Geschrieben am 1. Februar 2012 von für Musikmag

Lana Del Rey: Born To Die

Lana Del Rey: Born To DieGalionsfigur

– An Lana Del Rey scheiden sich die Geister. Die einen halten sie für den neuen Star am Pophimmel, die anderen für ein Marketingprodukt, das mit den Mechanismen des Internethypes spielt. Janine Andert klärt die Fronten.

Ihr erstes Album, noch unter bürgerlichem Namen Lizzy Grant, ging sang und klanglos unter. Mit neuem glamourösen Namen startet sie jetzt durch und wird erneut als Debütantin verkauft. Wenn Universal die MP3-Version dieses sogenannten Debüt-Albums bei Amazon für 5 € anbietet, liegt der Gedanke nah, hier wird Erfolg erzwungen. Es kann aber auch als Entgegnung auf die Downloadgesellschaft gesehen werden, der Versuch, wenigstens etwas Geld in die Kassen der krankenden Musikindustrie zu spülen.

Denn Del Rey ist vor allem eines: Eine Galionsfigur, die eine in Sparten und Untergruppierungen zersplitterte Musiklandschaft wieder vereinen könnte; eine Hoffnungsträgerin des großen Pop, die sich als allumfassender Radiostar präsentiert. Lana Del Rey vereint in ihrer Musik dann auch alles Erdenkliche von Hip-Hop bis zur stürmenden Powerballade. Sie selbst bezeichnet ihre Musik als „Hollywood Sadcore“ und sieht sich in der Tradition von Jim Morrison und Elvis. An Selbstbewusstsein scheint es nicht zu mangeln. Aber wer weiß schon, was sich hinter so viel Maskerade wirklich verbirgt. Über ihre gespritzten Lippen und das affektierte Hollywood-Glamour-Gehabe muss nicht mehr viel gesagt werden. Eine vermutlich hübsche, aber stark überschminkte und overdresste junge Frau singt pathetisch über unglückliche Liebschaften und versucht sich dabei in einer Mischung aus White Trash und 60s-Retro-Schick. Eine Pin-Up-Fantasie, bei der nicht sicher ist, ob da gerade ein Theaterstück aufgeführt wird oder Pop Musik. Haarsträubend, dass sie als authentisch an den Mann gebracht werden soll.

Die Frage nach Authentizität im Post-Gaga-Zeitalter, an der die gesamte Thematik schon einmal abgearbeitet wurde…

Lady Gaga ist allerdings zu discolastig, um auch die Indie-Fraktion in den Bannkreis zu ziehen. Del Rey überzeugte mit den Vorabsingles „Video Games“ und „Blue Jeans“. Herzzerreißender Powerpathos, bei dem man sich wieder wie 12 fühlt und im Kopfkino an der Mini Playback Show teilnimmt – da hätten sie auch falsche Wimpern angeklebt. Das theatralische Moment geht weiter bei den Texten. Eine endlose Litanei über unglückliche Liebe und Tod.

Das alles soll Lana Del Rey in Eigenregie inszeniert haben. Schnell dazu einen selbst gebastelten Videoclip auf YouTube gestellt, der nebenbei als Anschauungsmaterial von 50 Jahren Videokunst durchgeht und die Aufnahme an der Filmhochschule garantiert, und – schwupps – klickten da über 20 Millionen Leute drauf. Ende letzten Jahres tourte sie dann durch eine Menge kleiner Clubs, obwohl bereits größere Venues sinnvoll gewesen wären. Clubs haben so etwas Intimes. Außerdem kann mit einer ausverkauften Tour geprahlt werden.

Das ist die Sache mit Lana Del Rey – es geht vordergründig um Äußerlichkeiten und Rezeption. Die Diskussion wird nicht auf Basis ihrer Musik, sondern auf Basis ihres Images ausgetragen. Hinsichtlich der Anklage, dass sie sich den musikalischen Erfolg mit dem Geld ihres reichen Vaters oder der fantastischen PR ihres Labels erkauft hat, bleibt zu bemerken, dass Gotye mit weitaus mehr als doppelt so vielen Videoabrufen als Lanas „Video Games“ auch keine PR-Strategie unterstellt wird bzw. es irrelevant ist.

Also zurück zur Musik. „Born To Die“ erfüllt die Erwartungen. Lanas Stimme ist voluminös produziert, der Sound fett und das Hollywood-Film-Orchester vollständig zu den Aufnahmen angetreten. Der zweite Song, „Off The Races“, klingelt gewaltig in den Ohren – Britney-Pop mit lang gezogenen Gesangsschlänkern in Tonfrequenzen, die wehtun. Sowas läuft auf Radiosendern, die als legalisierte Folterinstrumente durchgehen. Zum Glück kommen danach „Blue Jeans“ und „Video Games“. Der amerikanische Sound wird mit Songs wie „Diet Mountain Dew“ und „National Anthem“ zur Gänze ausgereizt, genauso wie die Texte über ungesunde Beziehungen. Die Botschaft ist angekommen! Dunkle Melancholie – nach Zola Jesus massenkompatibel – mit Backgroundchor und viel Produktionstechnik zu austauschbaren Hits aufgebauscht: Es wird langweilig. Aufwachen könnte der ein oder andere bei „Summertime Sadness“. Der Song ist ganz nett. Lana singt mit tiefer Stimme was von Sommer und Traurigkeit. Ein belustigender Gedanke, dass in ein paar Monaten bei gleißender Hitze und Sonnenschein dieser Song permanent zu hören sein wird. Das ist ja fast wie in den 80ern, als das Partyvolk glückselig zu Tears For Fears „Mad World“ tanzte und im Suff „the dreams in which I’m dying are the best I’ve ever had“ mitgröhlte…

Lana Del Rey sagt, sie will mit ihrer Musik Leben zerstören. Könnte klappen, wenn Lana-Befürworter und -Gegner an der heimischen Stereoanlage aufeinander treffen. Bis auf die vorab veröffentlichten Hits ist „Born To Die“ wenig interessant. Überproduzierter Radiopathos, der viel zu poppig und stereotyp daherkommt und schnell zu einer Überdosis Lana Del Rey führt.

Janine Andert

Lana Del Rey: Born To Die. Universal. Die Sängerin bei Facebook. Zur Homepage von Lana Del Rey. Reinhören bei Youtube.

 

 

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