Geschrieben am 10. Juli 2013 von für Musikmag

Kirin J. Callinan: Embracism

callinan_embracismMan kann es nicht jedem recht machen

– Ein skandalträchtiger Typ mit Hang zu Industrial, Indie-Charme und ambitionierten Musikvideos veröffentlicht sein erstes Full-Length-Album als Solokünstler. Julia Hess fragt sich, wie um alles in der Welt sie von Kirin J. Callinan erst jetzt erfahren durfte.

Bei meiner Recherche zu „Embracism“ musste ich vor allem eines feststellen: Callinan macht mehr Schlagzeilen mit seiner polarisierenden Erscheinung als mit seiner Musik. Während er neuerdings eher auf Nacktheit setzt, war früher Cross-Dressing angesagt. Beides ist erstmal absolut nichts Besonderes und ja eigentlich schon wieder völlig Mainstream. Ein Künstler, der Geschlechterrollen neu verhandelt, ist an sich doch sowieso Vorbild. Reine Provokation sieht jedenfalls anders aus. Doch dann ist da die Rede von einem Auftritt des Australiers beim Sugar Mountain Festival in Melbourne. Kurz gesagt, der Sänger wollte zusammen mit Filmemacher Kris Moyes eine Art „Epilepsie-Performance“ zum Besten geben. Die Veranstalter waren von diesem Vorhaben allerdings wenig begeistert und verhängten ein Auftrittsverbot. Mehr dazu kann man hier nachlesen.

Inspiriert wurden die beiden von Moyes‘ Musikvideo zu Callinans Single „Way To War“, jenem hochgelobten Clip, der in seiner springenden Bildabfolge Kritiker zu Vergleichen mit obigem Krankheitsbild verleitete. Der Song steht für die unruhige, fast anstrengende Seite des Albums. Die unterkühlte Atmosphäre in Kombination mit Callinans betont maskuliner, bedrohlicher Stimme erzeugt Spannung und lässt zwischen Abschalten und Lauterdrehen schwanken. Zur eher industriallastigen Seite zählt auch der Titelsong. „Embracism“ erinnert nicht nur durch die Endsilbe an Nine Inch Nails‘ „Survivalism“. „A man is physical, and a man has to put his physical body to the test“ stellt Callinan fest. Im dazugehörigen Video nimmt er eine Dusche und trainiert währenddessen mit Hanteln, eine gewisse Queerness ist dabei immer präsent.

Als Kontrast zur kühlen Seite wird Callinan’s Solodebut mit „Victoria M“ eingängig und poppig. Der Sänger wirkt plötzlich auf eine charmante Art zerbrechlich und emotional, auch wenn das klassische Arrangement nicht ganz auf einen Touch Bösartigkeit verzichtet. Nach einem sphärischen Einstieg erzählt „Chardonnay Sean“ von einem fiktionalen Autounfall, bei dem Callinan der Verursacher ist. Beeindruckend schildert er seine Gefühle als „Täter“, verpackt in einem gitarrenlastigen Popsong. Das wunderschöne „Love Delay“ ist der perfekte Abschluss. Callinan verkündet, halb singend, halb schreiend: „You know me Fire“ und der balladeske Song türmt sich zu einem rumpelig-eingängigen Rock-Refrain, den man so schnell nicht mehr vergisst.

„Embracism“ ist viel mehr als reine Provokation eines Enfant terrible. Kirin J. Callinan ist kein Möchtegern-Marylin-Manson, sondern ein glaubwürdiger Künstler, der im Musikalischen und Visuellen Grenzen auslotet. Die Platte punktet mit ihrer Vielseitigkeit und wirkt auch in den Pop-Momenten nie angepasst. Ein kompletter Hördurchgang lässt jedoch den roten Faden etwas vermissen. So wirkt „Embracism“ eher wie eine Songansammlung. manches Stück ist verzichtbar, stört aber auch nicht großartig. Trotzdem, ein spannendes, gelungenes und vielversprechendes Debüt, wenn man sich darauf einlässt.

Julia Hess

Kirin J. Callinan: Embracism. X1 Beggars Group. Zur Homepage.

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