Geschrieben am 30. April 2014 von für Musikmag

Fliegl & Mohr – Original Album Classics: Stray Cats

original-album-classics-stray-catsMaßgeschneiderter Nietenhandschuh

MO: Hello Mr. Fliegl, mit der Post ist vor kurzem was Hübsches reingekommen: Ein 3-CD-Boxset mit den ersten Alben von den Stray Cats! Fällt dir dazu was ein?

MF: Na klar! Meine erste Begegnung mit den Stray Cats war die Live-Rockpalast-TV-Show von der Loreley in 1983, da kam dann noch obendrein der vorher aufgetretene Dave Edmunds mit auf die Bühne. Gott segne das Internetz hierfür, ich hätte natürlich NIE mehr zusammenbekommen, wann das war .

Logischerweise habe ich mir SOFORT die Debüt-LP geholt. Mich hat die Band einfach mit ihrer Dynamik umgehauen, das war total stimmig, was die da rüberbrachten, mal abgesehen von den 80er-toupierten Overstyle-Tollen, brrr… Die Stray Cats haben mich seither nie mehr losgelassen, ich besitze alle offiziellen Studioalben auf Vinyl, sogar die PHANTOM ROCKER & SLICK sowie diverse Kuriositäten auf CD & DVD. Mein erstes Live-Concert gab’s dann im Frankfurter Volksbildungsheim, entweder Juli ’89 oder ’90, keine Ahnung mehr wann genau. Seltsamerweise ist meine einzige Erinnerung an diesen an und für sich superben Abend jener Greaser, der die Daltons im Entenmarsch auf den Oberarm tätowiert hatte. Möglicherweise zuviel Alkohol im Vorfeld?!?

Danach habe ich sie nochmal in der seligen Frankfurter Music-Hall gesehen,1992, ich stand links von der Bühne und war begeistert von der Akrobatik! Die 2004er-Comeback-Tour habe ich leider komplett verpasst. Es gab dann noch Besuche bei Brian Setzer’s 68 Special in der Darmstädter Centralstation in 2001 und 2011 bei Slim Jim Phantom im Marburger Knubbelcenter vor ca. 70 (!!!) zahlenden Gästen. Das ist mir noch in allerbester Erinnerung, nicht nur weil ich mich dort auf ein Foto mit draufgemogelt habe: Slim Jim ist ein absolut freundlicher, bescheidener Typ, ich habe bei ihm persönlich (!!) nachher noch ein Tour-T-Shirt gekauft und mich für die erstklassige Show per Handshake bedankt. Muss man sich vorstellen : am Abend vorher steht der Knabe noch mit den Head Cats (Danny Kaye und Lemmy Kilmister) in Berlin vor 3000 Leuten und dann dieses intime energiegeladene Concert, unglaublich.

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MO: Den Rockpalast-Auftritt mit Dave Edmunds habe ich auch gesehen – aber ich bin mir ziemlich sicher, dass ich die Stray Cats vorher schon kannte (genau kann ich das nach über dreißig Jahren nicht mehr sagen, ähem), zumindest von Zeitschriften-Covern. Und ich glaube, dass ich das erste Album damals auch schon hatte, aber das ist wie gesagt nur eine Mutmaßung. Ich fand die damals total geil – ich mochte allerdings auch Shakin‘ Stevens, Matchbox und die „Eis am Stiel“-Filme; Anfang der Achtziger gab es ja diesen Rock’n’Roll-/Rockabilly-Revival-Trend, und das mochte ich total.

Die Stray Cats begegneten mir ungefähr zur selben Zeit wie Motörhead, die B 52s und Adam & The Ants und ich war Fan von allen – tolle Mischung, oder? Ulkig ist ja, dass Slim Jim später mit Lemmy bei den Head Cats spielt: es gibt also definitiv eine Verbindung 😀

Ich war ja quasi noch ein Kind damals und hielt alles irgendwie für Punk, auch die Stray Cats; aber so weit hergeholt ist das gar nicht. „Rock This Town“ ist bis heute ein Lieblingssong von mir. Die comichaften Monstertollen fand ich übrigens prima – in Verbindung mit dem Kindergesicht von Brian Setzer: großartig und lustig!

Irgendwann fand ich Rock’n’Roll und Rockabilly aber doof; das fing so Ende der Achtziger an. In „meiner“ Studentenstadt Gießen gab es eine Truppe namens „Back to the Fifties“, die zwar sehr stilecht mit Schmalztollen und Kontrabässen auftraten, aber so spießig und brav waren, dass ich auch mit der Musik nichts mehr zu tun haben wollte. Damals hörte ich Nirvana, die Breeders und Sonic Youth. Bart und lange Haare hatte ich aber nicht 😀

Diese Glorifizierung der Fünfziger Jahre kam mir total rückständig vor, außerdem waren die stilistischen Mittel ja doch irgendwie beschränkt. Ausnahmen waren für mich Psychobilly-Bands wie die Meteors, Guana Batz und Demented Are Go!

MF zum ersten Album: Nach dem1980 erfolgten Standortwechsel von den USA nach London lernten sie dort ihren ersten Produzenten Dave Edmunds kennen, der ein Großteil ihres Debuts von 1981 produzierte. Da sind auch ihre wichtigsten Klassiker drauf wie: „Runaway Boys“, „Fishnet Stockings“, „Ubangi Stomp“, „Rock This Town“, „Rumble In Brighton“ und „Stray Cat Strut“.

Eingespielt sound- und stiltechnisch in einem Guss und lediglich mit dem Saxofonisten Gary Barnacles als Backup ist dieses Album noch heute ein Meilenstein im Rockabilly-Revival und hat maßgeblich zu einem Retro der Fifties und der Teddyboy-Culture beigetragen. Zweifellos ein Must Have in jeder Sammlung! Und ihre Over-The-Top-Megatollen sind bis dato nur noch von den Leningrad Cowboys getoppt worden.

