Posted On 7. November 2017 By In Musikmag With 431 Views

Interview mit Wolfgang Müller zum 60. Geburtstag

Doris.coverDie Tödliche Doris – Performance. Wolfgang Müller zum 60. Geburtstag

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Mit „Die Tödliche Doris – Performance“ macht sich Wolfgang Müller (* 24.10. 1957) zu seinem 60. Geburtstag selbst ein Geschenk:
In diesem Künstlerbuch beschreibt er die Hintergründe performativer Aktionen der Gruppe, die er 1980 zusammen mit Nikolaus Utermöhlen (*1958 – 1996) gründete. 1987 löste sie sich in Weißwein auf. Ab 1981 schlossen sich weitere Mitglieder an wie Chris Dreier, Tabea Blumenschein, Dagmar Dimitroff und Käthe Kruse.

Wolfgang Müller und Nikolaus Utermöhlen waren von 1980 bis 1987 Studenten der Filmklasse bei Prof. Wolfgang Ramsbott an der UdK und drehten eine Vielzahl von Super-8-Filmen, die sich heute in Sammlungen wie dem Hamburger Bahnhof/Museum der Gegenwart Berlin, der Kunsthalle Hamburg, Design-University Kobe, Japan oder im Schloss Moritzburg/ Sächsisch-Anhaltinische Kunstsammlung befinden.

Allein aus finanziellen Gründen war das Medium Video in den frühen Achtzigern für die meisten Kunststudenten kaum zugänglich. Trotzdem entstanden mit Hilfe geliehener Kameras oder mit Hilfe von Fernsehproduktionen eine Anzahl Videos, die in „Die Tödliche Doris – Performance“ erstmals in 31 digitalisierten, überarbeiteten und restaurierten Fassungen zu sehen sind. Die Videos bearbeitete Wolfgang Müller mit Hilfe von Ming Wong und unter Supervision von An Paenhuysen im Videostudio von Ulf Wrede. Darunter sind Entdeckungen wie ein Auftritt der Tödlichen Doris im New Yorker The Kitchen, betitelt „Hommage an Allan Jones“ oder die Debüt-Trilogie in der NDR-Videonacht im gleichen Jahr (1984).

„Die Tödliche Doris – Performance“ erscheint im Berliner Hybriden-Verlag als zweisprachiges Künstlerbuch, in englischer Übersetzung von Walter Crasshole mit zahlreichen Fotos und in einer Auflage von 100 Exemplaren. Inliegend zwei DVDs und je eine Originalzeichnung des „siebenköpfigen Informators“ von Wolfgang Müller.
502-wolfgang-mueller-1421243344Fünf Fragen vom culturmag an Wolfgang Müller:

1. Du bist so beschäftigt wie nie zuvor – stimmt das oder ist das nur mein Eindruck?

Ab 2015 hatte ich eigentlich vor, eine Art größere Pause zu machen. Also, im letzten Jahr produzierte ich mein BR2-Hörspiel „Intervallum – Hommage an die Pause“. Die Anregung kam durch Valeska Gerts Tanz „Pause“ von 1919. Am Hörspiel beteiligten sich Musikerinnen wie Charlotte Simon, Gudrun Gut, Claudia Urbschat-Mingues und Chris Dreier. Mit Chris Dreier nahm ich jetzt die Vinyl SPRECHPAUSE auf, die im Dezember beim schwedischen Label fangbomb erscheint und die wir am 11.11. in der 4’33“-Gala im HDK im No! MUSIC Festival präsentieren. Da sind fünf Noise-Pausenmusiken zu hören. Danach wollte ich pausieren.

2. Wie hast du dir dich mit 25 als 60-jähriger vorgestellt? (Falls du darüber überhaupt nachgedacht hast)

Offen gesagt hatte ich gar keine Vorstellung. Mein Vater starb mit 55, und jetzt bin ich bereits fünf Jahre älter als er. Das ist irgendwie sonderbar. Ich fragte mich immer, ob es zwangsläufig so ist, dass ältere Menschen anfangen zu glauben, sie wüssten mehr als jüngere, so aus dem tiefen Glauben an ihre Erfahrung. Das fand ich als junger Mensch immer sehr unangenehm. Zum Glück habe ich festgestellt, dass ich immer weniger weiß, je älter ich werde. Das ist gut zu erfahren, denn sonst würde man sich ja total langweilen.
3. Was erzählst du jemand, der/die noch nichts von Wolfgang Müller oder der Tödlichen Doris gehört hat?

Mein Name ist so banal, dass irgendwann mal jemand dachte, er müsse ein Künstlerpseudonym sein. So etwas wie Otto Normal. Also ähnlich wie Ming Wong, ein großartiger Künstlerfreund aus Singapur, der seit zehn Jahren in Berlin lebt, direkt nebenan in der Adalbertstraße. Meist kommt man eh durch andere, ganz banale Themen mit anderen ins Gespräch. Das kann eine Islandreise, eine Zugverspätung oder der Kauf eines Brotes sein. Und Doris? Das war ein Versuch, 1980 einen Popstar ohne Körper zu erschaffen und zu schauen, was dessen permanente Dekonstruktion am Ende so hervorbringt. Heute darf jeder über Doris schreiben und denken, was er oder sie will. Es ist alles irgendwie richtig.
4. Die Bedeutung von Doris für die heutige Zeit?

Bandmitglied Tabea Blumenschein hat kürzlich Kostüme, die sie damals für die Band schneiderte, in drei Heften aufgezeichnet. Tabea war ein Star bis in die Anfänge der 1980er, lebte in einer 6-Zimmer Wohnung in Schöneberg, fiel ab Mitte der 1980er für einige Jahre in die Obdachlosigkeit und zog sich aus dem kulturellen Leben fast völlig zurück. Heute lebt sie in einer bescheidenen 1-Zimmer Wohnung in einem Plattenbau in Marzahn. Kürzlich sagte sie zu mir: Ob man nun in Berlin-Zehlendorf oder Berlin-Hellersdorf lebt – die Intelligenz bleibt überall gleich. Solche banalen Wahrheiten, die eigentlich ganz revolutionär sind, könnten von Doris stammen.

5. Was kommt als nächstes von Wolfgang Müllerrr?

Im Januar 2018 werde ich mit An Paenhuysen mein neues Buch „11 Objekte der Missverständniswissenschaft“ in der Botschaft von Belgien präsentieren. Dazu wird es in sechzehn Büchern Augenaufhaltstäbchen geben, aus purem Gold. Solche Stäbchen haben die Isländer vor hundert Jahren aus den Kieferknochen des Kabeljaus gemacht, um beim Stricken eine Woche vor Weihnachten zur Schuldenabbezahlung nicht einzuschlafen. Das „Tepra“, so nennt sich dieser Wachstab, ist auch das Logo meiner Walther von Goethe-Foundation.
For further reading:

60 Fragen zu 60 Jahren WM im tip berlin:
https://www.tip-berlin.de/wolfgang-mueller/

Christina Mohr