Posted On 15. November 2016 By In Musikmag With 1068 Views

Karies: Es geht sich aus

karies_esgehtsichausHalb voll oder halb leer?

Aus Stuttgart kommt die Postpunk-Band der Stunde. Einer der Songs ihres Debüts „Seid umschlungen, Millionen“ hieß „Abwärts“, und die Punker gleichen Namens aus den 80ern dürften tatsächlich auch zu ihren Idolen gehören (oder halt eben DAF, trifft es genauso gut). Sie hätten auch wunderbar ins Buch „Damaged Goods“ aus dem Ventil Verlag gepasst, als Vertreter derjenigen, die die Geschichte von Punk aktuell weiterschreiben.

Karies sind nicht gut gelaunt. Aber sie schwelgen auch gerne in diesem Nicht-gut-gelaunt-sein. Und sie spielen verdammt gut und präzise. Die Basslinien sind stoisch, wie an der Schnur gezogen. Dazu Texte, die schön melancholisch und patzig sind: „In deiner Umarmung will ich heut Nacht nicht schlafen/ in deinem Griff will ich nicht länger sein/ wir werden glücklich getrennt sein und frei für immer (aus „Es ist ein Fest“). Kevin Kuhn beharkt dabei die Drums in liebezeitähnlicher Geduld, fantastisch (bestes Beispiel dafür auch „Ostalb“).

Vom Zahnarzt kommen (kein Schmäh!) und aus der S-Bahn raus den Supermoon beobachten, wie er von den Stromleitungen und den düsteren Bäumen rhythmisch durchschnitten wird: Besser kann man das Setting für das Hören dieser Platte nicht wählen. „Alles muss sich ändern, um zu bleiben wie es ist („Jugend“), genau so wirkt auch die Musik von Karies, immer gleich, von Wiederholung lebend, aber im Fluss der stetigen Veränderung. Die Single „Keine Zeit für Zärtlichkeit“ birgt gleich zu Beginn ein hübsch dissonantes, aber rhythmisch gefälliges Tasten-Störgeräusch, das noch beim wiederholten Hören entzückt. „Das Leben wird mit allem fertig/ das Leben wird auch mit dir fertig“, heißt es dann mit lächelnden Augen, im Video dazu streift die Kamera über postapokalyptische, menschenleere Landschaften und Bauwerke, dann in die andere Einsamkeit der Pubs. Oftmals sind auch gar keine Worte nötig, oder halt nur eines wie „Fernsehflamme“.

Am Ende des Tages geht es sich eben nicht aus. Nur eines noch: Ist das Glas eigentlich halb voll oder halb leer?

Tina Manske

Karies: Es geht sich aus. This Charming Man.

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