Das noch im selben Jahr im legendären AIR-Studio auf der Karibikinsel Montserrat aufgenommene Album „Gonna Ball“ bestach gegenüber dem Erstling mit einer größeren Stil-Vielfalt. „Only the cheapest most inferior instruments went into the making of this album“ – dieser Satz auf dem Backsleeve gibt also die Richtung vor, und das Ergebnis kann sich hören lassen! Der Sound ist jetzt (1981) rockiger, erdiger und bluesiger. Dieses Mal sind auch mehr Gastmusiker dabei, unter anderen der 6. Rolling Stone Ian „Stu“ Stewart an den Keyboards, was wohl zur Folge hatte, dass die Stray Cats in ’82 Toursupport ebenjener Stones wurden. Nicht zuletzt taucht auch zum ersten Mal auf dem Backsleeve als Tattoo auf dem Arm von Brian Setzer ihr Logo, der Greaser-Katerkopf, auf.

Das Rebel-Rouser-Biker-Gang-Coverartwork rundet die Musikmelange stilistisch perfekt ab und passt wie ein maßgeschneiderter Nietenhandschuh.

Anspieltipps: die Riff-rockigen Reißer „Little Miss Prissy“ und „Crazy Mixed-Up Kid“, das Rhythm-Bluesige „Cryin‘ Shame“, das jazzige „(She’LL Stay Just) One More Day“ (hier singt mal Slap-Bass-Akrobat Lee Rocker), „Gonna Ball“ und „Wasn’t That Good“ runden das Potpourri ab, ganz so als hätte man Gute-Laune-High-Octane-Spray verabreicht bekommen.

Das dritte Album „Rant & Rave With The Stray Cats“ von ’83 ist eine noch deutlichere Verneigung vor den klassischen Vorbildern, sowohl textliche und vor allem gesangliche 50s-Rip-offs sind hier zu hören. Dave Edmunds fungiert dieses Mal alleine als Produzent.

Es geht los mit dem Bo-Diddley-mässigen Kracher „Rebels Rule“. In das swingende „Look At That Cadillac“ drückt der kongeniale Studiogast Mel Collins seinen Saxophonstempel rein. Mit „18 Miles To Memphis“ zaubert Brian mal eben einen countryesken Truckersong mit Hawaii-Steel-Guitar aus dem Hut, die drei donnern unaufhaltsam wie 18 Tonnen Stahl auf 16 Rädern durch die Boxen in die Bude. „(She’s) Sexy 17“ ist natürlich eine Chuck Berry- und „The Killer“-Jerry Lee Lewis-inspirierte Teenage-Ode, darf ja auf keinen Fall fehlen, sowas.

Genausowenig wie die zuckersüße Moonlight-Serenade „I Won’t Stand In Your Way“.

„Boom boom shang a lang shimmy shimmy shoo wop bang bang“ – der Nonsens-Refrain aus „Hot Rod Gang“ ist mitnichten nochmal ein Tip-To-The-Hat an Little Richard, sondern vielmehr auch der musikalische Querverweis auf das Artwork des Covers, radkappenklauende Rodder mit Big Daddy Ed Roth-Ruch, auf dem Backsleeve in der Ecke prangt der Rat Fink, im Inlay ein Hot-Rod-Cartoon, und erstmals auch der Teddy-Boy-Kater, ihr Markenzeichen, nicht bloß als Tattoo auf Brians Oberarm.

Mein Fazit: jede der drei Scheiben ist Gold wert, mag da gar keine hervorheben, denn ich komme immer SOFORT gut drauf beim Hören. Die Spielfreude schwappt einfach aus den Boxen und geht direkt in die Blutbahn.

Mittlerweile selbst längst im Musik- und Stilikonenstatus haben die Stray Cats ganze Horden von Neo-Greasern, Billys und Rock’n’Rollern geprägt und sind nicht ganz unschuldig an der aktuellen Retrowelle.

Was für ein grosses Geschenk diese Band doch war und immer noch ist!

MO: Wow, mit deiner Begeisterung und Sachkenntnis kann ich nicht ganz mithalten! 😉

Mein Lieblingsalbum von den Stray Cats ist und bleibt das Erste: da sind die drei noch so richtig schön rau und wild und schmutzig! Die anderen beiden Platten sind in der Tat abwechslungsreicher, aber auch glatter. Heute hören sich „Gonna Ball“ und „Rant’n’Rave“ ganz schön brav an, finde ich…

Das Sony-Boxset hat übrigens keinerlei Bonus-, Extra- oder unveröffentlichte Tracks zu bieten: einfach nur die drei ersten Alben im Pappschuber, fertig. Ich find‘ sowas ja gut – viele sogenannte Bonustracks sind ja meistens völlig zu Recht vorher unveröffentlicht geblieben 😀

Mir fällt übrigens gerade auf, dass ich Ende der Achtziger dem Rockabilly keineswegs so konsequent abgeschworen hatte, wie ich oben so vollmundig behaupte: 1989 kam „Blast Off“ von den Stray Cats raus, was zwar kein sooo tolles Album ist, mir aber aus verschiedenen Gründen sehr viel bedeutet hat… Wahrscheinlich hab ich das damals gehört, um die schrecklichen Gießener „Back to the Fifties“ wieder aus dem Hirn zu bekommen!

Michael Fliegl & Christina Mohr

Original Album Classics: Stray Cats (Drei CDs: 1st, Gonna Ball, Rant’n’Rave, SonyMusic). Zur Homepage.

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