim Reinziehen von (amerikanischen Bühnen-)Shows lernt. Produzent Justin Meldal-Johnson hat Erfahrung u. a. bei Nine Ich Nails und The Mars Volta gesammelt, ist also auch einem gewissen Bombast nicht abgeneigt.

Bei weitem nicht alles auf der neuen Platte reicht an die Qualität des nun wirklich großartigen (haben wir’s schon erwähnt?) „Midnight City“ heran, aber im Großen und Ganzen ragt M83 weit über den Output des momentanen Künstlerbreis heraus – eben auch, weil er es tatsächlich wagt, ein Doppelalbum zu konzipieren. Natürlich kann man drüber streiten, ob es Füllsel wie „Train To Pluton“ wirklich gebraucht werden, aber mehr zu liefern als nötig erscheint uns immer noch legitimer als diese momentane Flut von lieblosen Frühgeburts-35-Minuten-Alben, die besser EPs geblieben wären.

Tina Manske

M83: Hurry Up, We’re Dreaming. 2 CD. Naive (Indigo). Hier finden Sie die Homepage. Das ganze Album im Stream gibt es hier.

Tags :