Geschrieben am 16. Mai 2012 von für Musikmag

Gossip: A Joyful Noise

Gossip: A Joyful NoiseSo real, wie man im Popgeschäft nur sein kann

– Ausverkauf? Verrat gar? Christina Mohr nimmt Gossip in Schutz, denn zur Verbreitung der überaus realen Utopie einer besseren, toleranteren, cooleren Welt gehören auch die große Show und PR-Maßnahmen.

Es ist nicht schwer, über Gossip zu schimpfen, dem Trio Ausverkauf und Verrat am Punk-Ethos vorzuwerfen: die Band ist in allen großen TV-Shows zu sehen – unvergesslich Beth Dittos gutgelaunter Angriff auf Hansi Hinterseer bei „Wetten, dass…?“, daneben Auftritte bei Bambi- und Echo-Verleihungen, bei „Schlag den Raab!“, „TV Total“ und natürlich den internationalen Award-Shows. Ditto ziert Cover von Hochglanzmagazinen, entwirft Dicken-Mode und wird in Kürze ihre Make-up-Linie bei MAC vorstellen. Die Single „Heavy Cross“ aus dem letzten Gossip-Album „Music For Men“ hielt sich über zwei Jahre lang in den deutschen Charts, das schaffte bisher nur DJ Ötzi mit „Ein Stern, der deinen Namen trägt“. Gossip bieten also genügend Angriffsfläche für Unmutsbekundungen – Lästereien und Wortspielereien über Dittos Körpermaße außen vor gelassen.

Aber mal ehrlich, Leute: freut euch doch, dass es Gossip gibt! Vergleichbare Pop-Phänomene gab es allerhöchstens in den Achtzigern, als Alison Moyet, Boy George und andere Nonkonformisten zu Weltstars werden konnten, was zehn oder zwanzig Jahre später durch Sport- und Fitnesswahn und allgemeine Rückbesinnung auf traditionelle, heteronormative Werte nicht mehr so einfach möglich gewesen wäre.

Beth Ditto, Schlagzeugerin Hannah Blilie und Quotenmann Nathan Howdeshell (Gitarre) gründeten The Gossip 1999 in Olympia, Washington – an eine Karriere dachte damals niemand, im Vordergrund standen Spaß am Musikmachen und die Wut auf herrschende Verhältnisse. Die Punkwurzeln sind aus dem Bandsound inzwischen weitgehend verschwunden, auch das „The“ im Namen gab man auf. Seit dem Album „Standing In The Way Of Control“ von 2006 werden Gossip als Indie-Disco-Combo mit politischem Anspruch wahrgenommen – doch ihr unbestreitbares Plus ist und bleibt Beth Ditto, die Trude Herr der Riot-Grrrl-Bewegung, gesegnet mit einer Stimme wie Donnerhall und jeder Menge gesunden Selbstbewusstseins. Diesem Selbstbewusstsein ist es letztendlich zu verdanken, dass aus dem Außenseitertrio Galionsfiguren des LGBT-Movements wurden, die überdies den Weg in den Mainstream schafften – was an dieser Stelle eindeutig positiv gewertet wird.

Denn: Lady Gaga und Madonna mögen sich noch so sehr an jegliche freak scenes anbiedern, ihr Engagement bleibt auf Oberflächlichkeiten und Fragen des Stylings beschränkt. Gossip dagegen sind so real, wie man im Popgeschäft nur sein kann; Beth Ditto kokettiert nicht damit, eine dicke Lesbe zu sein, sie ist es. Dass zur Verbreitung der überaus realen Utopie einer besseren, toleranteren, cooleren Welt die große Show und PR-Maßnahmen dazugehören – well, Ditto lacht sich eins, gibt den Affen Zucker und ihre scheuen Band-KollegInnen überlassen ihr gern das Feld.

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Auch für das neue, von Brian Higgins und Mark Ronson (!) produzierte Album „A Joyful Noise“ (übrigens ein biblisches Zitat: „make a joyful noise for the lord“ heißt es in Psalm 98 der „King James Version“) rühren Gossip heftig die Werbetrommel, keine Zeitung kommt ohne Interview mit der Band resp. Ditto aus. Die Single „Perfect World“ läuft im Radio rauf und runter und ist keineswegs der beste Song der Platte – allzu glatt gebügelt und chartkompatibel wirkt dieser Track, der den bereits erwähnten Ausverkauf-Vorwürfen Tür und Tor öffnet.

Gossips Qualitäten zeigen sich an anderen Stellen: augenzwinkernd und doch ganz ernst gemeint empfiehlt, nein, befiehlt Ditto den Hipstermädchen dieser Welt in „Get A Job“, sich endlich um ein eigenes Auskommen zu bemühen und nicht länger den Eltern auf der Tasche zu liegen. „Move In the Right Direction“, „Involved”, “I Won´t Play” und Get Lost“ sind Gossip-typische, mitreißende Empowerment-Songs, voller Energie und Enthusiasmus. Hedonistisch und definitiv zum Tanzen gemacht ist „Horns“, bei dem Beth Dittos Gospel-Soul-Königinnen-Organ in voller Pracht ertönt. Klar: „A Joyful Noise“ ist Mainstream. Kein Punk. Beth Ditto liebt Abba und das merkt man auch; Hannah Blilie und Nathan Howdeshell haben sich musikalisch „weiterentwickelt“, wie man so schön sagt und das geht schon in Ordnung. Also, noch mal zum Mitschreiben: Gossip sind toll, auch wenn es ihre Musik nicht immer ist.

Christina Mohr

Gossip: A Joyful Noise. Sony. Zur Homepage. Gossip live in Deutschland: Rock im Park und Rock am Ring (1. bis 3. Juni)

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