Posted On 2. Dezember 2016 By In Musikmag With 420 Views

Lyrhythmics – Die kleine Lyricskritik

let_them_eat_chaos_kate_tempest_album_cover_final_grandeKate Tempest: Europe Is Lost

Zu den Lyrics hier.

Auf ihrem Album „Let Them Eat Chaos“ lässt die Lyrikerin und Musikerin Kate Tempest den Hörer am Schicksal von sieben Menschen in der Metropole London teilhaben. In jeder dieser Geschichten ist es 4:18 Uhr, und die Protagonisten sind mitten in der Nacht schlaflos, aus den verschiedensten Gründen. Da ist der PR-Yuppie, dessen Karriere steil geht, der aber in jeder Sekunde den Druck spürt, seine völlig überteuerte Wohnung auch in Zukunft noch zahlen können zu müssen. Da ist die Frau, die an ihren verstorbenen Mann denkt, den sie plötzlich neben sich spürt, wie einen Geist.

Und da ist Esther. In „Europe Is Lost“ leiht Tempest ihre Stimmer der Krankenschwester, die um 4:18 die Schuhe von den Füßen streift nach einer Doppelschicht.

Mit Shakespearschem Furor rappt sich Tempest durch den Song. Ach ja, die Menschen sterben auf den Straßen, klar, haben wir gesehen, aber was soll’s, gleich ist Happy Hour in unserer Stammkneipe, also warum nicht die Birne zudröhnen, und dann haben wir „a night to remember that we’ll soon forget“.

Wir sind bei Kate Tempest in einem Universum, in dem sich ganz natürlich „quiet“ auf „riot“ reimt und die neue Religion sehr klar benannt wird:

„Massacres, massacres, massacres/new shoes“ bzw. „stop crying/ start buying“

Kate Tempest will auch das Plakative, den Arbeiterpathos, den Unterschichtenkitsch:

„All of the blood that was bled for these cities to grow/ All of the bodies that fell/ The roots that were dug from the earth/ So these games could be played/ I see it tonight in the stains on my hands“

Ein bisschen ähnelt sie da dem Landsmann und Filmemacher Ken Loach, auch wenn sie lyrischere Bilder findet als er. Angesichts des bevorstehenden Brexits dann die Zeile:

„England! England! Patriotism!/ And you wonder why kids want to die for religion?“

Verzeihen wir ihr den unreinen Reim, denn trotz all der biestigen Manager und xenophoben hyppocrites ist der tatsächliche Schuldige nun endlich gefunden:

„But him in a hoodie with a couple of spliffs/ Jail him, he’s the criminal“

Und nochmal, damit es auch jeder mitkriegt: „Jail him, he’s the criminal“.

Am Ende bezeichnet Tempest England als „the land where nobody gives a fuck“. Leider ziemlich gut übertragbar auf andere europäische Länder, n’est-ce pas?

Tina Manske